Gesundheit : Auf der Bariumwolke

Der Physiker und Wissenschaftsmanager Reimar Lüst wird 80

Hermann Rudolph

Die Zahl der Ämter, die er inne hatte, ist kaum noch zu zählen. Schon, wenn man nur die wichtigsten nennt, ersteht das Bild einer denkwürdigen Karriere: Vorsitz des Wissenschaftsrats von 1969 bis 1972, zweimalige Präsidentschaft der Max-Planck-Gesellschaft von 1971 bis 1984, Generaldirektorat der ESA, der Europäischen Weltraumorganisation, schließlich die Präsidentschaft der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Reimar Lüst hat nicht wenige der Positionen bekleidet, die in der Bundesrepublik für die Organisation der Forschung, im weiteren Sinne: für die Wissenschaft und ihre Rolle gegenüber Staat und Öffentlichkeit verantwortlich sind. Was nur heißen kann, dass er sie beispielhaft ausgefüllt hat. Die Wissenschaft, zumal die Naturwissenschaft, hat in ihm einen verlässlichen Sprecher und Repräsentanten gehabt. Für gut drei Jahrzehnte ist er für ihr Management unentbehrlich gewesen.

Das Bemerkenswerte daran ist, was vielleicht auch der tiefere Grund für diese Laufbahn ist: Dass Lüst hinter den Aufgaben, die er wahrzunehmen hatte, immer als der Wissenschaftler erkennbar blieb, der er in tiefster Seele ist. Nach Krieg und Gefangenschaft hatte der Pastorensohn aus Barmen einen beeindruckenden Aufstieg als theoretischer Physiker und Astrophysiker absolviert: 1951 Promotion bei Carl-Friedrich von Weizsäcker, sozusagen noch im Schatten der großen Göttinger Tradition, 1963 Direktor am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in Garching, also an der Front des Neuen. Überdies mit dem spektakulären Experiment, mittels einer Bariumwolke das Magnetfeldes der Erde sichtbar zu machen, was ihn international bekannt machte. Da war dem Schritt des 40-Jährigen, sich für die Arbeit der Gremien, Beiräte und Vorsitze gewinnen zu lassen, doch wohl auch etwas Entsagung beigemischt.

Zumal Lüst seiner ganzen Statur nach nichts von der selbstverliebten Geschäftigkeit oder der Lust am Sich-Produzieren hat, die in dieser Sphäre nicht selten ist.. Die protestantische Herkunft ist in der zurückhaltenden Sachlichkeit seines Auftretens spürbar, die Schule der Physik im offenen Herangehen an die Themen, allerdings auch in der Insistenz auf dem Recht und dem Rang naturwissenschaftlichen Denkens in unserer Gesellschaft. So ist in ihm ein Mann des Wissenschaftsbetriebs zu besichtigen, der mit seiner Arbeit für den Anspruch jener Welt der Wissenschaft und Bildung steht, ohne die unsere Zivilisation nicht lebensfähig wäre. Über die Grenzen seines Fachs hinaus: Lüst war Mitgründern der Nationalstiftung und hat in Berlin den Freundeskreis der Humboldt-Universität mit ins Leben gerufen. Seinen achtzigsten Geburtstag an diesem Dienstag begeht er in Bremen, wo er Vorsitzender im Board of Governors der privaten International University ist. Seinem altem Fach bleibt er in Erinnerung: Seit 1991 trägt der Planetoid 4386 den Namen „Lüst“.

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