Gesundheit : Auf der Flucht vor der Flut

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Von Gideon Heimann

Weite Teile Asiens werden derzeit von außergewöhnlich starken Regenfällen und – in deren Folge – von Überschwemmungen heimgesucht. Hunderte von Menschen sind Opfer der Wassermassen geworden, Millionen sind auf der Flucht, haben ihre Häuser aufgeben müssen. Ähnliches geschah gerade erst auch in Südrussland sowie in den USA, in Süd- und Mitteltexas. Klimaforscher sehen die Entwicklung mit Besorgnis.

Es ist Monsunzeit im Pazifik, je nach geografischer Breite beginnt sie im Juni und endet im September. „Und wenn ein Monsun stark ist, dann gibt es Überschwemmungen“, sagt Mojib Latif, Klimaforscher am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Es ist also nicht das einzelne Wetterphänomen, das dem Wissenschaftler Sorge bereitet: „Extreme Niederschläge hat es immer schon mal gegeben.“ Was ihm viel gefährlicher erscheint, ist die statistisch erfassbare Summe dieser Einzelereignisse und ihre zunehmende Häufung. Und hier gebe es sicherlich einen Bezug zur Klimaerwärmung.

Ein Problem für Versicherer

So sieht das auch Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung für die Untersuchung von Witterungsextremen zuständig. Er verweist auf die Statistik, wonach sich die Zahl der Katastrophen im Vergleich der Jahre 1950 bis 1959 und 1990 bis 1999 vervierfacht hat. Diese Aufstellung stammt von der Münchener Rückversicherung, die sich auch mit den Folgen von Unwettern befassen muss. Stürme und Überschwemmungen machten im Jahr 2001 zwei Drittel der beobachteten Naturkatastrophen aus. In Fernost, so heißt es im Bericht über das vergangene Jahr, gab es Schadensrekorde.

„Wir machen durch den ungezügelten Ausstoß von Klimagasen Experimente mit der Natur, und zwar mit langfristig ungewissem Ausgang“, betont Latif. Er fordert – wie viele seiner Kollegen – einen Umstieg in der Energieversorgung, weg von der Verbrennung fossiler Träger, hin zu regenerativen Techniken. Das sei teuer und aufwändig, räumt der Hamburger Wissenschaftler ein, aber letztlich billiger als die Kosten, die uns die Unwetterschäden in einigen Jahrzehnten bescheren würden.

Denn da eine globale Erwärmung nachweisbar sei – in den vergangenen 100 Jahren stieg die Durchschnittstemperatur in Deutschland um etwa ein Grad Celsius – sei es sehr wahrscheinlich, dass sie Einfluss auf das Wettergeschehen habe. So gingen sämtliche Klimamodelle derzeit davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten „die extremen Ereignisse noch zunehmen werden“.

Und diese Ereignisse sind dabei, sich zu ändern: Standen bei Stürmen bisher Schäden im Vordergrund, die durch das reine Verwehen hervorgerufen werden, kommt jetzt immer häufiger das Regenwasser in Gestalt von Überschwemmungen hinzu. Auch darauf verweist die Münchener Rückversicherung im aktuellen Bericht. Das wird vor dem Hintergrund verständlich, dass die im Zuge des Klimawandels immer wärmere Luft mehr Wasser (aus den Ozeanen) aufnehmen kann. Und dieses Regenwasser verursacht eben schwere Schäden, wenn sich der Sturm über Land bewegt.

Die Folgen für die Menschen sind heute schon schlimm. Vor allem überraschen gleichermaßen die Heftigkeit wie auch die Häufigkeit der aktuellen Niederschläge, von denen die Nachrichtenagenturen berichten:

Schreckensbilanzen

So haben der seit etwa zehn Tagen auf den Philippinen niederstürzende Monsunregen und eine Serie von Taifunen („Chataan“, „Nakri“ und „Halong“) bis zum Sonntag mindestens 60 Menschen in den Tod gerissen. Rund 2000 Häuser seien zerstört oder beschädigt worden, teilte der Katastrophenschutz mit. Insgesamt sind 1,4 Millionen Menschen von den Fluten und Stürmen betroffen. Noch immer leben fast 11 000 Bewohner in Notunterkünften.

Am Sonnabend hatte im Norden des Landes erneut starker Regen eingesetzt und die Straßen in der Hauptstadt Manila stellenweise bis zu zwei Meter hoch unter Wasser gesetzt. Örtlich kam es zu Erdrutschen. Zahlreiche Straßen und Brücken waren nach wie vor unpassierbar. Meteorologen rechnen mit einem Anhalten der starken Regenfälle.

Japan hat gerade erst „Chataan“ überstanden, jetzt hat „Halong“ die Stromversorgung für Zehntausende von Haushalten gekappt. Auf seinem von schweren Regengüssen begleiteten Zug über den Süden hinterließ der Sturm bereits in der Nacht zum Montag auf Okinawa und den Amami-Inseln mehrere Verletzte sowie rund 35000 Häuser ohne Strom, teilten die Behörden mit. Am Montagmorgen bewegte sich „Halong“ weiter auf die Insel Kyushu zu. Am Dienstag wird er auch in Tokio erwartet.

Sehr schlimm sieht es in China aus: Bei den schweren Unwettern wurden nach Behördenangaben bis Sonnabend fast 800 Menschen getötet und ganze Landstriche verwüstet. Rund 300 Personen würden noch vermisst, schrieb die staatliche Zeitung „China Daily“ am Sonntag. Von den Fluten sind den Angaben zufolge rund 110 Millionen Menschen in 18 der 32 Provinzen und Regierungsbezirke betroffen. 1,78 Millionen Chinesen seien aus ihren Häusern in Sicherheit gebracht worden – fast eine Million Häuser seien bereits zerstört.

Zehntausende Soldaten wurden in die betroffenen Regionen geschickt, um Dämme zu bauen und Familien zu retten. Allerdings fallen die aktuellen Schäden nach Einschätzung der Behörden ein wenig geringer aus als 1998. Damals hatten die schwersten Überschwemmungen seit Jahrzehnten 4100 Menschen getötet.

Der Tropensturm „ Rammasun“ brachte indes Südkorea tagelange Regenfälle und überspülte zahlreiche Straßen. Am schlimmsten betroffen waren die Süd- und die Südwestküste des Landes. Dort wurden mindestens vier Menschen getö tet, darunter ein siebenjähriger Junge, der in einem Kanal ertrank.

Schwer betroffen von den Überschwemmungen sind auch Indien und Bangladesch. Im Nordosten Indiens bemühten sich Retter am Sonntag um mehr als 700000 Menschen. Nach Behördenangaben gab es jedoch trotz des starken Hochwassers im Unionsstaat Assam keine Todesfälle. Dort standen mindestens 1000 Dörfer unter Wasser. Seit Sonnabend hatten Soldaten und Hilfsorganisationen die Menschen mit Booten in Notunterkünfte gebracht.

Im benachbarten Bangladesch starben nach den Überschwemmungen der vergangenen Woche mindestens 20 Menschen, Zehntausende mussten evakuiert werden, sagte Regierungssprecher Kamrul Islam am Sonntag. Der Fluss Jamuna war über die Ufer getreten und hatte 16 Dörfer im Bezirk Sirajganj überschwemmt.

Und anschließend drohen Seuchen

Doch selbst wenn die Menschen die Fluten überstehen, sind sie von den gesundheitlichen Folgen bedroht: Acht Personen starben im Osten Bangladeschs, nachdem sie von den Überschwemmungen verschmutztes Wasser getrunken hatten. Es mangelt an sauberem Trinkwasser und die Behörden befürchten, die Situation werde sich noch verschlechtern.

Unter Verwendung von Material der Agenturen dpa, AP, AFP.

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