Gesundheit : Anregend, sättigend und fett: Zu Ostern erwarten Wissenschaftler ein Schokoladen-Hoch über ganz Europa

Sara Cross

"Chocolatl", ein aromatisches, süßes Getränk aus der neuen Welt, wurde von manchen als Teufelszeug angesehen. Man glaubte, es wecke Leidenschaften. Der Prediger Johann Rauch ermahnte im Jahr 1624 Mönche, es nicht zu trinken. Aber während er von der Kanzel sprach, sandten sich europäische Königshäuser Verlobungsgeschenke aus Schokolade zu.

Heute ist Schokolade preiswert und überall erhältlich. Aber es gibt immer noch Untertöne von Luxus, Genuss und Dekadenz. Schokolade wird so sehr mit sinnlichem Vergnügen gleichgesetzt, dass uns selbst Kosmetik-Hersteller mit Schokolade-Badeölen und Massage-Riegeln locken, die verführerisch genießbar duften.

Die berüchtigte Delikatesse wird aus den Bohnen des tropischen immergrünen Baums "Theobroma cacao" ("Nahrung der Götter") gewonnen. Er stammt aus den Wäldern Zentral- und Südamerikas und wurde von frühen Zivilisationen wie den Mayas schon vor 2500 Jahren angebaut. Die Bohnen wurden geröstet und mit Wasser, Getreide und Gewürzen wie Chili zu einem Getränk für die Elite zusammengemischt. Der spanische Eroberer Hernando Cortez berichtete, dass "Chocolatl" die Widerstandskraft gegen Krankheiten und die männliche Standfestigkeit verbesserte. Der aztekische Kaiser Montezuma, dessen Name ein Synonym für Genießer-Schokoladen wurde, soll mehr als 50 Kelche mit Schokolade geleert haben, bevor er seinen Harem besuchte.

In seiner Leidenschaft für Schokolade stand Montezuma nicht allein. Variationen des traditionell bitteren, würzigen Getränks werden immer noch in Süd- und Zentralamerika getrunken, obwohl Schokolade mittlerweile meist in jener festen und süßen Form konsumiert wird, die wir alle kennen. Wie das Wirtschaftsmagazin "Economist" berichtete, verzehrten allein die Briten letztes Jahr pro Kopf im Durchschnitt umwerfende 9,5 Kilogramm Schokolade.

Alan Hirsch, Direktor der Chicagoer Stiftung für Geschmacks- und Geruchsforschung, zeigte in mehreren Studien, dass der Duft von Schokolade die Durchblutung des Penis leicht erhöht. Weshalb oder wie, das ist ungeklärt. Aber seit jeher wird Schokolade mit romantischen Affären verbunden. Das könnte mit einem ihrer Inhaltsstoffe zu tun haben: Phenethylamin, dessen Bezeichnung als "Liebeschemikalie" allerdings umstritten ist. Das Gehirn bildet Phenethylamin, wenn eine Person sexuell erregt ist; der Stoff lässt das Herz schneller schlagen und erhöht den Blutdruck. Ist Schokolade also ein Aphrodisiakum?

"Schokolade hat keine pharmakologischen Wirkungen", sagt Adam Drewnowski, Direktor des Ernährungswissenschaftlichen Forschungsprogramms an der Universität von Washington. Seiner Meinung nach ist die "Liebeschemikalie" eine Erfindung der Süßwarenindustrie. Phenethylamin in Schokolade werde im Verdauungskanal chemisch abgebaut. Deshalb könne es nicht im Gehirn wirken. Stattdessen habe Schokolade einen hohen Kaloriengehalt, der schnell den Appetit stille, erläutert Drewnowski. Schokolade stimuliert außerdem das Gehirn zur Freigabe von Endorphinen, die ihrerseits im zentralen Nervensystem wirken. Endorphine sind natürliche Schmerzmittel. Mehr Endorphin im Blut erhöht unser Wohlbefinden - deshalb das Schokoladen-"Hoch".

Aber bedeutet die Woge des Wohlbefindens nach dem Essen von Schokolade auch, dass sie gut für uns ist? Ja, lautete die Antwort von Cesar Fraga von der Universität von Buenos Aires beim diesjährigen Treffen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften. Erwachsene, die Schokolade essen, hätten mehr Antioxidantien im Blut. Die Forscher nehmen an, dass die Zellen von Schokolade-Konsumenten weniger anfällig für Schäden durch "freie Radikale" sind. Das könnte mit Flavonoiden zu tun haben: Antioxidantien, die in mehreren Pflanzenprodukten einschließlich Kakao zu finden sind. Freie Radikale sind wenig stabile Atome oder Moleküle, denen es an einem Elektron, einem elektrisch negativ geladenen Teilchen, mangelt. Sie stehlen sich ein Elektron von ihrem Nachbarmolekül und fördern so eine schädliche Kettenreaktion in den biochemischen Substanzen in ihrer Umgebung. Das Herz und das Gefäßsystem sind besonders anfällig für Schäden, die diese Reaktionen hervorrufen können. Freie Radikale verursachen Gerinnsel und fettige Ablagerungen im Blutstrom. Sie verhärten Gefäße, so dass es zu Herzkrankheiten und Schlaganfällen kommen kann.

Aber natürlich gehört Schokolade nicht zur "gesunden Ernährung". Tissa Kappagoda von der Universität von Kalifornien in Davis, ein Herzspezialist, der die Wirkung von Flovonoiden in Trauben und Kakao studiert hat, ist vorsichtig bei der Bewertung von Studien, die Nutzen des Schokoladengenusses zu belegen scheinen. Er beschreibt Flavonoide als "möglicherweise nützlich", aber warnt vor den Folgen von "Schoko-Propaganda". Immerhin enthält eine Tafel Schokolade (100 Gramm) etwa 50 Gramm Zucker und bis zu 37 Gramm gesättigte Fette.

Unglücklicherweise seien "40 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer gierig nach Schokolade, obwohl sie wissen, dass das Gesundheitsschäden hervorrufen kann", erläutert Alan Hirsch. Viele Menschen nennen sich im Scherz "Schokoholics". Heißt das, dass Schokolade abhängig macht wie Kokain, Alkohol oder Tabak?

"Ich glaube nicht, dass Schokolade etwas hervorruft, was mit diesen Drogen verglichen werden kann. Aber unter bestimmten Umständen kann Schokolade suchtartiges Verlangen begünstigen", sagt Daniele Piomelli von der Universität von Kalifornien. Schließen wir daher mit Adam Drewnowski: "Schokolade kann für Ihre geistige Gesundheit Wunder wirken. Aber sie hat viele Kalorien. Deshalb: Vorsicht vor Überdosierung!" Die Autorin ist Mitarbeiterin des internationalen Wissenschaftsmagazins "Nature". Aus dem Englischen von Hartmut Wewetzer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben