Gesundheit : Auf der Suche nach einem Phantom

Der „Braindrain“ des wissenschaftlichen Nachwuchses ist weniger dramatisch als häufig beklagt

Simon Wolf

Vielleicht ist das Thema Braindrain deshalb so beliebt, weil sich damit eine Menge Forderungen untermauern lassen: nach Studiengebühren, Elite-Universitäten – oder etwa nach einer Entlastung der 30- bis 40-Jährigen bei den Beiträgen für die Sozialversicherung. Eine Auswandererwelle wie seit der Nachkriegszeit nicht mehr entdeckte unlängst aufgeregt eine Zeitung, allen voran marschierten die Hochqualifizierten.

Die Realität sieht weniger dramatisch aus. „Beim Braindrain handelt es sich um ein allgemein verbreitetes Gefühl, dass mit Zahlen schwer zu belegen ist“, sagt Michael Hartmer, Geschäftsführer beim Deutschen Hochschulverband. Um sich den Fakten hinter diesem Gefühl nähern zu können, muss als Erstes der „Verlust an Gehirnmasse“ genauer definiert werden. Geht es um die immer wieder angeführten deutschen Nobelpreisträger, die in den USA oder Großbritannien forschen und arbeiten? Um die zahlreichen deutschen Postdocs an amerikanischen Universitäten? Oder um jeden Einzelnen, der an einer deutschen Uni studiert hat und anschließend im Ausland arbeitet?

Am weitesten geht die Definition der Ökonomen. „Wer in Deutschland kostenfrei studiert und seine Kenntnisse anschließend im Ausland einsetzt, ist volkswirtschaftlich gesehen ein Verlust“, erklärt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Antwort auf das Problem scheint daher einfach. „Mit einem gebührenfinanzierten Studium würde der Braindrain aus volkswirtschaftlicher Sicht kostenneutral“, sagt Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Mit dem Geld könne man die Ausstattung der Unis und damit auch die Forschungssituation verbessern.

Diese Antwort greift aus der Sicht Herbert Brückers, Migrationsexperte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, zu kurz. Studiengebühren könnten nicht nur deutsche Studierende ins Ausland vertreiben, warnt er, sondern auch Ausländer vom Studium in Deutschland abhalten. Bisher profitiert Deutschland von den akademischen Wanderungsbewegungen: Es kommen mehr Ausländer zum Studieren her als Deutsche das Land verlassen. Für Hochschulabsolventen ergibt sich das gleiche Bild. Auch die akademische Abwanderung in die USA hat über die Jahre kaum zugenommen, sagt Claudia Diehl vom Institut für Bevölkerungswissenschaft in Wiesbaden. „Seit 2001 geht die Zahl der erteilten Visa für Hochqualifizierte sogar zurück.“

Quantitativ, so viel ist klar, gibt es den Braindrain nicht. Aber qualitativ? Wenn es nun doch die Elite ist, die Deutschland den Rücken kehrt, um den USA ihren Platz an der Forschungsspitze zu sichern? So viel vorweg: Es ist nicht so, dass die USA vor allem auf deutsche Importe setzen, um ihren Hunger nach Nachwuchswissenschaftlern zu stillen. „Die Amerikaner haben sich gewundert, das ich ausgerechnet zur Einwanderung deutscher Wissenschaftler arbeite“, erzählt Claudia Diehl. Die indischen, koreanischen oder chinesischen Forschergemeinden in den USA sind erheblich größer.

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass es vor allem die Besseren unter den Absolventen sind, die zum Forschen bevorzugt in die USA gehen. Erklären lässt sich das durch die „doppelte Bestenauswahl“. Weil die meisten jungen Forscher mit einem Stipendium ins Ausland gehen, trennt sich schon bei der Auswahl der Förderorganisationen die Spreu vom Weizen. Von diesen Stipendiaten erhält wiederum nur ein Teil ein Bleibeangebot von den Forschungseinrichtungen. Und weil viele Forscher in neuen Wissensbereichen wie Molekulargenetik und Neurowissenschaften in die USA streben, befürchtet eine Studie des Bundesforschungsministeriums (BMBF), „dass der Rückstand Deutschlands in diesen Bereichen mittelfristig festgeschrieben wird“.

Das Phänomen mit Zahlen zu untermauern ist schwierig. „Die Qualität der Auswanderer lässt sich schwer belegen“, sagt Michael Hartmer vom Hochschulverband. 5000 bis 6000 „German Scholars“ gibt es nach der Studie des Bildungsministeriums in den USA. Diese Zahl hält auch Katja Simons, die das Netzwerk GAIN für deutsche Wissenschaftler in den USA aufbaut, für wesentlich realistischer als die teilweise genannten Zehn- oder Fünfzehntausend. Der Deutsche Akademische Austauschdienst kommt auf weniger als 2000 deutsche „erfahrene Wissenschaftler“ im Ausland (siehe Kasten). Bezogen auf die Gesamtzahl deutscher Akademiker errechnet das BMBF eine „Abwanderungsquote“ von zehn bis 15 Prozent, diese nehme sich „bescheiden aus im Vergleich zum Braindrain einiger asiatischer und lateinamerikanischer Länder“.

Die genannten Zahlen sind nur Momentaufnahmen, die nichts darüber aussagen, ob die Wissenschaftler dauerhaft wegbleiben. Die DFG beziffert den Anteil der Rückkehrer aus ihren Stipendien-Programmen auf 85 Prozent. Das zeigt die Ambivalenz der Thematik. „Hochschulen und Unternehmen profitieren von Forschern, die mit internationaler Erfahrung zurück kommen“, sagt Migrationsexperte Brücker. „Wissenschaft und Kunst müssen wandern“, meint auch Michael Hartmer vom Hochschulverband. Problematisch werde es dann, wenn zu wenige Wanderer den Weg zurück finden. Verantwortlich sind dafür aus seiner Sicht vor allem die Arbeitsbedingungen: „Wer an einer renommierten Uni wie Cambridge forschen kann, der kommt nicht zurück.“

Das wissenschaftliche Umfeld ist der entscheidende Ansatzpunkt, um Spitzenforschern die Arbeit in Deutschland schmackhaft zu machen – deutschen wie ausländischen. Auf die Frage, warum Deutschland da weniger attraktiv ist als die USA, stößt man auf die immer gleichen Antworten: Schlechtere Ausstattung, weniger Forschungsfreiheit, die geringeren Möglichkeiten, schon früh Nachwuchsgruppen zu leiten.

Einige deutsche Forschungseinrichtungen böten heute schon exzellente Forschungsbedingungen, sagt BMBF-Sprecher Florian Frank. Bisher handele es sich dabei in erster Linie um außeruniversitäre Einrichtungen, „aber mit der Exzellenzinitiative wollen wir auch universitäre Institute dort hinbringen“. Letztendlich spiegelt sich in der Debatte also auch die Auseinandersetzung zwischen einer breiten universitären Ausbildung und konzentrierter Spitzenforschung.

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