Gesundheit : "Anti-Aging": Was man gegen frühzeitiges Altern tun kann

Justin Westhoff

Fast blind scheinen Medizin und Politik beim Thema "Überalterung" zu sein. "Gleichgültigkeit" gegenüber der "Verwahrlosung" alter Menschen in einer "Spaßgesellschaft, die sich dem Jugendkult verschreibt", diagnostizierte jüngst der Berliner Intensivmediziner Michael de Ridder im "Spiegel". Dabei gilt "Anti-Aging" manchem Experten schon als "Mega-Trend" des neuen Jahrhunderts.

"Anti-Aging" ist keine Medizin für Alte, sondern ein zusammenfassendes Schlagwort für alle Bemühungen, vorzeitiges Altern zu verhindern. Alter Wein in gewinnversprechenden Schläuchen? Zum Teil. Anti-Aging kann jedoch Präventivmedizin im besten Sinne sein. Menschen in der "Ersten Welt" werden heute fast doppelt so alt wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Zwar hat die bundesweit gültige "Berliner Altersstudie" (Akademie-Verlag, 1996) gezeigt, dass viele Senioren weit besser mit ihrem Alltag zurechtkommen, als die negative Besetzung des Begriffs "Alter" suggeriert. Doch es bleiben die miteinander verwobenen, vielfachen Krankheiten ("Multimorbidität"), die nicht nur annähernd 90 Prozent der Gesundheitskosten verursachen, sondern vor allem Lebensqualität beeinträchtigen.

Älterwerden und Alter ist eine Kombination aus biologischen und zivilisatorischen Prozessen. Schon Mitte der fünfziger Jahre hat der Russe Vladimir Dilmann in seiner "Neuroendokrinen Theorie des Alterns" darüber nachgedacht, wie den "Regulationsstörungen" entgegengewirkt werden könne, zu denen Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Autoimmunerkrankungen, Osteoporose und Depressionen gehören.

Der Begriff "Anti-Aging" wird auf den Amerikaner Edmund Chein zurückgeführt, der 1994 ein entsprechendes Institut gründete. Fünf "Säulen" der Anti-Aging-Bemühungen macht der Leiter der Gesundheits-Akademie in Berlin, Klaus Schwanbeck, aus. Unumstritten ist die Bewegungstherapie. Nicht Leistungssport, sondern regelmäßiges Ausdauertraining reduziert das Risiko etwa für Herzinfarkt und Schlaganfall sowie für Erkrankungen des Bewegungsapparates. "Du musst weniger tun, als Du glaubst", lautet Schwanbecks Credo.

Regelmäßige Bewegung bringt mehr für Gesundheit und Jungbleiben als einfaches Abspecken. Dennoch bleibt die Umstellung der Ernährung zweite wichtige Säule von Anti-Aging. "Stressmanagement" nennt Schwanbeck die dritte, zu der mentales und körperliches Training spätestens ab dem 35. Lebensjahr gehören.

Schon weniger ausgereift hingegen ist bisher die Umweltmedizin. Nicht unumstritten schließlich ist der Ersatz von Substanzen, die im Alter unzureichend gebildet werden ("Supplementierung"). Wie weit die Gabe von Antioxidantien - zu denen Vitamine gehören - "Freien Radikalen" im Organismus und so Zellentartung und vorzeitigem Altern entgegenwirkt, ist nicht endgültig geklärt. Hingegen häufen sich die Hinweise, dass die äußere Zufuhr von Hormonen bei genauer Kontrolle hilfreich sein kann.

Mancherlei Bekanntes wird ebenfalls unter das Dach des "Anti-Aging" gestellt. Dazu gehören "ästhetische Dermatologie" und Plastische Chirurgie. Die Frage, ob man übermäßigen, frühzeitigen äußeren Alterserscheinungen mit Schönheits-Medizin begegnen dürfe, wird dabei mittlerweile weniger ideologisch gesehen.

Wie ernst zu nehmen das Konzept "Anti-Aging" auf Dauer ist, wird davon abhängen, ob es die Medizin schafft, die Spreu vom Weizen zu trennen. Zu einem Kongress namens "AntiAging Medizin 2001" in Berlin wies das Programm neben seriösen Vorträgen auch reichlich solche auf, in denen der "Verkauf" von Leistungen und Produkten im Vordergrund zu stehen schien.

Alter ist keine Krankheit. Aber Altern beginnt schon nach der Pubertät. Anti-Aging als Vorbeugung für Jüngere dürfte dort sinnvoll sein, wo kalendarisches und biologisches Lebensalter zu sehr auseinander klaffen - sei es nun aus genetischen oder aus selbst-"verschuldeten" Gründen.

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