Gesundheit : Auch ein 9. November - ein Gespenst mit großer Wirkung

Ingo Bach

"Am Anfang war Napoleon", schrieb der deutsche Historiker Thomas Nipperdey in seiner "Deutschen Geschichte 1800 bis 1918". Und auch wenn dieses Urteil dem Autor viele Angriffe von Kollegen einbrachte, so hat der französische Kaiser die europäische Geschichte im 19. Jahrhundert zweifellos entscheidend geprägt. "Während des ganzen Jahrhunderts blieb Napoleon ein Gespenst mit großer Wirkung auf die europäische Politik". So beurteilt der französische Historiker Etienne Francois, ehemaliger Direktor des Berliner Centre Marc Bloch und jetzt Professor am Frankreichzentrum der Technischen Universität, die Rolle Napoleons. Als Beispiel nennt Francois gegenüber dem Tagesspiegel die letztendlich gescheiterte Restauration der vornapoleonischen europäischen Ordnung nach 1815 und den Aufstieg seines Neffen Napoleon III. zum zweiten französischen Kaiser, der ohne die Popularität seines Onkels nicht zu denken ist. Und auch wenn sich die Wirkung Napoleons mit der Zeit abschwächte wirkt er bis in die Gegenwart. Francois: "Man kann durchaus den Gaullismus als modernen Bonapartismus bezeichnen und damit Chirac als Napoleons letzten Nachfolger."

Am Anfang also war Napoleon, doch auch ein Napoleon stand einmal an einem Anfang. Und der ist datierbar: der 18. Brumaire (9. November) 1799. An diesem Tag vor 200 Jahren begann die Metamorphose des Bonaparte - ein unglaublich junger und erfolgreicher General - zu Napoleon, dem Kaiser der Franzosen.

Frankreichs Volk rief in jenen Tagen nach einem starken Mann. Längst hatten sie das Vertrauen in ihre Führung verloren. Die beiden nach der 1789er Revolution geschaffenen Parlamentskammern - der Rat der Alten und der Rat der Fünfhundert - und die Regierung - ein fünfköpfige Direktorium - blockierten sich selbst in ständigen Grabenkämpfen. Da die Verfassung von 1793 für Konfliktfälle zwischen Exekutive und Legislative kein Schieds-Verfahren vorsah, gab es keine Ruhe. Das Ergebnis waren anarchische Zustände: mit der Wirtschaft ging es bergab, die Staatskassen waren leer und unter den Beamten grassierte die Korruption. Das Straßennetz verfiel und wer auf ihm reiste, konnte sich vor Räubern nicht sicher fühlen. In den Provinzen herrschten Unruhen, ebenso wie an den Grenzen. Mit mehreren Staaten befand man sich im Kriegszustand und die Armee war in einem miserablen Zustand. Die junge Republik leide schon an Altersschwäche, hieß es.

Weil sich die Verfasssung auf friedlichem Wege nicht ändern ließ, dachten einige Mitglieder des Direktoriums an einen gewaltsamen Umsturz, allen voran Joseph Sieyés, der eine starke Exekutive zu Lasten der Legislative anstrebte. Und dazu brauchten sie Bonaparte. Der gerade mal 30-jährige General war im Oktober 1799 von seinem Ägypten-Feldzug zurückgekehrt. Er genoss eine große Popularität beim Volk und in der Armee, für einen Staatsstreich zwei herausragende Eigenschaften. Sieyés suchte den Kontakt zu Bonaparte und gewann ihn für seine Umsturzpläne, denn auch er spürte den Ruf nach einem starken Mann - und der wollte er selbst sein.

Am 9. November 1799 trat um sieben Uhr morgens in Paris der Rat der Alten zusammen. Die Verschwörer malten den Teufel einer bevorstehenden Revolte der Opposition - die man "vergessen" hatte, zu der Sitzung einzuladen - an die Wand, um die Verlegung des Tagungsortes für das gesamte Parlament nach Saint-Cloud zu erreichen: an einen Ort, den Bonaparte-treue Truppen "beschützten". Außerdem übertrug der Rat der Alten den Oberbefehl der Pariser Garnison an Bonaparte. Danach trat das Direktorium geschlossen zurück, teils weil sie selbst Verschwörer waren, teils durch eine beachtliche Ablösesumme und teils auch durch Zwang. Das Komplott schien gelungen. In Paris wurden massenhaft Plakate geklebt, auf denen zu lesen war: "Bürger, in Paris muss Bonaparte sein, um euch den Frieden geben zu können."

Am nächsten Tag sollte das Parlament in seiner Sitzung in Saint-Cloud - beschützt, oder besser bewacht, von 5000 Bonaparte-treuen Soldaten - eine neue Verfassung verabschieden. Doch nun war die Opposition dabei, deren Abgeordnete sich vehement dagegen verwahrten. Eine ungeschickte Rede Napoleons vor den beiden Kammern, in denen er unbeholfen seine Rechte als militärischer Sieger einforderte, brachte das Fass zum Überlaufen. Die Abgeordneten forderten, ihn zu ächten, ja sie verprügelten ihn sogar. Napoleon ergriff die Flucht, der Umsturzversuch stand vor dem Scheitern. Doch in dem Augenblick ergriff der Präsident des Parlamentes - Lucien, der auf der Seite der Verschwörer stand - die Initiative und machte von seinem Recht Gebrauch, bei Sitzungstumulten Soldaten zu Hilfe zu rufen. Bonapartes Grenadiere stürmten in den Sitzungssaaal. Den Abgeordneten wurde die Zustimmung abgepresst, das Direktorium durch drei Konsuln zu ersetzen. An ihrer Spitze stand Napoleon Bonaparte als Erster Konsul. Die Tür zur Alleinherrschaft war aufgestossen.

War dieser Putsch nun das Ende der Revolution oder ihre Weiterentwicklung. "Natürlich war dieser Staatsstreich eine Absage an die Revolution", meint der Historiker Etienne Francois. "Doch war sie keine Restauration der monarchischen Verhältnisse, sondern die Errichtung einer Alleinherrschaft auf der Basis der Revolution."

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