Gesundheit : Atemwegserkrankungen: Interview: "Die größte Gefahr ist das Rauchen"

Wo lauern die größten Gefahren für

12 000 Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern werden zur Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Atemwegserkrankungen (ERS) erwartet, die heute in Berlin beginnt. Kongresspräsident Nikolaus Konietzko erläutert, mit welchen Themen sich die Lungenärzte beschäftigen. Konietzko ist Leiter des Zentrums für Pneumologie und Thoraxchirurgie an der Ruhrlandklinik in Essen-Heidhausen, deren Abteilung Pneumologie zur Universität Essen gehört.

Wo lauern die größten Gefahren für unsere Atmung? In den Genen oder in der Umwelt?

In der Umwelt, und hier eindeutig beim Tabak, wobei die größte Gefahr natürlich das aktive Rauchen ist! Aber größere wissenschaftliche Studien haben inzwischen auch gezeigt, dass das Passivrauchen eine echte Gefahr darstellt. Dabei wurde festgestellt, dass Passivrauchen, abhängig von der Dosis, das Lungenkrebs-Risiko bis zum 2,2fachen erhöhen kann. Eine Berufskrankheit wird anerkannt, wenn das Risiko um das Zweifache erhöht ist! Die Entwicklung macht uns Sorgen, denn die Tabakproduktion geht weltweit ungebrochen weiter.

In den USA geht sie zurück.

Dafür in Entwicklungsländern drastisch nach oben. Der Kampf ist weit davon entfernt, gewonnen zu werden. Chronische Bronchitis und Emphyseme, krankhafte Lungenaufblähungen, die hauptsächlich durch das Rauchen entstehen, werden auf der Hitliste der Erkrankungen in den nächsten Jahren wahrscheinlich auf den dritten Platz vorrücken, der Lungenkrebs wird vom zehnten auf den fünften Platz der Todesursachen aufrücken. Immer mehr Frauen und Jugendliche erkranken.

Was können Sie als Ärzte dagegen tun?

Das ist ein langwieriger Prozess, aber die Gesundheitsberufe haben dabei sicher eine Vorbildfunktion. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn ein Arzt, gar ein Lungenarzt, raucht. Ärzte sollten ihre Patienten auch danach fragen, ob sie rauchen. Die Kampagnen zur Vorbeugung müssen schon früher ansetzen - bereits im Vorschulalter.

Vom Lebensstil zu den erblichen Faktoren: Was hat die Erforschung des menschlichen Genoms für Auswirkungen auf das Gebiet der Lungenheilkunde?

"Das" Asthma-Gen gibt es sicher nicht. Dass es eine erbliche Komponente gibt, ist ja aus Befragungen längst bekannt. Wir kennen inzwischen auch mindestens sieben Gene, die für diese Krankheit anfällig machen, von der ja immerhin zehn Prozent aller Kinder betroffen sind. Noch haben die molekularbiologischen Erkenntnisse keine praktischen Konsequenzen. Aber es ist absehbar, dass der Gen-Chip kommt. Ich würde vermuten, dass man solche Analysen in fünf Jahren für die Identifizierung von Risiko-Patienten nutzen kann. Das zweite Gebiet ist die Vorhersage von Abweichungen in der Reaktion auf bestimmte Medikamente aufgrund von genetischen Veränderungen.

Und wie sieht es mit der Gentherapie gegen die Lungenkrankheit Mukoviszidose aus?

Es gibt noch keinen Durchbruch. Immerhin aber ist es gelungen, ein Virus, das zuvor mit dem gesunden Gen infiziert wurde, in den Körper des Patienten einzubringen. Es wurde dort auch angenommen und kann nun Defekte reparieren. Wir sind hier einem Wunschtraum der Mediziner immerhin einen Schritt näher gekommen.

Ein Drittel der Bevölkerung in Industrieländern wie Deutschland leidet inzwischen an allergischen Erkrankungen, zu denen ja auch das Asthma gehört. Beschäftigen Sie sich beim Kongress auch mit Gründen für diese rapide Zunahme?

Das ist ein heißes Thema, zu dem es Theorien gibt, die zum Teil auch aus Deutschland kommen. Vereinfacht ausgedrückt gehen sie davon aus, dass die Helferzellen des Immunsystems immer weniger mit Infektionen beschäftigt werden, wie sie früher in kinderreichen Familien und unter anderen hygienischen Bedingungen gehäuft vorkamen. So stürzen sich die Helferzellen stellvertretend auf Allergene. Das ist ein interessanter Ansatz, der vielleicht eines Tages in Form von Impfungen genutzt werden kann.

Und welche Rolle spielen Berufe bei Erkrankungen der Luftwege?

Hier gibt es eine Reihe von neuen Erkenntnissen zu einer Vielzahl von unterschiedlichen Berufen. Bei Friseuren gibt es eine erhebliche Zunahme der Atemwegserkrankungen durch Bleichmittel. Unterschätzt wird aber auch die Rolle des Chlors, etwa für Bademeister. Chlor schädigt, wenn man ihm länger ausgesetzt ist, die Bronchien, besonders bei Menschen, die anfällig sind. Bisher haben wir dabei eher an die typischen roten Augen gedacht, es scheint aber auch in der Luft Chloramin zu entstehen, das eingeatmet wird. Dann gibt es die Bäcker, die Schweinezüchter, das Hausreinigungspersonal: Die Arbeitswelt spielt bei der Entstehung von Allergien eine nicht unerhebliche Rolle.

Unter welches Motto würden Sie den diesjährigen Kongress stellen?

Im Mittelpunkt steht eindeutig das Vordringen vermeidbarer Erkrankungen. Hier gilt es, das Bewusstsein zu verändern. Wichtig ist uns deshalb auch der "Lungenlauf", der am Sonntag stattfindet und zu dem auch die Berliner herzlich eingeladen sind. Wir haben uns entschieden, diesen Kongress abzuhalten, auch wenn leider einige wenige amerikanische Kollegen nicht kommen werden. Doch ich bin überzeugt, dass unsere Stärke in der Normalität liegt. In diesen Tagen ist uns ja bewusst geworden, dass die Sicherheit und Gesundheit, in der wir atmen und leben, nicht selbstverständlich sind. In diesem Bewusstsein werden wir arbeiten.

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