Gesundheit : „Arbeitsplätze müssen bei uns entstehen“

Wissenschaftliche Erkenntnisse in Produkte ummünzen: Jürgen Mlynek begrüßt das neue Programm

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Das Bundeskabinett hat am Dienstag die Hightech-Initiative gebilligt. Rund 15 Milliarden Euro sollen bis zum Ende der Legislaturperiode investiert werden. Wie sicher ist, dass das wirklich etwas bringt?

Ich bin da zuversichtlich, weil in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Einvernehmen darüber besteht, dass man Deutschland nur auf der Grundlage von Bildung, Wissenschaft und Forschung zukunftssicher machen kann.

Woran hat es bisher gemangelt?

Ein Mangel war sicher, dass die Bundesregierung die Kompetenzen auf verschiedene Ministerien aufgeteilt hat. Mit der Hightech-Strategie wird nun versucht, die Aktivitäten zu bündeln, die Absprachen zu verbessern und sich auf gemeinsame Ziele zu verständigen. Nehmen Sie das Beispiel Energie. Da sind verschiedene Ministerien wie Wirtschaft und Umwelt beteiligt. Nun wird die Energieforschung gebündelt.

Gerade dieses Thema dürfte zwischen den verschiedenen Ministerien politisch unterschiedlich beurteilt werden. Das beste Beispiel dafür ist die Kernenergie .

In Anbetracht steigender Ölpreise und damit steigender Benzin- und Stromkosten sowie des sich abzeichnenden Klimawandels durch CO2-Emissionen stellt sich die Energiefrage mit neuer Brisanz. Man sollte noch einmal über alle Optionen der Energieversorgung reden, einschließlich der Kernenergie und der damit verbundenen Sicherheitsforschung.

Die Hightech-Strategie hat eine bessere wirtschaftliche Verwertung von Forschungsergebnissen zum Ziel. Aber kann man Kreativität von oben verordnen?

Wir brauchen einen Kulturwandel. Viele Wissenschaftler betrachten Grundlagenforschung und Anwendung als Gegensatz. Für mich sind sie ein Paar. Richard von Weizsäcker hat einmal sinngemäß gesagt: „Ohne die Lyrik der Grundlagenforschung gibt es keine Prosa der Anwendung.“ Wir müssen offener dafür werden, wissenschaftliche Erkenntnisse in Produkte von kleinen und mittleren Unternehmen umzumünzen und so zu Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen beizutragen. Wann immer etwas Neues im Labor entdeckt oder erfunden wird, muss sich die Frage stellen: Ergibt sich daraus schützenswertes geistiges Eigentum, kann man daraus ein Patent entwickeln, eignet sich das für eine Unternehmensausgründung oder für eine Lizenz?

Kommt dabei nicht das „freie Spiel“ der Grundlagenforschung zu kurz?

Grundlagenforschung ist unverzichtbar, und da stehen wir international auch viel besser da als wir glauben. Was fehlt, ist der Transfer zu marktfähigen Produkten. Ein Beispiel aus der Helmholtz-Gemeinschaft: Vor 20 Jahren wurde am Deutschen Krebsforschungszentrum ein Virus entdeckt, das Gebärmutterhalskrebs auslösen kann. Jetzt gib es einen Impfstoff, aber der wird nicht in Deutschland hergestellt. Wir müssen künftig dafür sorgen, dass die Arbeitsplätze bei uns entstehen.

Nicht nur die Kernenergie ist politisch umstritten. Ein weiteres Beispiel ist die Pflanzen-Biotechnik, die grüne Gentechnik. Wenn die Hightech-Strategie ernst gemeint ist, müsste sie nicht die gesetzlichen Bestimmungen für diese Forschung lockern?

Sowohl das Thema grüne Gentechnik als auch die Stammzellenforschung sind Beispiele dafür, wo sich die Wissenschaft klar positioniert hat. Wir plädieren auch angesichts des internationalen Wettbewerbs für größere Freiräume, natürlich müssen diese ethisch verantwortbar sein. Die Position der Bundesregierung ist mir insbesondere bei der Stammzellenforschung noch nicht flexibel genug.

Willi Berchtold, Präsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, beklagt, dass die Deutschen Computer, Internet und Handy gerne nutzen, aber an der Technik dahinter kaum interessiert sind. Aus einem Land der Erfinder sei eines der Anwender geworden. 40 Prozent der Abiturienten wollten Künstler werden, Ingenieure nur wenige. Brauchen wir einen Mentalitätswechsel?

Physik und Chemie sind bei Schülern eher unbeliebt. Aber das ist kein typisch deutsches Problem, das beobachten wir auch in den USA oder Großbritannien. Wir müssen viel früher in der Schule für Naturwissenschaften, Mathematik und Technik werben. In Frankreich stellen sich Nobelpreisträger in den Dienst der Sache.

Wie sieht es mit der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses aus?

Wir müssen uns mehr um unsere Talente kümmern – Spitzenforschung braucht helle Köpfe. Wir tun zu wenig, um dem wissenschaftlichen Nachwuchs Karrierepfade aufzuzeigen. Wir betreiben zu wenig Talentmanagement, gerade auch für Menschen im Alter zwischen 30 und 40, bei denen die Weichen in Richtung Wissenschaft gestellt werden sollten.

Die Juniorprofessur war ein Versuch in diese Richtung – aber bislang kein besonders erfolgreicher.

Das trifft für einige Bundesländer zu, nicht aber für Berlin und die Humboldt-Universität, die ich ein paar Jahre geleitet habe. Wir müssen die Entwicklung von Talenten systematisch fördern, auch um die Abwanderung in Länder wie die USA zu stoppen. Es ist in Ordnung, wenn junge Forscher nach der Promotion einige Zeit ins Ausland gehen. Aber danach sollte eigentlich Deutschland das Ziel der Wahl sein.

Die Fragen stellte Hartmut Wewetzer.

Jürgen Mlynek (55)

ist seit 2005 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, mit einem Jahresbudget von 2,2 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

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