Gesundheit : Auch durch Strafen konnte die Kirche die Emanzipation der Naturwissenschaften nicht aufhalten

Raoul Fischer

Es war ein finsteres Jahr für den Franziskanermönch Roger Bacon. 1257 wurde er in Paris von seinen Ordensbrüdern in Klosterhaft genommen. Zwar durfte er sich in der Stadt frei bewegen, aber weder studieren, noch experimentieren oder schreiben und schon gar nicht lehren. Ein hartes Los für den 43-jährigen Engländer, der seit seinem 12. Lebensjahr nichts anderes gemacht hatte, als zu studieren: Arabisch, Griechisch, Philosophie, Theologie - und Alchemie. Kaum zwei Jahre nach seinem Ordenseintritt war der "Doctor mirabilis", wie er genannt wurde, denunziert worden: zu viel Aristoteles, zu viel Mathematik und Experimente mit magischen Geräten.

Das mittelalterliche System, in dem Kirche und christlicher Glaube die Mitte bildeten, begann zu bröckeln. Die Weltsicht wurde nicht mehr allein von der Theologie, von der Offenbarung der Heiligen Schrift her bestimmt. Neue Wissenschaften wie Naturphilosophie und Mathematik kamen auch in Europa auf. Und während Päpste wie Gregor IX., Innozenz IV. oder Urban IV. die Lektüre der Schriften des Aristoteles verboten, wurden von Oxford bis Paris dessen Bücher über die Physik und die Metaphysik studiert.

Roger Bacon hatte Glück. Der päpstliche Legat Guido Fulcodi hatte von seinen Lehren gehört und versuchte, die Oberen des Wissenschaftlers zu bewegen, ihm eine Schreiberlaubnis zu erteilen. Vergeblich. Aber das Schicksal - oder sollte man sagen: "die göttliche Fügung"? - wollte es, dass im Jahr 1265 Papst Urban IV. starb. Ein neuer Papst wurde gewählt: Clemens IV. - alias Guido Fulcodi. Und der bafahl als Papst, um was er als Legat noch gebeten hatte. So konnte Bacon schließlich seine Thesen niederschreiben. Diese waren für die damalige Zeit unerhört. Er stellte fest, dass in jeder Wissenschaft ist nur soviel an Wahrheit enthalten sei, wie in ihr Mathematik stecke.

Bacon wurde nach dem Tod Clemens IV. zum zweiten Mal eingesperrt. Er blieb nicht der Letzte. Die Auseinandersetzung erreichte ihre traurigen Höhepunkte in der Verbrennung des Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen der Inquisition und der Verurteilung Galileo Galileis. Der Streit zwischen Theologie und Naturwissenschaft war entbrannt und reicht bis in unsere Zeit. Zwei Probleme stehen im Mittelpunkt. Erstens: Was ist wahr, wenn naturwissenschaftliche Erkenntnisse biblischen Aussagen widersprechen? Und zweitens: Ist der Schöpfungsglaube der Kirche noch zu halten?

Der Kanonikus und Bistumsverweser Nikolaus Kopernikus (1473 - 1543) hatte Anfang des 16. Jahrhunderts einen Kommentar über die Bewegung der Himmelskörper geschrieben. Darin vertrat er die These, dass die Erde sich um sich selbst dreht und um die Sonne. Das bedeutete: Die Sonne steht fest im Mittelpunkt der Welt. Kopernikus stellte so nicht allein das aristotelische Weltbild in Frage, nach dem die Erde der Mittelpunkt der Welt ist. Es zeigten sich Widersprüche zur Heiligen Schrift. Zum Beispiel dem alttestamentlichen Buch Josua, wo es in Kapitel 10, Vers 12 heißt: "Sonne, bleib stehen über Gibeon, und du Mond über dem Tal von Ajalon."

Kopernikus formulierte seine Thesen nicht zu deutlich - das erhielt ihm die Freundschaft von Papst Paul III. Es war nach Giordano Bruno insbesondere Galileo Galilei (1564 - 1642), 21 Jahre nach Kopernikus Tod in Pisa geboren, der ins Visier der Inquisition geriet. Galilei forderte eine von theologischer Zensur freie Naturforschung und verteidigte vehement das kopernikanische Weltbild. Er wurde verurteilt, musste seinen Lehren abschwören und bekam lebenslange Haft auf seinem Landsitz in Alcetri.

Die Verurteilung Galileis konnte die Entwicklung der Naturwissenschaften nicht aufhalten. Die Kirche musste Schritt für Schritt zurückweichen in dem Maße, wie Forscher ihre Thesen experimentell oder mit mathematischen Berechnungen beweisen konnten. Ein weiteres Beispiel für die Auseinandersetzung zwischen Theologie und Naturwissenschaften ist Charles Darwins (1809-1882) Lehre von der Entstehung der Arten, besser bekannt als Evolutionstheorie. Darwin ging davon aus, dass natürliche Variationen der Arten schließlich durch den Überlebensdruck aus der Umwelt zu neuen, besser angepassten oder überlebensfähigen Arten führen. Der Mensch wurde durch Darwin von der Krone der Schöpfung zum Verwandten der Affen.

Nach der Säkularisation hatte die Kirche keine Möglichkeiten mehr, einen Forscher zu verfolgen. Aber Theologen lehnten Darwins Lehre ab. Seitdem Naturwissenschaftler wie Louis Pasteur (1822 - 1895) die Möglichkeit einer Urzeugung in Zweifel gezogen hatten, vertraten viele die These von einem mehrfachen schöpferischen Eingreifen Gottes. Ein Rückzugsgefecht, in dem Gott für die Lücken im naturwissenschaftlichen Wissen herhalten musste.

Erst der Jesuitenpater Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) versuchte, Evolutionstheorie und Schöpfungslehre zu verbinden. "Je mehr wir von der Vergangenheit wissen, desto weniger Platz haben wir für Adam und das Paradies", soll der Naturwissenschaftler und Theologe in einer nicht zur Veröffentlichung gedachten Schrift geschrieben haben. Das Drama vom Sündenfall war nach seiner Theorie das Drama der ganzen Menschheit, symbolisiert in Adam und Eva, so wie diese die Schöpfung durch Gott symbolisieren sollen. Vor das Heilige Offizium, die heutige Glaubenskongregation, zitiert, schwörte er seinen Thesen ab - und wurde nach China ins Exil geschickt.

In dem Denken des Jesuiten wird die Spaltung von 1231 überwunden, als Papst Gregor XI. die Bücher des Aristoteles verbot. 1992 schließlich rehabilitierte Papst Johannes Paul II. Galileo Galilei. Für den 12. März 2000 hat der Heilige Stuhl in Rom eine große Entschuldigung der Kirche für die Sünden in ihrer 2000-jährigen Geschichte angekündigt. Ob sich diese auch an Giordano Bruno, Charles Darwin oder Pierre Teilhard de Chardin richtet?

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