Gesundheit : Atemlose Helden

Viele Helfer leiden immer noch unter den Folgen des Einsatzes am 11. September

Paul Janositz

Vor fast fünf Jahren brachen die Zwillingstürme des World Trade Center zusammen. Immer noch klafft die Lücke in der New Yorker Skyline. Schutt, Trümmer und verseuchter Boden sind zwar längst abgefahren. Doch nicht alles konnte auf Müllplätzen oder Trümmerbergen entsorgt werden. Manches befindet sich noch in den Körpern der Helfer, der Menschen also, die im Inferno des 11. September in die Türme rannten oder Schutt beiseite räumten.

Ein in Menge und Zusammensetzung einmaliges Gemisch an giftigen Stoffen ist damals in die Körper gelangt. Reihenuntersuchungen zeigten: Fast jeder zweite der rund 40 000 Helfer schlug sich lange mit gesundheitlichen Problemen herum. Auch fünf Jahre nach dem Inferno leiden noch viele an den Nachwirkungen der Schadstoffe.

Die Wolke des berstenden Hochhauses enthielt feinsten Zementstaub, Glas- und Asbestfasern, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAH), polychlorierte Biphenyle (PCB), Furane und Dioxine. „Die brennenden Ruinen erzeugten giftige Gase wie eine chemische Fabrik“, stellt der Physiker Thomas Cahill von der Universität von Kalifornien in Davis fest. Baumaterial, Computertechnik und Plastik seien zu einem hochgiftigen „Abfallkuchen“ zusammengebacken worden. Dazu kamen die Dieselabgase der eingesetzten Aggregate.

Beim Einsatz tragen Feuerwehrleute normalerweise zwar Atemschutzmasken, deren Aktivkohle die Schadstoffe herausfiltert. Allerdings ist die Filterkapazität begrenzt. Um keine belastete Luft einatmen zu müssen, haben die Feuerwehrleute eine Pressluftflasche auf dem Rücken, die über einen Schlauch mit der Atemschutzmaske verbunden ist. So ausgerüstet kann der Feuerwehrmann üblicherweise eine halbe Stunde lang arbeiten, bis eine Pfeife das Signal für den Rückzug gibt.

Es ist gut vorstellbar, dass die Feuerwehrleute im New Yorker Inferno das Pfeifen überhörten oder ignorierten. Oft versperrten auch Trümmer, Rauch oder Feuer den Rückweg. Und nur etwa jeder fünfte Helfer hatte überhaupt adäquaten Atemschutz. Viele Feuerwehrleute fühlten sich durch die Masken bei der Verständigung mit ihren Kollegen behindert und nahmen sie ab. Andere Helfer rannten spontan ins Gebäude, um Menschen zu retten. Vielleicht pressten sie sich ein Tuch vor den Mund, doch das dürfte die Schadstoffe wohl kaum zurückgehalten haben. Zudem waren viele Entsorgungskräfte nicht richtig über den gefährlichen Schadstoffmix auf Ground Zero informiert. Die Umweltschutzbehörde EPA musste im Jahr 2003 zugeben, Warnhinweise auf Risiken durch Asbest, Beton- oder Glasstaub zurückgehalten zu haben.

Die größte akute Belastung für die Lunge war der Staub, ein Gemisch aus zerborstenem Beton, pulverisiertem Glas, Schwermetallpartikeln oder fein zerriebenem Dämmmaterial aus Mineralwolle. Besonders gefährlich ist Feinstaub unter fünf Mikrometer (tausendstel Millimeter) Durchmesser. Die mikroskopisch kleinen Teilchen landen in den winzigen Verästelungen der Lunge.

Die Atemwege sind mit einer Schleimhaut bedeckt, die aus Drüsen und Flimmerhärchen besteht. Die Drüsen produzieren einen Schleim, an dem Partikel, Bakterien und Viren hängen bleiben. Die Härchen transportieren den beladenen Schleim zum Rachen zurück.

So kann die Lunge auch mit Dreckluft fertig werden. Die Grenze setzen Experten bei einem Milligramm Schadstoffe pro Kubikmeter. Dieses Limit wurde auf Ground Zero weit überschritten. Die EPA schätzt, dass die Staubkonzentration nach dem Einsturz der Türme stundenlang zwischen einem und 1000 Milligramm pro Kubikmeter lag.

Doch auch bei niedrigeren Konzentrationen können Schäden an den Atemwegen entstehen, wenn die Schadstoffe nur aggressiv genug sind. Vergiftungen und Verätzungen sind akute Folgen, später können Entzündungen oder Geschwüre auftreten. Das betrifft auch Arbeiter, die lange mit der Trümmerbeseitigung beschäftigt waren. Es sei schwer abzuschätzen, welche bleibenden Schäden durch solche Belastungen entstehen, sagt Gustav Schäcke, bis vor kurzem Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin an der Freien Universität Berlin. Bei Rauchern oder Immungeschwächten haben die Schadstoffe leichteres Spiel. Vieles hänge von der Veranlagung ab. Bei einem Teil der Betroffenen würden die Symptome langsam zurückgehen, ansonsten könne sich auch Asthma oder eine chronische Bronchitis entwickeln.

Auch Tumoren können sich bilden, wie es sich bei Arbeitern, die jahrelang Umgang mit Asbest hatten, gezeigt habe. Wenn sich Staub und Fasern in den Lungenbläschen festsetzen, kann sich das Gewebe in dem Atmungsorgan versteifen.

Ähnliche Gefahren für die Lunge, wie sie bei Asbestarbeitern auftreten, sieht Schäcke für Feuerwehrleute nicht. Das gelte natürlich nur für Einsätze, bei denen für den üblichen Schutz gesorgt ist. Davon kann bei der Attacke vom 11. September keine Rede sein. Deshalb ist in New York schon frühzeitig mit Reihenuntersuchungen begonnen worden. In regelmäßigen Abständen werden Blut- und Urinproben genommen, Atemtests gemacht und die psychische Verfassung beurteilt. Zudem gibt es Informationen über finanzielle Hilfen und Ansprüche.

Gemacht werden diese unentgeltlichen Untersuchungen am Mount-Sinai-Krankenhaus in Manhattan. Stephen Levin, Leiter des Arbeitsmedizinischen Zentrums, berichtet: „Knapp die Hälfte der untersuchten Personen hatte mindestens ein Lungensymptom.“ Asthma oder Entzündungen führten nicht selten zu Arbeitsunfähigkeit. Allein in den ersten drei Jahren nach dem Terroranschlag gaben 300 New Yorker Feuerwehrleute ihren Beruf auf. Ebenso häufig waren Beschwerden an Hals, Nasen und Ohren. Auch Schmerzen an Rücken, Armen und Beinen sowie Augenprobleme und Kopfschmerzen wurden festgestellt.

Jeder Zweite erwies sich als psychisch angeschlagen, jeder Fünfte litt an seelischen Spätfolgen. Experten sprechen vom „World Trade Center Syndrom“.

Einen „deutlichen Rückgang der Lungenkapazität“ stellt eine in der Fachzeitschrift „Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“ veröffentlichte Studie fest. Dabei wurden die Atemtests verglichen, die bei New Yorker Feuerwehrleuten vor und nach dem Einsatz am 11. September 2001 gemacht wurden. Dabei zeigte sich bei der Lungenkapazität ein durchschnittlicher Verlust von 372 Millilitern. Bezogen auf die normale Kapazität von sechs Litern ist das ein Rückgang um sechs Prozent, mehr als zehn Mal so viel wie der normale Schwund. Dieser Rückgang lässt sich auf den Einsatz am World Trade Center zurückführen, sagt David Prezant, einer der Autoren. Er war bei den Feuerwehrleuten am größten, die als erste eintrafen und am längsten den Schadstoffen ausgesetzt waren.

Die Feuerwehrleute ermüden schneller. Es fällt ihnen schwer, Treppen zu steigen oder Schläuche zu ziehen. Prezant macht den Betroffenen Mut. Mit richtiger Therapie könnten die Feuerwehrleute ihre normale Atmung zurückgewinnen. Bei der Behandlung mit Steroiden hätten sich die Staubpartikel aufgelöst. Bei manchen Feuerwehrleuten verschlechtert sich die Gesundheit dennoch. Einige gaben ihren Beruf auf. So plädieren der Feuerwehrarzt Prezant und der Arbeitsmediziner Levin für weitere Beobachtung. Die Betroffenen bräuchten noch lange Hilfe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar