Gesundheit : Astronomie: Der zehnte Planet?

Thomas de Padova

70 Jahre ist es her, dass Pluto zum neunten Planeten unseres Sonnensystems erhoben wurde. Der von Clyde Tombaugh entdeckte Himmelskörper galt allerdings von Beginn an als Außenseiter. Nicht nur seiner exzentrischen Bahn wegen. Pluto ist ein Zwerg. Er ist nicht einmal so groß wie unser Mond und jedenfalls viel kleiner als die ihm benachbarten, stattlichen Gasriesen Neptun und Uranus. Dass man ihn trotzdem in den Rang eines Planeten setzte, bereitet Forschern zunehmend Unbehagen. Pluto ist nämlich kein Einzelgänger. Mit seinem 1979 erstmals gesichteten Mond Charon zusammen bildet er sogar eine Art Doppelplanet. Charon ist nur wenig kleiner als Pluto.

Dass es neben diesem Gespann noch ähnlich dicke Brocken in den Außenregionen des Sonnensystems gibt, gilt schon lange als recht wahrscheinlich. Doch die dunklen, weit entfernten Himmelskörper sind nur schwer auszumachen. Erst jetzt haben David Jewitt und seine Kollegen vom Astronomischen Institut auf Hawaii einen Kandidaten entdeckt, dessen Anspruch auf einen Platz unter den Planeten nicht mehr so leicht vom Tisch gewischt werden kann. Grafik: Die Außenseiter. Planeten am Rande des Sonnensystems "Varuna", benannt nach einer hinduistischen Gottheit, geriet den Wissenschaftlern im November vergangenen Jahres am Spacewatch-Teleskop in Arizona ins Blickfeld. Er hat einen Durchmesser von etwa 900 Kilometern. Damit ragt Varuna unter den etwa 400 bislang beobachteten Himmelskörpern jenseits der Umlaufbahn des Neptun heraus.

Seine Entdeckung wurde allerdings erst dank einer enormen Verbesserung der Teleskoptechnik möglich. Denn obwohl Varuna nicht viel kleiner ist als Pluto oder Charon, ist er vergleichsweise unscheinbar. Das liegt an der Beschaffenheit seiner Oberfläche: Der steinige Varuna ist fast so schwarz wie Holzkohle und reflektiert nur etwa sieben Prozent des auftreffenden Sonnenlichts. Der Mond Charon dagegen ist offensichtlich eisbedeckt. Das Eis wirft gut 40 Prozent des Sonnenlichts zurück, weshalb Charon deutlich heller erscheint und den Astronomen bereits sehr viel früher ins Auge fiel.

Varuna ist in dieser Hinsicht wohl ein recht typischer Vertreter unter den rabenschwarzen "Transneptunischen Objekten". Nur so ist es zu erklären, dass bisher erst 400 dieser Objekte gefunden wurden. Astronomen schätzen hingegen, dass es jenseits der Bahnen von Neptun und Pluto, im Kuiper-Gürtel, eine riesige Schar kleinerer Himmelskörper gibt: vielleicht sogar einige 10 000 mit einem Durchmesser von etwa 100 Kilometern sowie Milliarden kleinere.

Viele Astronomen zählen auch Pluto zu den gewöhnlichen Transneptuniern. Er ist in ihren Augen kein richtiger Planet wie Jupiter, Uranus oder Neptun, sondern nur der Größte unter den unbedeutenden Kleinen. Was ihn von den Kleinkörpern unterscheiden könnte, ist sein Mond. Aber auch Asteroiden haben mitunter Monde. So entdeckten Forscher mit Hilfe der Raumsonde Galileo vor etlichen Jahren einen bescheidenen Mond, der den Asteroiden Ida begleitet. Und kürzlich fanden Forscher im Kuiper-Gürtel einen etwa 200 Kilometer durchmessenden Himmelskörper mit der Bezeichnung WW31, den ein halb so großer Mond umschwirrt.

Pluto, könnte man zur Rettung seiner Ehre einwenden, besitzt aber auch eine dünne Atmosphäre. Selbst die verschwindet jedoch, wenn Pluto sich auf seiner Bahn dem sonnenfernsten Punkt nähert. Dann nämlich sinkt Plutos Temperatur auf minus 220 Grad. Die Moleküle in der Lufthülle bilden nun kleine Kristalle und rieseln als Schnee hinab. Erst Dekaden später verflüchtigt sich der Schnee wieder, und es kann erneut eine Atmosphäre entstehen. Ein Plutojahr, ein Umlauf des Planeten um die Sonne, dauert knapp 250 Erdenjahre.

Für Pluto beginnt nun offenbar der Herbst seiner Karriere. "Wir können uns inzwischen vorstellen, dass bald noch größere, weiter entfernte Himmelskörper als Pluto gefunden werden", kommentieren die amerikanischen Astronomen Stephen Tegler und William Romanishin die neueste Entdeckung in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" (Band 411, Seite 423).

Schon im kommenden Jahr soll ein neues Infrarot-Teleskop ins Weltall gebracht werden, das eine Vielzahl weiterer Transneptunier zu orten verspricht. Dann könnte Pluto seine historisch bedingte Planetenstellung endgültig einbüßen. Oder aber man rückt Himmelskörper wie Varuna als Planeten an Plutos Seite. Der Erde Verwandschaft dürfte in diesem Falle allerdings in Zukunft recht unübersichtlich werden.

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