Gesundheit : Anmut

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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„Schwammerl. Anmut und Vielfalt der Pilzwelt“ – ich habe dieses inzwischen vergriffene Büchlein nie in den Händen gehabt und will gar nicht bezweifeln, dass ein Liebhaber von Pilzen daraus solide Informationen entnehmen kann. Aber schon bei der Lektüre des Titels dieses Ratgebers stellt sich leise Irritation ein. Gibt es denn wirklich „Anmut“ in der Pilzwelt? Schiller hat der mehr oder weniger kluge Kopf, der den Titel formulierte, jedenfalls nicht gelesen. Denn der Dichter definierte Anmut als „Ausdruck in der Erscheinung einer schönen Seele“, „wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren“. Dies alles von Pilzen auszusagen, scheut sich vermutlich auch ein eingefleischter Schwammerl-Liebhaber.

Wenn man sich klar macht, dass Anmut beschrieben werden kann als ein äußerer Ausdruck von Schönheit eines innerlichen Gleichgewichtes, als Schönheit, die, wie Schiller sagt, durchaus auch am Nichtschönen auftreten kann, dann versteht man zugleich, warum so wenig Menschen wissen, was Anmut ist: Wer kein Ohr für die leisen Töne hat, hört den Misston gar nicht, den der Titel des Pilzführers erzeugt; wer nur an den Extremen Gefallen findet, hat kein Gespür für die stille, zarte Schönheit des Gleichgewichtes von Geist und Natur, Gesellschaft und Individuum oder Sinnlichkeit und Vernunft. So etwas beispielsweise auf eine Bühne zu bringen, ist hohe Kunst des Schauspiels und wahrscheinlich schwieriger, als sich zu einer Schändung aufs Parkett zu legen.

In der kurzen Zeit nach dem Mauerfall, als mindestens im Osten nichts mehr selbstverständlich war, haben einige Intellektuelle der alten DDR vorgeschlagen, zur neuen gesamtdeutschen Nationalhymne ein Gedicht von Brecht zu erheben. Es trägt den hintersinnigen Titel „Kinderhymne“ und seine erste Zeile lautet: „Anmut sparet nicht noch Mühe/ Leidenschaft nicht noch Verstand“. Man mag trefflich darüber streiten, ob das wirklich ein guter Text für eine Nationalhymne gewesen wäre – aber mich fasziniert an dieser Zeile immer, dass hier die Anmut nicht in den Kitsch abgleitet, sondern mit der Mühe verbunden mitten im Alltag steht und – Schiller nicht vollends unähnlich – damit indirekt auch mitten zwischen Leidenschaft und Verstand.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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