Gesundheit : Annette Schavan im Gespräch: Eine leidenschaftliche Reformerin

Viola van Melis

Sie gilt als politisches Naturtalent. Scharfer Verstand, glänzende Rhetorik, ruhige Gelassenheit. Mag sein, dass die bundesdeutsche Öffentlichkeit sie noch nicht deutlich wahrgenommen hat. Doch Annette Schavan, von Erwin Teufel im Sommer 1995 für das Amt der Kultusministerin nach Baden-Württemberg geholt, hat sich bei Bildungspolitikern und Pädagogen längst einen scharf konturierten Ruf erworben. Beobachter sagen der willensstarken CDU-Politikerin, die im November 1998 als stellvertretende Parteivorsitzende in die Bundespolitik einstieg, weitere Karriereschritte voraus. Am Dienstag übernahm sie in Bonn den Vorsitz der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK).

Es gab viel frischen Wind in den Schulen zwischen Main und Bodensee, seit die 1955 in Jüchen bei Neuss geborene Politikerin ihr Amt in Baden-Württemberg angetreten hat. Schavan flexibilisierte die Einschulung und öffnete einen kürzeren Weg zum Abitur. Zwanzig Jahre nach der Oberstufenreform machte sich die Kultusministerin mit Überzeugung und Leidenschaft ans Reformieren. Schavan geht neue Wege bei der Integration behinderter Kinder und versucht, kreative Arbeitszeitmodelle für Lehrer zu schaffen, um wachsenden Schülerzahlen in Zeiten knapper Kassen gerecht zu werden. Sie arbeitet daran, dass Grundschüler einen festen Stundenplan bekommen, damit ihre Mütter Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen. Zum Eingreifen verpflichtet fühlte Schavan sich schon als Jugendliche, mit gerade zwanzig Jahren engagierte sie sich im Schul- und Umweltausschuss ihrer Heimatstadt, von 1982 bis 1984 saß sie im Stadtrat.

Politische Gegner warfen der zielstrebigen Rheinländerin zuletzt vor, ihr lägen die Eliten mehr am Herzen als die Leistungsschwachen. Im Ländle werden die anfangs kritisch beäugten Maßnahmen der Ministerin jedoch zunehmend als Versuch angesehen, dem Entwicklungsstand des einzelnen Kindes und Jugendlichen gerecht zu werden. Besondere Aufmerksamkeit für die Stärken und Schwächen von hoch begabten jungen Menschen entwickelte Schavan während ihrer Zeit von 1988 bis 1995 als Leiterin des bischöflichen Hochbegabtenwerkes Cusanuswerk - bis dahin einer Männerdomäne. Die Frauenförderung ist neben der Bildungspolitik das zweite große Thema der katholischen Theologin und Erziehungswisssenschaftlerin, die über "Voraussetzung, Notwendigkeit und Erfordernisse heutiger Gewissensbildung" promovierte. Wenn es um Quoten ging, kassierte sie schon den einen oder anderen Vorwurf. Bei Stellenbesetzungen nutzt sie konsequent ihre Chancen qualifizierten Frauen den Zugang zu Stellen zu ermöglichen.

Lehrermangel, Abschaffung der Habilitation, Hochschul-Dienstrecht - Annette Schavan wird sich mit all diesen Problemen zu beschäftigen haben. Ein Interview zum Amtsantritt.

Welche Schwerpunkte wollen Sie als Präsidentin der Kultusministerkonferenz setzen?

Zentral ist die gemeinsame Weiterentwicklung der Qualitätssicherung im Bildungswesen. Schulen und Hochschulen müssen gemeinsam neue Formen ermöglichen und zu einer didaktischen Erneuerung beitragen. Ich halte die Frage für bedenkenswert, ob nicht über Ländergrenzen hinaus mehr Gemeinsamkeit im Blick auf Kerncurricula angestrebt werden soll. Eine weitere Stärkung der mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Bildung ist für mich ebenfalls entscheidend. Wir können uns nicht damit abfinden, dass in Deutschland nur noch zehn Prozent der Gymnasiasten einen Leistungskurs in den Naturwissenschaften wählen.

Wollen Sie die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe in der KMK noch einmal thematisieren und sich für das Abitur nach zwölf Jahren bundesweit einsetzen?

Die Kultusministerkonferenz hat sich in den vergangenen Jahren bereits sehr intensiv mit der Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe befasst. Ihr Beschluss von 1999 ermöglicht den Ländern größere Vielfalt, die sie zurzeit erproben. Die Kultusministerkonferenz hat ihre Arbeit auf diesem Gebiet also bereits getan, und ich sehe keine Notwendigkeit zu weiteren grundlegenden Debatten. Auch in der Frage, ob ein Abitur nach 12 oder 13 Schuljahren abgelegt werden soll, wird es keine bundesweit einheitliche Regelung geben.

Wie soll verhindert werden, dass die Länder sich gegenseitig die Lehrer abwerben?

Ein Schlüssel für die Qualitätssicherung wird es sein, künftig ausreichend qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer zu finden. Die Nachrichten des Arbeitsmarktes in den 90er Jahren waren in dieser Hinsicht kontraproduktiv. Zwangsteilzeit, Angestelltenverträge, die Reduzierung von Referendargehältern - all das sind Signale für eine schwindende Attraktivität des Lehrerberufs gewesen. Auch die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung des Berufs hat dazu beigetragen. Hier muss rasch umgesteuert werden. Wir müssen deutlich machen, dass in den kommenden zehn Jahren attraktive Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Und wir müssen über Quereinsteiger in den Lehrerberuf nachdenken und für solche Personengruppen Aufbaustudien in pädagogischer Professionalität anbieten.

Die Bundesregierung bereitet eine Reform des Hochschul-Dienstrechts vor, die auch an die Zustimmung der Länder gebunden ist. Welche Initiativen bereiten Sie dazu vor?

Über die Weiterentwicklung des Hochschuldienstrechts besteht im Grundsatz zwischen den Ländern und dem Bund Konsens. Das gilt vor allem im Blick auf mehr Spielräume bei Gehaltsverhandlungen. Unsere Hochschulen brauchen solche Spielräume im internationalen Wettbewerb um Spitzenkräfte. Dissens besteht hinsichtlich der Pläne der Bundesregierung, die Habilitation ganz abzuschaffen. Im Blick auf die Vielfalt der Fächerstrukturen halten viele von uns das nicht für richtig. Hier sollte der Bund den Ländern verschiedene Wege ermöglichen.

Wird die innere Reform der Kultusministerkonferenz in diesem Jahr fortgesetzt?

Natürlich. Die Kultusministerkonferenz ist für mich Motor des Wettbewerbs um die besten Ideen und Lösungswege für die Sicherung und Stärkung der Leistungsfähigkeit unseres Bildungswesens. Außerdem wird die Kultusministerkonferenz sich in diesem Jahr an einem Plenartag ausschließlich mit kulturpolitischen Themen beschäftigen. Unser besonderes Augenmerk sollte dabei der auswärtigen Kulturpolitik gelten. Es ist in meinen Augen ein falscher Weg, in der auswärtigen Kulturpolitik als der vielzitierten "dritten Säule" der deutschen Außenpolitik die Kürzung der Mittel fortzusetzen - auch bei der schulischen Arbeit im Ausland. Hier haben Bund und Länder eine gemeinsame Infrastruktur geschaffen, die es in ihrer Effizienz zu erhalten gilt.

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