Antibiotika : Zu viel des Guten

Weil Ärzte ihren Patienten eine übermäßige Menge an Antibiotika verschreiben, entwickeln immer mehr Erreger Resistenzen. Vielleicht können schon bald gewöhnliche Infektionen nicht mehr geheilt werden. Eine Berliner Konferenz sucht nach Lösungen.

Sebastian Meyer
EHEC-Bakterien,eine gefährlichen Variante des harmlosen Darmbewohners Escherichia coli, unter dem Elektronenmikroskop.
EHEC-Bakterien,eine gefährlichen Variante des harmlosen Darmbewohners Escherichia coli, unter dem Elektronenmikroskop.Foto: dpa

Zurzeit ist es ein Coronavirus, vor zwei Jahren war es die Schweinegrippe, zuvor Sars und die Vogelgrippe: Immer wieder versetzen neuartige Infektionskrankheiten Forscher und Patienten in Sorge. Mediziner entdecken weltweit pro Jahr ein bis zwei durch Bakterien, Pilze oder Viren ausgelöste neue Infektionskrankheitsbilder. Manchmal sind neue Erreger die Ursache, manchmal tauchen aber auch „Altbekannte“ plötzlich in Regionen auf, in denen sie zuvor unbekannt waren. Wie 2010 das Westnil-Fieber in Griechenland oder 2007 das Chikungunya-Fieber in Italien.

Die Ursachen für den Vormarsch der Infektionskrankheiten sind hauptsächlich menschengemacht: Klimawandel, die Bedingungen in der Tierhaltung sowie die gesteigerte Mobilität. So hatte die „Lungenseuche“ Sars, die 2002/2003 rund 1000 Menschen das Leben kostete, wahrscheinlich ihren Ursprung in der chinesischen Provinz Guangdong, wo sie durch den Verzehr von wild lebenden Tieren auf den Menschen übertragen wurde. Auf Weltreise ging das Virus dann, als ein infizierter Medizinprofessor im Februar 2003 einen Flieger nach Hongkong bestieg und dabei mehrere Geschäftsreisende ansteckte.

Hoffnung bei der Entdeckung neuer Erreger machen sich Forscher durch innovative molekulare diagnostische Plattformen. „Dank sogenannter Microarrays und DNA-Sequenzierungen wird man in wenigen Jahren eine Vielzahl neuer Erreger identifizieren können“, erklärte Norbert Suttorp, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charité, jüngst auf einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Berlin. Viel verspricht er sich auch davon, mit neuartigen Therapiekonzepten Zellen des Wirtes und nicht der Erreger zu adressieren.

In Deutschland sind vor allem diejenigen Keime problematisch, mit denen sich Patienten in Krankenhäusern infizieren. Laut Robert-Koch-Institut erkranken zwischen 400 000 und 600 000 Patienten jährlich an Krankenhausinfektionen, 7500 bis 15 000 sterben daran. Dazu würde auch der übermäßige Gebrauch von Antibiotika und die damit verbundene Resistenzentwicklung der Erreger beitragen, warnt Norbert Suttorp. „Wenn zehn Patienten mit Erkältungssymptomen in eine Praxis kommen, erhalten acht von ihnen Antibiotika. Aber nur bei einem wäre es notwendig.“ Ärzte sollten, meint er, auf den üblichen Rat, „die Packung bis zum Ende zu nehmen“, auch mal verzichten. „Es gibt vermutlich eine sinnvolle untere Grenze bei der Einnahme von Antibiotika, die bei drei bis fünf Tagen liegt. Aber wenn jemand zehn Tage Antibiotika bei einer Nierenbecken- oder Lungenentzündung nimmt, dann muss man das schon gut begründen.“

Besonders kritisch ist der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung. Inzwischen werden mehr Antibiotika in der Veterinär- als in der Humanmedizin verschrieben. Grund ist zum einen die Massentierhaltung, zum anderen können Antibiotika auch das Wachstum der Tiere stimulieren.

Die Folgen aber sind bedrohlich. Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben in der EU jedes Jahr rund 25 000 Menschen an Infektionen mit Erregern, die eine Antibiotikaresistenz entwickelt haben. „In Ermangelung dringender Korrektur- und Schutzmaßnahmen steuert die Welt auf ein postantibiotisches Zeitalter zu, in dem viele gewöhnliche Infektionen nicht mehr geheilt werden und tödlich sind“, warnte die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan bereits vor zwei Jahren.

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