Gesundheit : Archäologische Untersuchungen lassen eine längst ausgestorbene Tierwelt auferstehen

Mathias Orgeldinger

Am Rand der bayerischen Gemeinde Sandelzhausen bei Mainburg liegt ein Friedhof der Superlative: Europas reichhaltigste Fundstätte für eine Gruppe ausgestorbener Wirbeltiere (Mammal Neogen 5), die 16 Millionen Jahre alt ist. Paläontologische Sensationen darf man hier nicht erwarten, dafür aber ein annähernd vollständiges Lebensbild aus der Vergangenheit, mühsam über Jahrzehnte zusammengetragen. Vor gut einem Jahr entdeckten die Forscher der Universität München eine Necromanis-Kralle, die als jüngster Nachweis für die Existenz von Schuppentieren auf dem europäischen Kontinent gilt.

Das Gelände gleicht einem dreidimensionalen Schachbrett. Auf den quadratmetergroßen Feldern sitzen Studenten und schürfen mit Pickel und Kittmesser nach alten Knochen. "Wir finden hier alles: von der Maus bis zum Elefanten", schwärmt Grabungsleiter Volker Fahlbusch vom Paläontologischen Institut der Universität München. Über Jahrmillionen lagerte sich der Verwitterungsschutt des aufsteigenden Gebirges im Alpenvorland ab. Vor 16 Millionen Jahren floss an der Fundstelle ein flacher Altwasserarm, der von einem subtropischen Wald umgeben war. Gewaltige Überschwemmungen forderten unter den Tieren einen hohen Tribut. Besonders Jungtiere kamen in den Wassermassen um. Ihre Kadaver wurden in flachen Buchten angeschwemmt und im Laufe der Zeit mit Sediment bedeckt.

Obwohl die Skelettreste nur schlecht erhalten sind, konnten die Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten über 40 000 Funde bergen, die sich zoologisch zuordnen ließen: In den Flüssen und Seen lebten zahlreiche Fische, Süßwasserschnecken und Sumpfschildkröten. An den Ufern tummelten sich Schweine, Biber und Alligatoren. Die überwiegende Mehrheit der Funde stammt jedoch von Schnecken, Schildkröten und Säugetieren, die in den lichten Laubwäldern zuhause waren. Drei Nashornarten bevölkerten die Umgebung von Sandelzhausen im Zeitalter des Miozän: zwei mit und eine ohne Horn. Waldgiraffen und ponygroße Pferdevorläufer ästen an den Bäumen. Am Boden suchten Riesenschildkröten nach Früchten und Kräutern. Zuweilen brach ein kleiner Elefant (Gomphotherium) durch das Unterholz. Er hinterließ zahlreiche Spuren, darunter den Milchstoßzahn eines Babys. Auch Raubtiere gingen um, unter ihnen der so genannte Hundebär (Amphicyon), der größer als ein Tiger wurde und in der Körpergestalt einem Bären ähnelte.

Der Münchener Richard Dehm hatte die 2,5 Meter dicke Fundschicht 1959 in einer Kiesgrube entdeckt. Sieben Jahre lang konnten die Münchner Wissenschaftler auf dem Gelände ungestört graben. Doch im Herbst 1975 musste die Fundgrube wegen Geldmangels zugeschüttet werden. Als das Privatgelände im Herbst 1993 verkauft werden sollte, sprang der Mainburger Bürgermeister Josef Egger ein und stellte es der Wissenschaft für zehn Jahre zur Verfügung. "Dennoch ist die Finanzierung jedes Jahr ein Problem", klagt Gertrud Rößner. Sie betreut die Studenten bei den Grabungen. Vor drei Jahren konnten die Urzeitforscher aus Spendengeldern immerhin eine Schlämmanlage erwerben, mit der man das abgegrabenen Material nach den Knochen von Kleinsäugern wie Wühlmäusen, Hamstern oder Flughörnchen durchsuchen kann. Eine Ziegelei bei Puttenhausen stellte Gelände, Wasser und Lagerräume zur Verfügung.

In Fahlbuschs Münchner Arbeitszimmer führt der Paläontologe die Ausbeute der letzten Jahre vor: Ein Schrank voller Schubladen mit kleinen Plastikdöschen. Fein säuberlich sortiert nach zoologischen Familien, Gattungen und Arten. Hier der Unterkiefer eines Pfeifhasen, dort ein Hechtzahn oder eine Maulwurfskralle. Als Einzelstücke sind sie oft wertlos, doch in der Summe lassen sie eine untergegangene Welt auferstehen.

Zu den größten Kostbarkeiten aus Sandelzhausen zählt ein 2,6 Zentimeter hohes Krönchengeweih von Lagomeryx, dem so genannten Hasenhirsch. Das längst ausgestorbene Tier hatte etwa die Größe und Körpergestalt eines Hasen, trug jedoch über den Augen zwei winzige Geweihstangen, wie sie bei Rehen und Hirschen vorkommen. "Die Unterseite der Geweihstange zeigt keine unregelmäßige Bruchkante, sondern erinnert an eine Sollbruchstelle", beschreibt Gertrud Rößner den Fund.

Unsere heimischen Rothirsche stecken viel Energie und viele Mineralien in den Aufbau eines Geweihes, das sie beim Kampf gegen Rivalen einsetzen. Nach der Brunft werfen sie den schweren Kopfschmuck wieder ab. Warum aber entsorgte der Hasenhirsch schon damals sein putziges Krönchen, um es Jahr für Jahr aufs Neue wachsen zu lassen? Und welche Bedeutung hatte diese Verschwendung für die Evolution der Hirsche? Die Antwort liegt noch verborgen, in Sandelzhausen oder anderswo.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben