Gesundheit : Annäherung an einen Mythos

Die Technische Universität verleiht dem Philologen und Wissenschaftsmanager Peter Wapnewski die Ehrenmitgliedschaft

Steffen Richter

Es soll Professoren geben, die bei der Ankunft vor ihrem Dienstgebäude die Autotür noch eine Weile geschlossen halten, um einem Hörbuch zu lauschen. Dann liest ihr Kollege, der Mediävist Peter Wapnewski den „Parzival“ Wolframs von Eschenbach.

Wapnewski ist ein Glücksfall für seine Disziplin. Wenige haben wie er die Wissenschaft als eine öffentliche Angelegenheit verstanden, sei es als Publizist, Mittler in den Medien oder eben als Hörbuch-Sprecher. Immer hat sich der Professor für Ältere Philologie auch der in Deutschland zuweilen anrüchigen Arbeit der Popularisierung gewidmet. Nun verleiht die Technische Universität Berlin, seine letzte akademische Wirkungsstätte, dem Achtzigjährigen ihre Ehrenmitgliedschaft.

Wapnewskis „Altersliebe“ gilt Richard Wagner. Über die mittelalterlichen Texte – also anders als die wichtigsten Wagner-Interpreten Friedrich Nietzsche und Thomas Mann – ist der Philologe an den Komponisten geraten. In ihrem Festvortrag auf den „letzten Ritter der europäischen Tafelrunde“ wollte Nike Wagner Wapnewski von der Legende befreien, Wagner entideologisiert zu haben. Mit Pathos und schauspielerischem Talent, identifikatorischer Affirmation und distanziertem Wandlungsvermögen habe Wapnewski sich Wagner genähert.

Pathos, so Wapnewski in seiner rhetorisch funkelnden Dankesrede, habe immer etwas mit Erleiden zu tun. Schon einmal sei er zum „Ehrenbürger der Nation“ ernannt worden. Mit diesem Titel dekorierte Hitler ungefragt seine verwundeten Soldaten. „Zeitgenossenschaft als Schuld“ erlebt zu haben, gehöre zum Erfahrungsreservoir seiner, der „48er“ Generation, die „aus den Trümmern“ kam. Eine Generation, die nach dem Krieg „ihre Form suchte und als sie sie nicht fand, sich mit der vorgefundenen zufrieden gab.“ Angesichts der nachgeborenen 68er habe sie das bitter bezahlt. Wapnewski, der bereits 1966 bis 1969 an der Freien Universität in Berlin gelehrt hatte, war, wie böse Zungen behaupten, vor der Studentenrevolte aus der Stadt geflohen. Seine Generation, so Wapnewski, sei auch verkannt worden.

Tatsächlich gehörte gerade Peter Wapnewski zu den jungen Germanisten, die schon zu Beginn der Sechzigerjahre das Thema Nationalsozialismus und Germanistik aufs Tableau hoben. Als langjähriger Vize-Präsident des Goethe-Instituts in München und Mitglied des P.E.N. war er ein Kulturbotschafter ersten Ranges. Nicht zuletzt ihm ist zu verdanken, dass die deutsche Geisteswissenschaft, die unter Hitler zur Wissenschaft vom deutschen Geist verkommen war, wieder zu internationaler Anerkennung gelangte.

Wapnewski hat auch Verdienste als begnadeter Wissenschaftsorganisator. In den Akademien in Darmstadt und Berlin war er tätig, und schließlich bildete er die Idealbesetzung für den Posten des Gründungsrektors am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Der vermeintliche Luxus, den sich die Technische Universität mit ihrer Geisteswissenschaftlichen Fakultät leistet, hat sich jedenfalls längst in Leistung ausgezahlt.

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