Gesundheit : Archäologie: Verborgene Großstadt im Wüstensand

Ingo Bach

Woher die Sumerer kamen, weiß niemand so genau. Wahrscheinlich wanderte das geheimnisumwitterte Volk aus dem iranischen Hochland in das Land zwischen den Strömen Euphrat und Tigris, wo sie im vierten vorchristlichen Jahrtausend die erste Hochkultur der Menschheit begründeten. Bürokratisch wie fünfzig Jahrhunderte später die Preußen gingen sie dabei ans Werk.

Die Sumerer waren die Erfinder der Bürokratie, so wie sie die Schrift erfanden. Und das war auch nötig, denn das neue Land im heutigen Irak - Mesopotamien - war auch damals schon knochentrocken. Nur die großen Flüsse boten genug Wasser für die Landwirtschaft. Und um solch organisatorische Großtaten wie den Bau von Bewässerungssystemen zu bewältigen, braucht es ein mit straffer Hand geführtes Staatswesen. Die künstliche Bewässerung machte aus den sumerischen Bauern die ersten High-Tech-Landwirte der Geschichte. Sie produzierten mehr, als sie selbst verspeisten. Ihre Erträge ernährten den König ebenso wie die Priester, Verwaltungsbeamten und Handwerker - das war entscheidend für die Zivilisation.

Seit über hundert Jahren graben deutsche Archäologen in diesem geschichtsträchtigen Gebiet nach den Wurzeln unserer urbanen Kultur. Um 3000 vor Christus, zu einer Zeit also, als die Ägypter gerade erst lernten, einstufige Mastabas in den Sand zu bauen und an Pyramiden noch nicht zu denken war, errichteten die Sumerer zur Ehre ihrer Götter bereits mehrstöckige Tempelanlagen. Uruk, die größte Stadt dieser Welt, bot etwa 50 000 Menschen Platz. Die 11,5 Kilometer lange Stadtmauer umschloss ein Gelände von 550 Hektar Größe - "Uruk ist also von der Ausdehnung und der Bevölkerung mit Tübingen durchaus zu vergleichen", sagt die deutsche Archäologin Margarethe van Ess.

Ein Team des Deutschen Archäologischen Institutes (DAI) um Projektleiterin Margarethe van Ess nahm jetzt die Hügel der uralten Stadt zum wiederholten Male unter die Lupe und entdeckte Erstaunliches: Nicht nur auf den Feldern der Umgebung plätscherte das lebensspendende Nass in zahlreichen Kanälen, sondern auch in der Stadt selbst. Uruk hatte also quasi fließend Wasser. "Die Anlage ist vergleichbar mit den Grachten in Amsterdam", sagt van Ess.

Die Landschaft Mesopotamiens ist von Natur aus flach wie eine Tischplatte. Jeder Hügel erweckt deshalb das Interesse der Archäologen, denn mit Sicherheit verbirgt er die Reste einer antiken Siedlung. "Die Baumeister dieser Epoche verwendeten meist luftgetrocknete Lehmziegel, die sich im Laufe der Jahrtausende auflösten, regelrecht zerflossen sind", sagt van Ess. Was blieb, war Sand. Darunter blieben die Fundamente der Bauten oft erstaunlich gut erhalten. So kennen die Wissenschaftler die Gebäudegrundrisse ziemlich gut, doch wie genau die Häuser aussahen und wie hoch die sumerischen Baumeister bauten, darüber herrscht Rätselraten.

Die Gegend um Uruk ist pockennarbig. Van Ess nennt die Hügel Schatzkammern der Geschichte, die "noch viele Überraschungen verbergen und archäologische Arbeit für ein halbes Jahrtausend." Je tiefer die Archäologen in die Hügel eindringen, desto weiter gehen sie in der Geschichte zurück. Immer wieder bauten die Bewohner ihre Häuser auf den Grundmauern der alten Gebäude. Im Laufe der Jahrhunderte stapelten sie so in Uruk Siedlung auf Siedlung. Alle zwanzig Zentimeter eine Stadt, so sehen es die Archäologen heute. Was unter der berühmten Schicht Uruk IV (um 3200 vor Christus) liegt, ist noch immer ein Geheimnis.

Eine der Überraschungen hat das Archäologen-Team vor wenigen Wochen bei der diesjährigen Grabungskampagne entdeckt - und das nicht mit Pinsel und Spaten, sondern mit High-Tech. Mit dem empfindlichsten Magnetometer der Welt gingen Geophysiker des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege drei Wochen lang über das Gelände. Mit dem Gerät lassen sich Störungen im Magnetfeld der Erde messen, die beispielsweise durch verborgene Gruben oder Gebäudereste entstehen.

Die Auswertung der Daten bestätigte, was van Ess schon anhand der Luftbildaufnahmen der Ruinen von Uruk vermutete: Mindestens zwei große Kanäle durchflossen die Stadt. Und die Archäologin ist sich sicher, dass von diesen Hauptadern ein weitverzweigtes Wassernetz ausging. Die Kanäle müssen von gebrannten Backsteinen eingefasst gewesen sein, denn das damals gebräuchlichste Baumaterial, luftgetrocknete Lehmziegel, löst sich in Wasser auf. Die Backsteine dagegen sind wasserfest, waren aber wegen des Holzmangels in Mesopotamien extrem teuer. Kurz: Uruk muss eine sehr reiche Stadt gewesen sein. Welchem Zweck das städtische Kanalnetz diente und wie weit es sich verzweigte, das will van Ess mit ihren Kollegen während der nächsten Grabungskampagnen klären. Und das geht dann nur wieder auf die althergebrachte Weise ihrer Wissenschaft: ausgraben.

Trotz der modernen Technik ist Archäologie in Mesopotamien noch immer ein Abenteuer wie zu Zeiten der ersten deutschen Ausgrabungen in Uruk, die 1912 begannen. Es ist heiß, das Grabungshaus, das in den 20er Jahren errichtet wurde, hat keinen Wasseranschluss und keinen Strom. Aber die Mobilität ist heute eine ganz andere als vor 90 Jahren: Mit ihrem zwölf Jahre alten Mercedes-Geländewagen können die deutschen Archäologen auch schnell mal zum Einkaufen ins 250 Kilometer entfernte Bagdad fahren.

Im Irak des Dikators Saddam Hussein ist Archäologie ein Politikum, lässt sich doch mit den Höchstleistungen der Altvorderen ein Zusammengehörigkeitsgefühl und auch Nationalstolz stiften. Kein Wunder, das Saddam sich mit der Vergangenheit Mesopotamiens schmücken will. Mit großem Aufwand lässt er derzeit Teile Babylons rekonstruieren. Auf den Ziegeln prägt der Staatschef sein Siegel, so wie es seine Vorgänger Jahrtausende zuvor taten, zu Zeiten der antiken Großkönige. Die Wissenschaftler in Uruk sind vor derlei Begehrlichkeiten geschützt. "Uruk liegt einfach zu weit abseits", sagt van Ess. "Außerdem gibt es für Touristen hier relativ wenig zu sehen." Dafür aber liegen in der Nähe der Ausgrabungsstätte, die seit dem Golfkrieg zu der von den Alliierten bestimmten südlichen Flugverbotszone des Irak gehört, Radarstationen von Bagdads Luftwaffe. Und ihnen gelten regelmäßige Luftangriffe der Alliierten. "Da passiert fast täglich etwas", sagt van Ess. Aber die deutschen Archäologen fühlen sich nicht in Gefahr. Van Ess: "Wir wissen, wo es gefährlich ist, und da muss man sich eben fernhalten."

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