Gesundheit : Auf dem Weg zum verkannten Genie

DEIKE DIENING

Seit "Wag the Dog" kann man Filmproduzenten eigentlich nicht mehr ernst nehmen: In dem Streifen gab Dustin Hofmann mit getönter Sonnenbrille eine hervorragende Parodie des Berufsstandes.Der Produzent als eitler, geltungssüchtiger Wichtigtuer - ein verkanntes Genie, aber im Abspann ganz hinten, abschreckende Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen und Größenwahn.Der geringe Ruhm, der ihm zuteil wird, verhält sich exakt antiproportional zur finanziellen und kreativen Verantwortung, die auf den Schultern des Produzenten lastet.

An der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam-Babelsberg kann man das Fach "Produktion" aber auch ganz ernsthaft studieren, in dieser Form sogar einmalig in Deutschland.Während andere Filmhochschulen laut HFF eher "das Filmemachen als Ganzes" lehren, sieht das Potsdamer Konzept eine Aufspaltung in zehn verschiedene Studiengänge vor, die alle eine Funktion beim Film erfüllen - "Film und Fernsehproduktion" ist eine davon.Damit, und mit dem Schwerpunkt auf der Praxisverzahnung der Lehre, will man die Absolventen fit machen für die Berufswelt.

"Naja, so ein bißchen Wahrheit ist ja dran", meint Jan Fincke grinsend, als er die Typologie des Produzenten vorgehalten bekommt.Nach einer zweijährigen Ausbildung zum Aufnahmeleiter beim ZDF in Mainz und mehreren Jahren als freier Mitarbeiter ergänzt er jetzt sein theoretisches Wissen in Babelsberg.Auf dem Unterrichtsplan stehen unter anderem Filmgeschichte, Medienrecht, Produktionskunde, Technik, Marketing, Filmlogistik, daneben aber auch Grundlegendes über Filmversicherungen.

"Schließlich muß man ja auch wissen, was man macht, wenn mitten in den Dreharbeiten plötzlich der Hauptdarsteller wegstirbt", sagt Fincke.Aber auch dieser eher trockene Stoff wird anders vermittelt als üblicherweise in der Uni: Seltener geht es um die kanonische Vermittlung von Wissen.Die Studenten profitieren vielmehr von der Praxiserfahrung ihrer Dozenten."Dozenten sind Geschichtenerzähler", weiß Fincke nach vier Semestern.Besonders beliebt sind die Anekdötchen, die Dozent Otto Meissner laufend von den Dreharbeiten zu "Liebling Kreuzberg" zum Besten gibt.

Das Studium ist konzipiert als Synthese von Lernen und Handeln, denn am Ende wollen fast alle Absolventen einmal Filme produzieren.Für Jörg Trentmann ist der Produzent im Entstehungsprozeß eines Filmes die Schnittstelle zwischen Künstler und Geschäftsmann.Der Produzent entwickelt zum Teil eigene Filmideen, sucht und bespricht Drehbücher oder gibt sie gar selbst in Auftrag - und das, ohne den finanziellen und organisatorischen Rahmen aus den Augen zu verlieren.Die praktische Umsetzung von Ideen, der Umgang mit Kooperationsfirmen und Autoren, schließlich die Vermarktung - das alles gehört mit zum Metier.Im Kleinen werden diese Fähigkeiten während der Hochschulfilmprojekte geübt, denn jährliche praktische Filmübungen sind Pflicht.Hier kennt jeder jeden.In beneidenswert kleinen Jahrgängen von bis zu zwölf Studierenden bleibt der Studiengang überschaubar.Mitstreiter für die Filmideen suchen sie direkt aus der studentischen Nachbarschaft.Einer aus dem Studiengang Regie sucht sich jemanden aus der Produktion, die Dramaturgie liefert den Rohstoff, den Schnitt und Ton dann technisch bearbeiten.

Doch ganz so paradiesisch wie es klingt - studieren und gleich Filme drehen -, sieht es an der Hochschule dann doch nicht aus.Obwohl einige Töpfe mit Fördermitteln für Filmmaterial und -entwicklung bereitstehen, müssen sich die Studenten um Kooperationen mit Sendern bemühen, denen ihre Projekte förderungswürdig erscheinen.Das Verkaufen der eigenen Ideen wird dabei gleich mitgelernt.

Einen "typischen" Studenten gibt es an der HFF nicht.Nur wenige kommen direkt nach dem Abitur hierher, die meisten sind schon etwas älter und verbinden mit dem Studium ein ganz konkretes Ziel.Praxiserfahrung muß man schon mit der Bewerbung nachweisen.Da ist zum Beispiel Jens-Uwe Schmidt: im Osten lernte er Binnenschiffer, schipperte dann zwei Jahre über die Flüsse, um dann mit 31 doch wieder aufs Trockene zu kommen.Nach acht Semestern in Babelsberg wird er sich Diplom Film- und Fernsehwirtschafter nennen dürfen.

Die Hochschule für Film und Fernsehen bietet als älteste Filmhochschule Deutschlands noch einige weitere Besonderheiten.Das beginnt schon beim Mittagessen.Anderswo in tristen Mensen eingenommen, ißt man hier auf einer erhöhten Terrasse.Der Blick wird gefüttert mit dem satten Grün, das den Griebnitzsee umgibt.Die Phantasie blüht mit den gepflegten Balkonkästen auf der Terrasse um die Wette.Allerhand Jobs, Kooperationen und Projekte werden hier besprochen - eine gut funktionierende Kontaktbörse.

Zumindest in den Anekdoten ist die Vorwendezeit noch präsent: Direkt unter der Terrasse zum See hin verlief der erste Grenzsignalzaun.Ein einziger Weststudent war hier eingeschrieben, der täglich mit einem speziellen Passierschein die Brücke in Richtung Hochschule und zurück überqueren durfte.

Auffällig auch, wie sehr die östliche Uni-Geographie der westlichen ähnelt: wie auf dem Dahlemer Campus sind die verschiedenen Studiengänge in unterschiedlichen Gebäuden beherbergt, die Bibliothek in einer alten Villa, die modernen AVID-Schnittplätze hinter efeuumrankten Fenstern mit hölzernen Fensterläden.Ansprüche von Alteigentümern auf Rückübertragung der Häuser zwingen die Institute jedoch noch zum Umzug, bevor Ende 1999 der zentrale, lichtdurchflutete Neubau bezogen wird.Bis dahin müssen sie wandern, von einem Gebäude zum andern.

Wer sich für den Studiengang Produktion bewerben will der muß mindestens 26 Wochen berufsbezogene praktische Erfahrung nachweisen und Arbeitsproben abliefern.Die Bewerbungsfrist für das Wintersemester läuft noch bis zum 1.Februar.Nach der Vorauswahl findet eine schriftliche und mündliche Zugangsprüfung statt.

Internet-Adresse: http://www.hff-potsdam.de , Tel.03 31 / 74 69 0

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