Gesundheit : Archiviere dich selbst

Der Zugang zu Wissen muss kostenlos sein, sagt die Open Access Bewegung. Aber wie soll das gehen?

Gerd Hansen

Wem ist es nicht bereits passiert? Man recherchiert im Internet einen wissenschaftlichen Artikel, ruft die Seite auf und nimmt frustriert die Höhe der fälligen Gebühren für die Volltextversion zur Kenntnis. Macht man sich auf den Weg in die Hochschulbibliothek, um den Artikel in einer Zeitschrift nachzulesen, teilt einem die blasse, erschöpft wirkende Bibliothekarin nach ergebnisloser Suche mit, nein, diese Fachzeitschrift habe man aufgrund der Budgetkürzungen abbestellen müssen. Man entschuldigt sich vielleicht noch für sein exotisches Recherchebemühen zu den neuesten Ergebnissen der Genforschung und zieht unerledigter Dinge von dannen.

Die internationale „Open Access-Bewegung“ möchte diesen für viele Studierende und Wissenschaftler unbefriedigenden Zustand ändern: Wissen soll für alle kostenlos zugänglich sein. Sie propagiert seit ein, zwei Jahren zwei sich ergänzende Strategien für einen offenen Zugang zu wissenschaftlicher Information: „Self-Archiving“ und „Open Access-Zeitschriften“. Self-Archiving bedeutet: Der Wissenschaftler oder seine Einrichtung archivieren veröffentlichte Beiträge selbst und stellen sie online zur Verfügung. Diese Variante ist relativ leicht umsetzbar – für Stevan Harnad, einen der Gurus der Open Access-Bewegung, die „grüne“ Lösung für die Krise des wissenschaftlichen Publikationswesens.

Ein ganz anderes Modell verfolgen die so genannten „Open Access-Zeitschriften“. Hier wird gründlich gegen den Strich gedacht: Die Kosten sollen umgeschichtet werden – von den Ausgaben für teure Zeitschriftenabonnements auf Publikationsgebühren, die von Einrichtungen getragen werden. Das heißt: Der Wissenschaftler oder sein Institut zahlt für die Veröffentlichung. Die auf diese Weise entstehenden Open Access-Zeitschriften können dann für den Leser einen kostenfreien Zugang anbieten.

Doch dieser Lösungsweg ist mit erheblichen Problemen behaftet, wie kürzlich auf einer Open-Access-Konferenz in Köln deutlich wurde. Die traditionelle wissenschaftliche Publikation erfüllt diverse Funktionen wie Verbreitung, Zugriffsmöglichkeit, Qualitätskontrolle und Archivierung. Interessant ist, wie Open-Access-Zeitschriften die Herausforderung der Qualitätskontrolle zu meistern versuchen. Bei Aushängeschildern wie „PloS Biology“ oder dem neuen „PloS Medicine“ durchlaufen Artikel einen Prozess der strengen Überprüfung durch Fachleute, die so genannte Peer-Review. Sie sind insofern vergleichbar abgesichert wie herkömmliche Zeitschriften. Was aber passiert, wenn finanzielle Engpässe einen Herausgeber dazu bringen, die Qualitätsansprüche zu senken, um auf diese Weise die jeweiligen Publikationsgebühren verbuchen zu können?

Hinzu kommt: Das Modell der „Open Access–Zeitschriften“ basiert auf der Umschichtung von Geldern. Die wissenschaftlichen Einrichtungen sollen den Wissenschaftlern danach zukünftig Geld für ihre gebührenpflichtigen Open Access-Publikationen bereitstellen — in der Hoffnung, dass sie dadurch mittelfristig weniger Gelder für die Anschaffung traditioneller Zeitschriften ausgeben müssen. Wahrscheinlicher ist aber, dass dieser Effekt nicht eintritt, wie Frank Gannon vom Heidelberger „European Molecular Biology Laboratory“ (EMBL) und selbst Zeitschriftenherausgeber in Köln warnte. Es würden kaum herkömmliche Abonnements gekündigt werden, durch die Publikationsgebühren entstünden vielmehr zusätzliche Kosten. Außerdem, so Gannon weiter, würden durch Publikationsgebühren neue finanzielle Barrieren dort geschaffen, wo bislang allein die Qualität der Beiträge den Ausschlag für eine Publikation gebe. Dies sei ein erhebliches Gerechtigkeitsdefizit im Hinblick auf finanziell weniger gut situierte Einrichtungen vor allem auch in den Entwicklungsländern.

Auf eine weitere Unstimmigkeit wiesen in Köln Vertreter der Privatindustrie hin. So sei zwar gerade für die informationsintensiven Branchen der forschenden Industrie die Rezeption wissenschaftlicher Beiträge sehr wichtig, selbst publizierten sie aber wenig. Bei dem Publikationsmodell der Open Access-Zeitschriften wäre die kommerzielle Forschung der lachende Dritte: Sie bekäme freien Zugang zu wissenschaftlichen Beiträgen, ohne wesentlich dazu beizutragen.

Es zeichnet sich daher ab, dass das bislang stiefmütterlich behandelte Self-Archiving, eventuell auch erst nach einer kurzen Phase exklusiver Verwertung durch die Verlage, gewissermaßen als „Open Access-Light“ der pragmatischste Weg zu einem verbesserten Zugang zu wissenschaftlicher Information sein könnte. „Google Scholar“ hat dieser Hoffnung neue Nahrung gegeben. Durch diesen neuen, noch nicht vollends ausgereiften Suchdienst für wissenschaftliche Inhalte, soll eine Gewichtung der Suchergebnisse nach Quantität und Qualität von wissenschaftlichen Querverweisen auf den jeweiligen Beitrag erfolgen. Dabei werden auch von den Wissenschaftlern selbst archivierte Beiträge zum Beispiel auf privaten Websites einbezogen.

Letztlich liegt die Durchsetzung von Open Access aber in den Händen jedes einzelnen Wissenschaftlers, denn jeder einzelne muss zum Self-Archiving motiviert sein. Eine Initiative der Kultusministerkonferenz setzt hier im Rahmen der laufenden Urheberrechtsreform auf Zwang. Sie möchte Hochschullehrer dazu verpflichten, dass sie ihre Dienstpublikationen zunächst den Universitäten zur Veröffentlichung anbieten. Ob Zwang das richtige Mittel ist, wurde auf der Kölner Konferenz bezweifelt. Eine neue Studie zeigt, dass im Internet frei verfügbare Open Access-Beiträge früher und mitunter über 50 Prozent häufiger zitiert werden als herkömmliche Zeitschriftenbeiträge. Solche Erkenntnisse erscheinen Stevan Harnad und seinen Mitstreitern wesentlich besser geeignet, um Wissenschaftler für Open Access zu gewinnen.

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