Gesundheit : Anmutige Geschöpfe in Leim

ANJA KÜHNE

Was macht ein Buch schön? / Studientage Buchgestaltung in der Kunsthochschule WeißenseeVON ANJA KÜHNE"Schmiegsame und anmutige Geschöpfe waren es, zu denen damals meine erste romantische Liebschaft begann.Sie gehörten zu den erhabensten Erscheinungen der Welt." Elmar Faber, der hier schwärmt, erinnert sich nicht etwa an die jungen Frauen in der Nachbarschaft, sondern an die alten Bücher in der Hausbibliothek der Familie.Einen Teil davon lud sich sein Großvater im strengen Winter 1946 in einem Rucksack auf den Rücken und tauschte ihn gegen Mehl und Butter weg.Dem Enkel ließ das keine Ruhe.Er wurde Leiter des Aufbau Verlags Berlin. Den Bücherfreund, der heute selbständiger Verleger ist, hatte die Kunsthochschule Weißensee (KHB) zu ihren Studientagen "Buchgestaltung" eingeladen, einem Spezialgebiet des Fachs Kommunikationsdesign."Bei jungen Leuten herrscht eine romantische Vorstellung über die Herstellung von Büchern.Wir wollen ihnen mit den Studientagen die Realität vor Augen führen", sagt Initiatior Matthias Gubig, der das Fach an der KHB lehrt. 75 000 Bücher erscheinen jährlich in Deutschland, 51 000 davon sind Neuerscheinungen.Für die Absolventen der Kunsthochschule ist die Buchgestaltung ein mögliches Berufsfeld.Doch der Arbeitsmarkt ist schwierig, denn das Gros der Bände erscheint ohne besondere künstlerische Gestaltung als billige Massenware."Der Markt honoriert die gut gemachten Bücher nicht", klagt Elmar Faber, "und die ärmsten Verlage tun am meisten für den guten Geschmack".Aber über den läßt sich bekanntlich streiten.Student Jan-Henning Raffs künstlerische Zustimmung zu den Bänden, die an diesem Tag auf den Tischen in der Professorenmensa ausgestellt werden, hält sich in Grenzen: "Alles zu langweilig.Hier wird versucht, etwas Klassisches wieder aufzugreifen." Zu einer Kinderbuchreihe des Beltz-Verlages, die von der Stiftung Buchkunst im Wettbewerb "Das schönste deutsche Buch" prämiert wurde, sagt der junge Künstler nüchtern: "Es ist klar, daß die Stiftung das prämiert.Einen glänzenden, bunten Pseudo-Holzschnitt." Wie soll ein Buch also aussehen? "Ein Buch ist mehr als zwei Pappen, in die ein Batzen Papier in Leim eingepreßt ist", belehrt Verleger Faber die Studierenden."Die Gestaltung der Bücher muß vom Text ausgehen.Ein Künstler, der das Buch gestalten will, ohne es vorher gelesen zu haben, wird bei mir rausgeschmissen." Papier, Schrifttype und Illustrationen müssen zum Inhalt passen - sie können ihn aber auch auf angemessene Weise konterkarieren.Illustrationen stören, wenn sie die Phantasie des Lesers töten.Eine gute künstlerische Ausstattung kann von einem schlecht geleimten Einband, einem qualitativ minderwertigen Buchdeckel oder Papier, das gegen den Strich bedruckt ist, zunichte gemacht werden.Von einem guten Lehrbuch darf man erwarten, daß es nach dem Aufschlagen offen liegen bleibt. Die präsentierten 50 Bände, die von der Stiftung Buchkunst im vergangenen Jahr prämiert wurden, decken das ganze Spektrum der Buchproduktion ab, darunter: Ein Aufklärungsbuch, der neue Pauly - eine Enzyklopädie der Antike - und ein photographisches Lexikon der Anatomie.Die Sieger sind nicht alle besonders teuer, aber immer liebevoll gestaltet. Braucht der Leser im Computerzeitalter überhaupt noch Schrift auf Papier? "Das Buch steht heute gerade als Objekt im Vordergrund.Man will die Seiten fühlen und den Klang hören, wenn man umblättert", sagt Jan-Henning Raff, "erst seit den neuen Medien weiß man, was man am alten Buch hat".

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