Gesundheit : Armut: Sie macht krank und senkt die Lebenserwartung

Rosemarie Stein

Was, meinen Sie, ist das größte Gesundheitsrisiko? British Beef? Rauchen? Autofahren? Bewegungslos vorm Fernseher hocken? Über den Durst Trinken? Sextourismus? Zu hoher Blutdruck? Massives Übergewicht? Richtig - alles gefährlich. Aber die größte Gefahr für Krankheiten aller Art und vorzeitigen Tod ist die Armut; nicht nur die absolute und sichtbare in Gestalt der Bettler und Obdachlosen auf den Straßen, sondern auch schon die relative Armut. Ein paar Fakten dazu nannte kürzlich der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist.

Die soziale Ungleichheit von Krankheit und Sterblichkeit lässt sich durchgehend beobachten, im Vergleich zwischen den Ländern wie auch innerhalb jeder Gesellschaft. Überall ist ein Gefälle der Lebenserwartung von der obersten zur untersten Schicht festzustellen. Je nach Land, Altersgruppe und Geschlecht macht der Unterschied drei bis zehn Jahre aus. Siegrist zitiert das "Journal of the American Medical Association": "Niedriger sozioökonomischer Status ist vermutlich die stärkste einzelne Einflussgröße auf vorzeitige Morbidität und Mortalität ... weltweit." Wer arm ist, muss früher sterben.

Und das nicht, weil es an ausreichender medizinischer Versorgung fehlte - zumindest in Deutschland trifft das nur auf Randgruppen wie illegale Einwanderer oder Obdachlose zu, ist dann allerdings ein ernsthaftes Problem. In reichen Ländern wie dem unseren sind nach wissenschaftlichen Erkenntnissen Erkrankungshäufigkeit und Lebenserwartung der Ärmeren nur zu 20 Prozent von einer besseren Gesundheitsversorgung zu beeinflussen.

"Armut macht krank" war deshalb das diesjährige Motto des bundesweiten Kongresses "Armut und Gesundheit". Die Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung, genannt "Gesundheit Berlin e. V.", und ihre Mitveranstalter, wie zum Beispiel die Ärztekammer Berlin, hatten zu ihrer sechsten Tagung nicht mehr in die TU, sondern ins "Haus der Kulturen der Welt" geladen, das den rund 1000 Teilnehmern aus Wissenschaft, Praxis und Politik mehr Raum bot. Die Referenten verzichteten auf Honorar, meist sogar auf die Spesenerstattung.

Die Politik beginnt das Problem der Verbindung von Armut und Krankheit zu erkennen. Das zeigte die Beteiligung der Bundesgesundheitsministerin, die auch die Schirmherrschaft hatte, wie die der Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Martina Bunge, zugleich Vorsitzende der Länder-Gesundheitsministerkonferenz. Dass es auch bei uns sehr wohl Armut gibt, entgegen der Annahme Hans-Olaf Henkels, stand bereits am Sonntag im Tagesspiegel. Für Berlin wurden während des Kongresses am Wochenende exakte Zahlen genannt.

Jeder achte Berliner ist arm

Selbst wenn man als "Armutsgrenze", niedriger als üblich, ein Monatseinkommen von höchstens 1070 Mark ansetzt, sind zwölf Prozent aller Berliner "arm", sagte Ingeborg Junge-Reyer, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Arbeit/Soziales/Frauen. Die Sozialhilfe, die nicht einmal jeder zweite Berechtigte in Anspruch nimmt, ist nur ein notdürftiges Mittel gegen die Armut. Im Durchschnitt beträgt dieser staatliche Zuschuss im Westen Deutschlands 521 Mark, im Osten nur 338 Mark.

Gliedert man die deutsche Bevölkerung je nach Einkommen, Beruf und Bildung in fünf Schichten, dann sterben die Menschen der niedrigsten Schicht im Mittel sieben Jahre früher als die der höchsten, berichtete Raimund Geene, Geschäftsführer von "Gesundheit Berlin" auf Grund von Berechnungen der Sozialmediziner in der Medizinischen Hochschule Hannover. Und Arme haben ein mindestens doppelt so hohes Risiko als Wohlhabende, schwer krank zu werden, zu verunglücken, Gewalt zu erfahren und zu sterben.

Ungleichheit schon bei Kindern

Einige Vorträge der Tagung beleuchteten Details: Die Brandenburger Einschulungsuntersuchungen ergaben, dass in den unteren Schichten schon die Kinder eine schlechtere Gesundheit haben. Eine Erhebung der Gmünder Ersatzkasse zeigte, dass Arbeitslose achtmal mehr als Nicht-Arbeitslose wegen psychischer Störungen behandelt werden. Ihr Risiko, binnen drei Jahren zu sterben, ist 1,8fach erhöht.

Blickt man über den nationalen Tellerrand, sieht alles noch schlimmer aus. Eine erschreckende Zahl zeugt von der Destabilisierung und Verarmung Osteuropas: In Moskau sterben die Männer heute 16 Jahre früher als in Berlin. Das berichtete Ilona Kickbusch, heute Yale-University New Haven, vorher lange Jahre Vordenkerin für Gesundheitsförderung bei der Weltgesundheitsorganisation. Nach ihren Angaben lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung unter der Armutsgrenze mit weniger als zwei Dollar pro Tag. Wirtschaftswachstum allein bringt keine Abhilfe, denn die Schere zwischen Arm und Reich schließt sich dabei keineswegs: 1950 hatten die reichsten Länder das 35fache Einkommen der ärmsten, heute haben sie das 120fache. Damit wächst die Ungleichheit von Krankheit und Tod.

Was also ist zu tun? In den Niederlanden wurde eigens ein Institut zur Bearbeitung dieses Problems eingerichtet, teilte Ilona Kickbusch mit. In England ging man einen Schritt weiter und gab dem Abbau gesundheitlicher Ungleichheit höchste Priorität. In Deutschland mit seinem epidemiologischen Forschungsrückstand ist man offenbar gerade erst dabei, sich des Risikofaktors Armut bewusst zu werden. Es gibt Absichtserklärungen und geplante Berichte. Nur Papier?

Was nötig wäre, ist eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik im Sinne der WHO. "Gesundheit wird im Alltag hergestellt", sagte Ilona Kickbusch. Durch die Verhältnisse und das von ihnen bestimmte Verhalten. Geld allein genügt nicht: "Die Forschung zeigt deutlich, dass geringes Einkommensgefälle, Zugang zu Arbeit und Einkommen, Zugang zu Bildung, Ausbildung und sozialer Partizipation die Grundkomponenten für den Abbau gesellschaftlicher Ungleichheiten wie auch von Gesundheitsrisiken sind."

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