Gesundheit : Auf dem Felde studentischer Ehre

KEVIN McALEER

Wie ein Süd-Kalifornier in unseren Tagen verwundert die Kunst des Duellierens zwischen Berliner Jung-Akademikern erlebtVON KEVIN McALEERDrei Dinge beeindruckten mich tief, als ich vor einigen Jahren nach Berlin kam.Erstens: daß es für Ladeninhaber nicht erlaubt war, nach sechs Uhr abends Geld zu verdienen.Zweitens: daß es verboten war, Waffen zu besitzen, und drittens, daß es erlaubt war, sich zu duellieren. Als geborener Süd-Kalifornier, der Kampferfahrungen ausschließlich auf dem Surfboard gesammelt hatte, wußte ich nicht viel von abstrakten Emotionen wie Heldentum und Akademikerehre.Als mich aber ein Verbindungsstudent fragte, ob ich gerne ein "modernes" deutsches Duell sehen wolle, gab es kein Zögern.Schließlich schrieb ich gerade an einem Buch über das historische Duell und brannte darauf, eine Demonstration dieser archaischen Tradition live zu studieren. Wenige Tage später ist es so weit: Ort des blutigen Geschehens ist das Haus einer schlagenden Studenten-Verbindung (deren Namen ich hier nicht nennen darf) in einem noblen Berliner Villen-Bezirk.Ich bemerke zu meiner Verblüffung, daß abgesehen von der Bardame, nicht eine einzige Frau anwesend ist, (nicht einmal Cheerleaders). Dafür sind unter den männlichen Anwesenden fast sämtliche Altersklassen vertreten - Aktive der Verbindung und "alte Herren".Unter letzteren finden sich Anwälte, Ärzte, Direktoren - Menschen also, die auf den ersten Blick einen durchaus zivilisierten Eindruck machen.Wie man sich irren kann.Die meisten von ihnen zieren dekorative Narben. Als ich sage, daß diejenigen mit den meisten "Schmissen" wohl die schlechtesten Fechter sein müßten, sind die Kämpfer ehrlich empört: Bei einer Mensur gebe es weder Gewinner noch Verlierer, erklären sie mir.Sie sei eine Mutprobe und der Schmiß ihre ehrenhafte Bestätigung.Wenn es einen Gewinner gebe, so wäre das allein derjenige, der die meisten Wunden davon trägt: a question of honour. Nun, mit Surfen oder Football hat diese Art von Wettkampf ungefähr soviel zu tun, wie Kaiser Wilhelm II.mit Eddie Murphy und ist deshalb für einen Amerikaner nur sehr schwer zu begreifen.Ich besitze viel Toleranz gegenüber mir fremden Gesellschaften und deren Riten.Diese Toleranz wurde jedoch selten so hart auf die Probe gestellt, wie an jenem Abend ... Der erste Kampf wird angekündigt, bevor ich mein Bier austrinken kann.(Auch hier bin ich weniger gut trainiert als die Gastgeber.) Wir marschieren auf den Paukboden - dann schließen sich die Türen vor der Bardame: Männersache. Die Gladiatoren erscheinen auf der Szene, in martialische Schutzausrüstungen gehüllt, einzig das Gesicht bleibt frei.An den Wänden hängen Wappen und Hiebwaffen.Eiserne Helme mit Nasenschutz verleihen den Studenten das Aussehen von Raubrittern. Der Herausforderer ist Mitglied einer Landsmannschaft; er tritt gegen den Angehörigen einer anderen akademischen Duell-Gesellschaft, einer "Sängerschaft", an.Der Sängerknabe ist so winzig, daß er mittels eines hölzernen Podestes in Augenhöhe seines übergroßen Gegners gebracht werden muß: David gegen Goliath.Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Komik. Als der Zweikampf beginnt, vergeht mir das Lächeln allerdings schnell.Der "Kampf" verläuft etwa so: beide Gegner stehen einander gegenüber, die Füße fest auf dem Boden.Als das Signal zum Anfang gegeben wird, schlagen beide Fechter urplötzlich mit großer Wucht aufeinander ein.Der einzig aktive Teil ist dabei der Arm, der über den Kopf schwingt, die Klinge des gewaltigen Säbels abwärts sausen läßt, um dann mit einer seitlich schnappenden Bewegung des Ellbogens einen Hieb auf das Gesicht des Gegners auszuführen. Keinerlei Virtuosität: keine Beinarbeit, keine Finten, keine feine Kunst der Parade und des Konterns - Hiebe werden mit dem Kopf pariert.Nur eines verlangt die Mensur: die Bereitschaft, sich eine Klinge ins Gesicht schlagen zu lassen. Der Landsmannschaftsstudent ist natürlich der Stärkere von beiden, und im Kampfgetümmel schafft er es sogar, den mächtigen Bierkrug eines Zuschauers zu treffen.Zuerst fließt also Bier, dann Blut.Es tröpfelt rot vom dunklen Haar des Sängers herab auf sein Gesicht.Er wankt, schlägt sich aber wacker weiter. Spätestens jetzt ist meine Neugier auf die Männlichkeitsrituale deutscher Studenten einer nicht zu unterdrückenden Abscheu gewichen.Keine Eleganz á la Errol Flynn, ich empfinde einzig Mitleid mit dem tapferen kleinen Helden auf seinem Podest.Sein Gesicht ist gegen Ende des Kampfes von Blut rot überströmt, ebenso seine Rüstung und dunkel gesprenkelt der Fechtbogen. Ich habe genug gesehen.Insgesamt waren sechs Zweikämpfe angesetzt, (wie die sechs Bullen bei einer Corrida schießt es mir durch den Kopf), und ich möchte an dieser Stelle bemerken, daß diejenigen, die den Stierkampf verdammen, einmal eine Mensur sehen sollten.Stierkampf mag moralisch unhaltbar sein, aber irgendwie gehören dazu doch auch Dramatik, Ästhetik und Kunstfertigkeit.Dasselbe kann sogar für das Boxen gelten, wenn Stilisten am Werke sind.Bei der Mensur aber gab es nichts von alledem.Es war genau so, wie Laien sich das Boxen vorstellen: zwei wütende Berserker, die versuchen, einander den Schädel einzuschlagen. Dieser erste Kontakt mit deutschen Studenten ließ mich für eine Tätigkeit als Gastforscher an der Uni das schlimmste befürchten, und ich gebe zu, daß ich mir die bekannte Schlagfertigkeit der Berliner etwas weniger handgreiflich vorgestellt hatte.Aber glücklicherweise ist das Duell kein besonders populärer Sport.Zu meiner ungemeinen Erleichterung war der Campus auch unbewaffnet gefahrlos zu betreten.Selbst für einen Amerikaner, der von Ehre nichts versteht. (Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bodo Mrozek.) Kevin McAleers Monographie "Duelling.The Cult of honour in Fin-de-Siècle-Germany" erscheint derzeit bei Princeton University Press als Taschenbuchausgabe.McAleer lebt als freier Autor in Berlin.

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