Gesundheit : Arzt werden im Ausland

Wie Studenten dem Numerus clausus entkommen können

Sandra Löhr

Medizin steht für viele Abiturienten ganz oben auf der Wunschliste der Studienfächer. Der schon in den letzten beiden Jahren zu beobachtende Nachfrageboom nach medizinischen Studienplätzen ist zum Sommersemester 2004 ungebrochen. 23 Prozent mehr Abiturienten wollen Medizin studieren als im Vorjahr. Die Zahl der Bewerber kletterte um 2926 auf 15660. Das sind so viele wie seit 19 Jahren nicht mehr. Doch gleichzeitig verringerte sich die Zahl der im Sommersemester verfügbaren Studienplätze um 695 auf 1531, da Bonn und München Anfänger nur noch zum Winter aufnehmen. So kommen auf einen Studienplatz jetzt zehn Bewerber. Auch die Zahnmedizin erlebt einen Rekordzuwachs an Bewerbungen. Hier sind es sogar 47 Prozent mehr als im Vorjahr.

Doch für diejenigen, deren Abiturnote für den NC nicht reicht und die davon ausgehen müssen, dass sie noch einige Semester auf den begehrten Studienplatz warten müssen, gibt es ein paar Alternativen: Wer sich für neue Formen des Lernens interessiert, kann sich an der Privatuniversität Witten/Herdecke bewerben. Hier zählt in erster Linie nicht die Abiturnote, sondern das besondere Interesse, das man der Medizin entgegenbringt. Dieses Interesse muss neben der Hochschulzugangsberechtigung und einem sechsmonatigen Krankenpflegedienst in einem gesonderten Schreiben nachgewiesen werden. Allerdings werden in jedem Jahr nur 42 Bewerber aufgenommen und außerdem werden Studiengebühren erhoben.

Derzeit wird bei einer Regelstudienzeit von 10 Semestern ein Betrag von 15000 Euro fällig. Damit diese Gebühren nicht Abiturienten aus weniger begüterten Familien abschrecken, gibt es verschiedene Finanzierungsmodelle. In der Regel bezahlen die Studenten 250 Euro pro Semester und können dann den anderen Teil nach dem Abschluss zurückzahlen (etwa acht Jahre acht Prozent des Einkommens). Bewerbungen sind noch bis zum 15. Juli 2004 für das Sommersemester 2005 möglich (weitere Informationen unter www.uni-wh.de oder Telefon 02302/926744).

Eine andere Möglichkeit ist das Studium in Ungarn. Schon seit 20 Jahren können deutsche Studenten in ihrer Landessprache Medizin an der renommierten Semmelweis-Universität in Budapest oder seit kurzem auch an der Szent-Györgyi Universität in Szeged studieren (siehe nebenstehenden Artikel). Hier haben auch Bewerber Chancen, die knapp unter dem deutschen NC liegen. Doch das Studium muss bezahlt werden. Für viele deutsche Studenten bedeutet diese Möglichkeit dennoch, dass sie ohne Wartezeit mit dem Studium beginnen können. Nach dem Physikum kann dann meistens problemlos an eine deutsche Universität gewechselt werden und auch wer für die gesamte Studiendauer in Ungarn bleibt, hat auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Nachteile. Der Abschluss befähigt in der Regel zur ärztlichen Berufsausübung in Deutschland.

Wer bereit ist, sein Wunschfach auf Englisch oder auch in einer anderen Sprache zu studieren, kann es auch an einigen anderen osteuropäischen Universitäten probieren. Hier entstehen zur Zeit immer mehr private Hochschulen, die verschiedene Studiengänge anbieten und sich ausschließlich über Studiengebühren von ausländischen Studenten finanzieren. So bietet etwa die Palacky-Universität in Tschechien einen Medizinstudiengang für ausländische Studenten an. Die Unterrichtssprache ist Englisch und die Gebühren liegen bei 8500 US-Dollar pro Jahr (Informationen unter www.upol.cz). Auch an der privaten Oradeau-Universität in Rumänien kann Medizin auf Englisch studiert werden. Die Kosten liegen hier bei rund 3500 US-Dollar, bei der Einschreibung fallen weitere Gebühren in Höhe von 2500 US-Dollar an (Informationen unter www.oradeauniversity.com).

Natürlich kann man sich an allen Universitäten der EU und des europäischen Wirtschaftsraums (also auch in der Schweiz) um einen Medizin-Studienplatz bewerben. Auch ein Studium in Ländern wie Australien, den USA, Kanada und Israel wird in Deutschland in der Regel als gleichwertig anerkannt. In den meisten Staaten gibt es jedoch ähnliche Zulassungsbeschränkungen wie in Deutschland. Wer sich etwa für ein Studium in den USA interessiert, kann sich an die akademischen Auslandsämter der deutschen Hochschulen oder an die Amerika-Häuser wie das Bayrisch-Amerikanische Zentrum in München (www.amerikahaus.de) wenden.

Bevor das Auslands-Studium angetreten wird, sollte man sich allerdings unbedingt genau über die Qualität des jeweiligen Studienplatzangebots informieren und sich bei den jeweiligen Landesprüfungsämtern erkundigen, ob die Ausbildung in Deutschland als gleichwertig anerkannt wird oder ob man nach dem Studium mit einer „Kenntnisstandprüfung“ rechnen muss, bevor die staatliche Erlaubnis für die Ausübung des Berufs gegeben wird. In Berlin ist dafür das Landesamt für Gesundheit und Soziales zuständig (www.lageso.de). Auch der Marburger Bund informiert über die Möglichkeiten und die spätere Anerkennung eines Medizin-Studiums im Ausland (www.marburger-bund.de).

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