Gesundheit : "Antike und Gegenwart": Ein Europa aus dem Geist der Antike

Rico Czerwinski

Was kümmert uns Deutsche, Italiener, Franzosen und Spanier unsere gemeinsame Zukunft im geeinten Europa? Wenig, sagt der renommierte Münchner Althistoriker Christian Meier und glaubt auch zu wissen, warum: "Weil wir uns unserer gemeinsamen Geschichte nicht bewusst sind."

Deren Anfänge datiert Meier in seinem Eröffnungsvortrag zur Berliner Tagung "Antike und Gegenwart" allerdings auch bedeutend weiter zurück, als es etwa Politiker oder Journalisten normalerweise tun: Nicht auf die von Staatsmännern wie Stresemann und Briand, Schuman und Adenauer geprägten Aufbruchszeiten nach den beiden letzten Weltkriegen, und nicht auf die Französische Revolution oder das Reich Karls des Großen, sondern auf das sechste Jahrhundert vor Christus, den Vorabend der griechischen Klassik.

Bürgerkriegsgefahr gebannt

Damals herrscht Unruhe in den Stadtstaaten am Ägäischen Meer. Die alten Adelsgeschlechter dehnen ihren Grundbesitz immer weiter aus, regieren mit Willkür, beuten aus, versklaven. Die häufig in Schuldknechtschaft geratenen Bauern fordern den Erlass ihrer Schulden und eine Neuaufteilung des Bodens. Auch Handwerker und Händler rebellieren. Ein Bürgerkrieg steht bevor.

Da kommt der athenische Politiker Solon zu einer historischen Einsicht: Dass sich gewaltsame Auseinandersetzungen nur verhindern lassen, wenn man auch den bislang machtlosen Mittelschichten Verantwortung für die Ordnung im Staat überträgt.

Fortan wächst in großen Teilen der griechischen Gesellschaft etwas, das Meier für bislang nie dagewesen und für die Grundlage der klassischen philosophischen Tradition des Abendlandes hält: Ein "waches Fragen", ein "zu-Antworten-sich-aufgerufen-Wissen", ein "außerordentliches politisches und geistiges Engagement".

Die Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und die Herausbildung einer neuenPhilosophie lassen nicht nur das attische Gemeinwesen gesunden und es innerhalb weniger Jahre "vom Kanton zur Weltmacht" aufsteigen. Für Meier sind diese Charakteristika auch die Grundlage dafür, dass Europäer in den folgenden Jahrhunderten die Welt weit mehr prägen konnten, als es die bemittelteren, aber monarchisch organisierten Hochkulturen der Chinesen, Perser oder Osmanen taten.

Dieses antike Erbe, so Meiers These, sei etwas exklusiv Europäisches, auf das man sich im politisch zusammenwachsenden Europa besinnen müsse, worauf man eine gemeinsame Identität gründen könnte. Das allerdings sei heute nicht sehr zeitgemäß, beklagte der Historiker, der als eigenständige, politischen Richtungen schwer zuordbare Größe in der intellektuellen Diskussion der Bundesrepublik gilt. "Besinnung auf Geschichte ist etwas für Balkanvölker, nicht für Fortgeschrittene." Die tonangebenden Völker Europas dächten universal, sie wollten nicht aus dem Rahmen fallen. Eigenheiten störten, sofern sie nicht bloß als Folklore dienten.

Überlebende der Geschichte?

Darüber hinaus verändere sich die Welt in einem Tempo, dass man voll und ganz damit beschäftigt sei, "die eigene Bedingtheit aus der Gegenwart nachzuvollziehen". Wir Europäer seien heute offenbar "nicht Kinder, sondern Überlebende einer Geschichte."

Für ihn spreche alles dafür, dass die Welt momentan eine ungeheure Zunahme an Beschleunigung erlebe: Durch Forschung, neue Wege der Kommunikation, Produktion und Organisation veränderten sich täglich die Grundbedingungen unseres Lebens. Unser gewohntes Instrumentarium des Begreifens, Vorstellens, Einordnens und Reagierens sei damit überfordert. Es bleibe nicht genug Zeit, um das gemeinsameWissen auf die Veränderungen, etwa auf die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes, einzustellen: "So läuft unserer Zeit buchstäblich die Zeit davon."

Dieses Phänomen trete allerdings nicht zum ersten Mal in der Geschichte auf, erinnerte Meier, und verwies etwa auf die Umbrüche der Französischen Revolution. "Man wird einen neuen Sinn für Vieles entwickeln müssen, was bisher im Ungefähren belassen werden konnte. Etwa für die Verantwortung einer Gesellschaft, sich dem Wandel nicht einfach hinzugeben, ihn stattdessen zu erkennen und in ihrem Sinne zu beeinflussen." Eine Besinnung auf das antike Erbe der Europäer, so Meier, könne auch diese Aufgabe erleichtern.

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