Gesundheit : Atheist auf der Suche nach den Gedanken Gottes

Paul Janositz

Die Weltformel hat er noch nicht gefunden, aber ein Weltstar ist er allemal. Heute feiert Stephen Hawking seinen 60. Geburtstag, und dass er dieses Alter überhaupt erreichen konnte, halten viele für ein Wunder. Denn bei dem britischen Astrophysiker, Inhaber des berühmten Newton-Lehrstuhls an der Universität Cambridge, wurde bereits 1962 die schwere Muskel- und Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ASL) diagnostiziert. Die Krankheit gilt als unheilbar, sie lässt die Muskeln schwinden und führt meist innerhalb kurzer Zeit zum Tode.

Die Ärzte geben dem Sohn eines Tropenmediziners nur noch ein bis zwei Jahre. Hoffnung schöpft der Physikstudent, als deutlich wird, dass sich sein Zustand ungewöhnlich langsam verschlechtert. Nach der Promotion setzt der 24-Jährige die Laufbahn in Cambridge fort, der Konkurrenzuniversität von Oxford, seiner Geburtsstadt.

Heute kann Hawking nur noch zwei Finger bewegen. Schon lange ist er an den Rollstuhl gefesselt. Seit einer Luftröhrenoperation vor 15 Jahren kann er nicht mehr sprechen, Kommunikation ist nur noch per Sprachcomputer möglich. Und doch gilt Hawking heute als einer der klügsten Köpfe der Welt. Seine populär geschriebenen Bücher über Entstehung und Zukunft des Weltalls wurden zu beispiellosen Bestsellern.

Die Fähigkeit, komplizierte Vorgänge verständlich darstellen zu können, rechnet Hermann Nicolai zu Hawkings größten Verdiensten. Eine herausragende Leistung sieht der Direktor vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Golm auch in Hawkings Beweis des "Singularitätentheorems": Damit sei die Entstehung Schwarzer Löcher erklärt worden. Auch die "Hawking-Strahlung" gehört laut Nicolai in diese hochkarätige Kategorie. Diese Theorie sagt voraus, dass Schwarze Löcher nicht nur Energie verschlucken, sondern auch Strahlung freisetzen können.

Das Problem, weswegen Hawking möglicherweise nicht den Nobelpreis bekommen werde, sei dass sich diese Theorie nur schwer beweisen lassen werde. Dasselbe gelte auch für Hawkings Spekulation über die Quantifizierung der Gravitation, deren wissenschaftlichen Gehalt man noch nicht bewerten könne.

Zwar hält Nicolai das umtriebige Geburtstagskind für einen großen Physiker - ein moderner "Einstein" sei er allerdings nicht: Bei einer solchen Etikettierung durch die Medien spiele wohl das Interesse an Hawkings qualvoll erscheinendem Zustand mit.

Hawking selbst kommentiert sein Schicksal mit Humor. Wenigstens komme er nicht in Versuchung, seine Zeit mit Joggen und Golf-Spielen zu vertrödeln. Ernster ist es ihm wohl, wenn er davon spricht, in seinem Leben "großes Glück" gehabt zu haben, privat wie beruflich: "Bevor ich die Krankheit hatte, fand ich das Leben ziemlich langweilig. Ich glaube, jetzt bin ich glücklicher."

Lange Zeit hat Jane Wilde zu seinem Glück beigetragen. "Intellektuell war Stephen ein überragender Gigant, körperlich hilflos wie ein Neugeborenes", schreibt sie in dem Buch, in dem sie die 25-jährige Ehe schildert, aus der drei Kinder hervorgegangen sind. Sie habe die Aufgaben einer Mutter erfüllen müssen, statt eine Ehefrau sein zu können, resümiert sie bitter nach der Scheidung im Jahr 1990.

Hawking suchte derweil Antworten auf die großen Fragen der Menschheit: "Ich möchte verstehen, warum das Universum so ist, wie es ist, und warum es überhaupt existiert." Er wolle "die Gedanken Gottes lesen", wobei Gott für den Atheisten nur ein schöneres Wort für die abstrakten Gesetze der Physik ist.

Dieses Ziel möchte er mit einer Weltformel erreichen, die Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik verbindet. Einen Satz mathematischer Gleichungen, der vom Urknall bis zu den Atomen alles erklären soll. In den 70er Jahren glaubte Hawking noch, diese Formel bis zum Jahr 2000 finden zu können. Inzwischen hat er die Frist auf das Ende des 21. Jahrhunderts verschoben.

Denn was die Zukunft der Menschen angeht, ist Hawking pessimistisch. Nacheinander hat er bereits ihr nahendes Ende durch den Treibhauseffekt und ein Killer-Virus vorausgesagt. Auch einen Kometeneinschlag hält er für möglich. "Panikmache", werfen ihm Kritiker vor. Sie graust es auch bei Hawkings Spekulationen über Außerirdische, Zeitreisen oder den "neuen Genmenschen".

Kritik an Hawkings Thesen übt jetzt auch der Leiter der vatikanischen Sternwarte, der Jesuitenpater George Coyne. Hawking verfüge über keinerlei philosophische und theologische Bildung, er sei lediglich Naturwissenschaftler. Vor allem bemängelte der vatikanische Chef-Astronom die Schlussfolgerungen aus der These, dass das Universum keinen Anfang habe. Coyne erklärte, selbst wenn diese These stimme, schließe sie nicht die Existenz Gottes als Schöpfer aus, wie Hawking behaupte.

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