Gesundheit : Apotheken auf dem Weg zur "Pharmazeutischen Betreuung"

Stephanie Czajka

"Wir können die Medikamente, die Sie bei uns kaufen, in unserem Computer unter Ihrem Namen speichern." Immer öfter werden Apothekenkunden gefragt, ob der Apotheker chronologisch über ihre Einkäufe Buch führen darf. Angesprochen werden nicht diejenigen, die ab und zu eine Schachtel Aspirin kaufen. Das Angebot richtet sich an chronisch kranke Patienten, die über einen längeren Zeitraum mehrere Medikamente einnehmen müssen. Aber was hat der Patient davon, wenn er (mit einer schriftlichen Einverständniserklärung) auf dieses Angebot eingeht? Zunächst sei es einfach praktisch, meint Bodo Hildebrandt, Apotheker aus Weissensee. Am Ende des Jahres druckt der Computer auf Knopfdruck aus, wieviel der Patient für seine Arzneimittel bezahlt hat. Den Ausdruck kann ein chronisch Kranker bei Bedarf dem Finanzamt oder der Krankenkasse vorlegen.

Eigentlicher Sinn dieser gespeicherten Daten ist aber, dass der Apotheker auf einen Blick sieht, womit der Patient behandelt wird. Ein Patient kauft beispielsweise eine Schachtel Aspirin. Nur wenn der Apotheker weiß, dass der Patient außerdem blutverflüssigende Medikamente einnimmt, kann er ihn warnen. Beide Arzneimittel zusammen verdünnen das Blut zu sehr, so dass eine Wunde nicht aufhören würde zu bluten. Medikamente chronologisch abzuspeichern, ist nur eine Vorstufe auf dem Weg zur umfangreichen "Pharmazeutischen Betreuung". Darunter versteht die Apothekerschaft einen strukturierten Dienst am Kunden.

Systematisches Vorgehen

Hat der Patient Beschwerden, wird der Apotheker sich Notizen machen, er wird prüfen, ob die Symptome mit der Medikation zusammenhängen, er wird sich einen Lösungsweg überlegen, nötigenfalls den Arzt kontaktieren und den Patienten später nach dem Erfolg seines Rates fragen. Dazu muss er möglichst viel von seinem Kunden wissen. Körpergewicht, Alter und Geschlecht, bestimmte Krankheiten oder der Zeitpunkt der Einnahme können die Wirkung eines Arzneimittels beeinflussen. Nimmt der Patient fünf oder mehr Arzneimittel gleichzeitig ein, ist das ohne systematisches Vorgehen nicht zu überschauen.

In den deutschlandweit durchgeführten Studien zur Pharmazeutischen Betreuung haben sich Medikationsprofile bewährt. Mit dieser graphischen Aufzeichung erkennt der Apotheker zum Beispiel auf einen Blick, wie lange ein vorschriftsmäßig eingenommenes Arzneimittel reichen müsste. Auch werden Beschwerden vom Patienten oft nicht mit Arzneimitteln in Zusammenhang gebracht oder er nimmt sie als unvermeidbar in Kauf. Wer weiß schon, dass er besser schliefe, wenn er ein bestimmtes Asthmamittel nicht zum Abendessen, sondern auf der Bettkante einnehmen würde.

Aufwendige Datenerfassung

"Je mehr Informationen ich habe, umso aufklärender und sicherheitserhöhender kann ich arbeiten", sagt Hans Juergen Bracht, Apotheker aus Spandau. Dennoch hat Bracht wie einige andere Berliner Apotheker den Umfang der Pharmazeutischen Betreuung seit dem Ende einer Berliner Studie zurückgefahren. Bracht trägt noch in seinen Computer ein, wogegen seine Patienten allergisch sind, andere machen sich Notizen über Beschwerden, aber ein Medikationsprofil schreibt keiner mehr. "Zu aufwendig", "im laufenden Betrieb nicht zu bewältigen", sagen sie. Das könnte sich ändern, wenn gute Computerprogramme die Handhabung der Daten erleichtern, meint Bodo Hildebrandt. Die ersten Programme sind bereits fertig und sollen Anfang nächsten Jahres eingeführt werden.

Auch ist es schwierig nachzuweisen, dass durch die Pharmazeutische Betreuung Kosten gespart werden. Nicht nur Arzneimittel-, auch Krankenhauskosten müssen berücksichtigt werden und gerade bei chronisch Kranken treten teure Schäden erst viele Jahre später auf, sagt Christian Belgardt, der an der Humboldt Universität über die Methoden solcher Kosten-Nutzen-Analysen promoviert. Warum also nimmt - der Apothekerkammer Berlin zufolge - ungefähr ein Viertel der Berliner Apotheker die Pharmazeutische Betreuung auf sich? "Wir sind ein Fachgeschäft für Gesundheit und es gehört zu unserem Berufsbild, uns um das Wohl des Patienten zu kümmern", sagt Hildebrandt. Dazu gehört für ihn auch, dass der Patient umfassend aufgeklärt wird. "Es ist erstaunlich, was man in der Beratung herausfiltert", sagt Bracht. Außerdem sei der Apotheker "der letzte Sicherungsanker", bevor der Patient mit seinen Medikamenten alleine gelassen werde.

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