Gesundheit : Aschenbrödel der Forschung

In den USA bilden Universitäten das Rückgrat der Wissenschaft – in Deutschland spielen sie nur noch eine Nebenrolle

Thomas de Padova

Während die Wissenschaft außerhalb der Hochschulen gut gedeiht, geht den deutschen Universitäten die Puste aus. Sie seien die Sorgenkinder des Landes, sagt Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Wettbewerb der Forschungsergebnisse und Ausbildungserfolge können sie mit den Spitzenunis in den USA oder Großbritannien nicht mithalten. In internationalen Vergleichen wie dem von der Universität Shanghai publizierten Ranking landet als beste deutsche Hochschule die Ludwig-Maximilians-Universität München auf Platz 48.

Außerhalb des Campus sieht es besser aus. Hier lässt die deutsche Forschung ihre Muskeln spielen. Wo man nicht an den Lehrstuhl und die engen Fakultätsgrenzen gebunden ist, nicht in Gremienarbeit und dem Schreiben von Forschungsanträgen versinkt, fühlen sich die Wissenschaftler zunehmend wohler. „Man muss schon gute Gründe haben, einem Ruf an die Universität zu folgen, statt an eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung zu gehen“, urteilt der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Karl Max Einhäupl.

Die Grundlagenforschung an den 80 Instituten der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) gilt international als herausragend. Noch mehr Mitarbeiter als die MPG, nämlich 24000, haben die Großforschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft. Sie machte auch quasi alleine das Rennen, als im vergangenen Jahr über die Vergabe von 1,5 Milliarden Euro für neue wissenschaftliche Großgeräte entschieden wurde. Daneben haben sich seit der Wiedervereinigung 80 Institute der Leibniz-Gemeinschaft einen Namen gemacht, 58 Fraunhofer-Institute für angewandte Forschung und noch etliche andere Wissenschaftseinrichtungen.

Deutschland mangelt es nicht an Spitzenforschung, wie internationale Vergleiche zeigen. Aber an Spitzenuniversitäten. Und die bilden anderswo das Rückgrat der Wissenschaft. Die Einheit von Forschung und Lehre droht hingegen hier zu Lande mehr und mehr zur hohlen Floskel zu werden. Und damit schneidet sich die Forschung zunehmend von ihrem eigenen Nachwuchs ab.

Der kommt erst spät in Kontakt zu internationalen Forscherpersönlichkeiten. Oft werden Studenten erst nach dem Diplom oder Master in aktuelle Forschungszusammenhänge eingebunden. Und das ist im internationalen Wettbewerb um kluge Köpfe zu spät. „Für die Universitäten muss dringend etwas getan werden“, sagt Winnacker. Die Frage ist nur: Was?

Die Bund-Länder-Kommission (BLK) oder der Wissenschaftsrat verfolgen derzeit vor allem das Ziel, die Hochschulen und die außeruniversitären Einrichtungen stärker zusammenzubringen. „Eine Zeitlang gab es da eher ein Gegeneinander“, sagt Jürgen Schlegel, Generalsekretär der BLK. „Aber jetzt bewegen sie sich aufeinander zu.“

Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind vielfach dazu aufgerufen worden, ihre Verbindungen zu den Universitäten zu verbessern und ihrer Verantwortung für den Nachwuchs nachzukommen. Das zeitigt Erfolge. Ein Beispiel dafür ist die Gründung von Forschungszentren für deutsche und ausländische Doktoranden der MPG: die „International Max Planck Research Schools“.

Darüber hinaus stellt sich jedoch die Frage, ob die Universitäten längerfristig nicht wieder Aufgaben übernehmen sollten, die im Laufe der Jahre den Forschungsorganisationen übertragen wurden. Es gebe einige Beispiele dafür, dass „auch deutsche Universitäten die Verantwortung für Großgeräte übernehmen können“, sagt Winnacker. Wenn man dazu die nötigen institutionellen Voraussetzungen schafft, ihnen genügend Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen zur Verfügung stellt.

Die TU-München beweist dies gerade mit ihrem soeben eröffneten, millionenschweren Forschungsreaktor FRM II. Die Neutronenforschungs-Anlage versteht sich unter anderem als Dienstleistungszentrum für auswärtige Forscher.

Ein weiteres Beispiel aus der Physik verdeutlicht die Situation: Die Spitzenuniversität Stanford in den USA baut ein neuen Röntgenlaser. Dessen deutsches Pendant soll für etwa 700 Millionen Euro an einem außeruniversitären Institut entstehen, dem Deutschen Elektronen Synchrotron in Hamburg. Während in den USA die Universität die Keimzelle bildet, um die herum sich die Forschung gruppiert, gibt es in Deutschland ein eigenständiges Forschungszentrum – das seinerseits eng mit Universitäten zusammenarbeiten will.

Wie aber können mit einer solchen Strategie Spitzenuniversitäten in Deutschland geschaffen werden? „In der Regel werden die Leuchttürme ein leistungsfähiges außeruniversitäres Umfeld haben“, sagt Schlegel. Seiner Ansicht nach profitieren die Unis bereits jetzt von den vielen neuen Instituten.

Doch die Hochschulen selbst leiden unter der Finanzsituation der Länder, während die Großforschungszentren zum weitaus größten Teil vom Bund unterhalten und die Max-Planck- oder Leibniz-Institute von Bund und Ländern gemeinsam getragen werden (siehe Kasten). Bund und Länder nehmen sich mit dieser Mischfinanzierung gegenseitig in die Pflicht – und das kommt den außeruniversitären Instituten sichtlich zugute.

Das von Bundesministerin Edelgard Bulmahn vorgeschlagene Förderprogramm für „Eliteuniversitäten“ ist ein Beispiel dafür, wie auch die Hochschulen von einer solchen Mischfinanzierung profitieren könnten. Das Programm würde eine Fokussierung der Hochschulen auf Forschungsschwerpunkte unterstützen. Das haben die Unis, die einen möglichst breiten Fächerkanon abdecken möchten, bislang vernachlässigt. Und übersehen, dass nur, wer in einem Fachgebiet eine „kritische Masse“ an beteiligten Wissenschaftlern überschreitet, heute im internationalen Wettbewerb bestehen kann.

Warum aber sollten Universitäten langfristig nicht wieder zu internationalen Forschungszentren ausgebaut werden können? Solche Dimensionen wie der Münchner Reaktor haben etliche außeruniversitäre Institute bei näherem Hinsehen nicht. Im Gegenteil: Auch viele Helmholtz-Zentren sind in den letzten Jahren in kleine Institute und Programme unterteilt worden: hier ein Institut für Verkehrsforschung, da für Solarzellen, dort ein Programm für Astroteilchenphysik.

Derlei wäre grundsätzlich auch an geeignet strukturierten Universitäten unterzubringen. „Man könnte eine Systemuntersuchung vornehmen und fragen: Was gehört wohin?“, sagt Winnacker. „Es wäre sinnvoll, sich die außeruniversitären Institute daraufhin anzuschauen.“

Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn ist in diesem Jahr mit der Idee vorgeprescht, die Leibniz-Gemeinschaft aufzulösen und deren Institute in Universitäten oder andere Forschungsorganisationen einzugliedern. Gleichzeitig will sich der Bund aber die Rosinen aus dem Forschungskuchen herauspicken: Er möchte die Max-Planck-Institute und Helmholtz-Zentren ganz übernehmen, dafür aber den ohnehin schon arg vernachlässigten Hochschulbau an die Länder abgeben. Den Unis wäre mit einer solchen Regelung nicht geholfen, sagen die Deutsche Forschungsgemeinschaft und Mitglieder des Wissenschaftsrats übereinstimmend. Sie würden weiter hinter die großen Forschungsorganisationen zurückfallen.

Ob die Spitzenforschung langfristig wieder stärker an die Universitäten zurückkehrt, wird von ihrer internen Struktur sowie von der Aufgabenteilung zwischen ihnen und den außeruniversitären Forschungsinstituten abhängen. Tabus sollte es dabei nicht geben, meint Einhäupl.

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