Gesundheit : Auf die Dosis kommt es an

Seit frühester Zeit hat der Mensch Wein angebaut. Und sein Konsum soll sogar gesund sein – wenn man ihn in Maßen genießt Ein Symposium in Berlin hat sich jetzt mit Nutzen und Nachteil des Kulturgetränks beschäftigt

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Bringt Farbe ins Leben. Und für Herzkranke und Diabetiker ist ein bisschen Wein sogar gut. Aber trinkt man zu viel, steigt das Sterblichkeitsrisiko sofort an. Foto: dpa
Bringt Farbe ins Leben. Und für Herzkranke und Diabetiker ist ein bisschen Wein sogar gut. Aber trinkt man zu viel, steigt das...Foto: picture-alliance/ dpa

„In vino veritas“, sagt der Lateiner. Im Wein liegt die Wahrheit. Wohl keiner würde bestreiten, dass so manches Gespräch bei einem Gläschen leichter über die Lippen geht. Aber liegt im Wein auch die Gesundheit? „In vino sanitas?“ war ein nachmittägliches Symposium betitelt, das die Deutsche Weinakademie vergangene Woche am Deutschen Herzzentrum  veranstaltet hat. Man beachte das Fragezeichen. Denn ob Wein, beziehungsweise Alkohol generell, unter bestimmten Bedingungen gesund sein kann, diese Frage ist ein heißes Eisen, das viele Mediziner am liebsten nicht anfassen würden.

Markus Flesch schon. Der Chefarzt für Innere Medizin am Marienkrankenhaus im nordrhein-westfälischen Soest war einer der Referenten auf dem Symposium. „Alkohol kann bei moderatem Genuss eine gesundheitsfördernde Wirkung haben“, sagt er. Das sei seit den späten 70er Jahren bekannt und habe sich in vielen Studien mit insgesamt mehreren hunderttausend Probanden immer wieder bestätigt. Nachgewiesen ist vor allem, dass eine moderate Dosis Alkohol das „gute“ Cholesterin HDL hochreguliert, dass sie das „böse“ Cholesterin LDL nicht ansteigen lässt und die Zusammenballung von Blutplättchen vermindert – alles Faktoren, die das Risiko eines Herzinfarkts senken. „Generell“, so Flesch, „besteht dabei kein großer Unterschied zwischen Wein und anderen alkoholischen Getränken.“ Das einzige, was Wein im pharmazeutischen Sinne auszeichnet: Einige seiner Inhaltstoffe wie Phenole oder Katechine verhindern zusätzlich die Aggregation von Blutplättchen. Außerdem hemmt Alkohol das Wachstum der Gefäßmuskelzellen und damit die Entstehung von Atherosklerose.

Man sieht: Vor allem Menschen, die von einer Herzerkrankung bedroht sind, können von einer maßvollen Dosis Alkohol profitieren. Und Typ-2-Diabetiker. Bei ihnen sind die Rezeptoren, die den Zucker- und Insulinhaushalt regulieren, ermüdet, der Haushalt gerät außer Kontrolle, was im sogenannten Metabolischen Syndrom enden kann. „Moderater Alkoholkonsum greift direkt die Ursachen dieser Störung an“, sagt Nicolai Worm, Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention in Saarbrücken und ebenfalls einer der Referenten des Symposiums. Denn er fördert die Insulinsensitivität und wirkt damit den Stoffwechselstörungen, die eine Folge zu hoher Insulinausschüttung sind, entgegen.

Zusammenfassend drückt sich das in der J-Kurve aus, die so genannt wird, weil sie aussieht wie der Buchstabe: Wer wenig Alkohol trinkt, lebt länger als derjenige, der gar keinen trinkt. Nach dem Überschreiten einer bestimmten Dosis – bei Männern sind das zwei bis 2,5 Gläser mit 0,1 Liter Wein am Tag, bei Frauen ein bis 1,5 Gläser – steigt das Sterblichkeitsrisiko dann schnell an. Diese Beziehung wurde bei Erkrankten festgestellt, aber auch, so Markus Flesch, in Studien mit Menschen, die als gesund gelten, die also (1) schlank sind, (2) sportlich, (3) sich gesund ernähren und (4) nicht rauchen.

Aber natürlich warnt auch Flesch vor den Folgen übermäßigen Konsums: Alkohol enthemmt, er macht fahrlässig und gewalttätig, und er enthält viele Kalorien, kann also dick machen. Alkohol kann dazu führen, dass die Leber verfettet, es zu einer chronischen Entzündung kommt oder sich sogar eine Leberzirrhose entwickelt. „Man muss ganz klar sagen: Wir haben gesellschaftlich sicher ein viel größeres Problem mit dem Missbrauch von Alkohol als damit, dass Alkohol zu wenig als gesundheitsförderndes Mittel eingesetzt werden würde“, so Flesch. „Gäbe es keinen Alkohol, würden wir mehr Leben retten.“ Letztlich läuft es eben, wie immer im Leben, auf das weise Wort des Paracelsus (1493–1541) hinaus: „All Ding’ sind Gift und nichts ohn’ Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Ein Spruch, den vor allem Jugendliche immer weniger beherzigen, denn während der Gesamtkonsum von Alkohol leicht zurückgeht, nimmt das punktuelle, exzessive Trinken, das sogenannte Komasaufen, in dieser Altersgruppe zu.

Manuela Bergmann, Epidemiologin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam, war nicht auf dem Symposium. Aber ihr wäre es am liebsten, wenn Worte wie „gesundheitsfördernd“ im Zusammenhang mit Alkohol überhaupt nicht fallen würden. Und das nicht nur, weil ihr Institut im Rahmen einer europaweiten Studie herausgefunden hat, dass Alkohol mit einem von zehn Krebsfällen bei Männern in Verbindung gebracht wird und bei Frauen vor allem das Brustkrebsrisiko steigert. „Es ist ein Zellgift, das auch in den Hormonstoffwechsel eingreifen kann“, sagt sie.

Dennoch weiß auch Bergmann, dass es illusorisch und auch gar nicht wünschenswert wäre, etwa die Herstellung von Wein zu verbieten. Wir leben in einer, wie die Engländer sagen, „Wet Culture“, Wein gehört zu unserer Kultur seit frühester Zeit, Weinanbau hat ganze Landschaften seit Jahrhunderten geprägt. Das Problem ist die Gefahr, missverstanden zu werden, wenn man sagt, dass Alkohol in bestimmten Fällen auch gut für die Gesundheit sein kann. Deswegen muss der Zusatz „in moderaten Mengen“ immer dabeistehen. Am besten, die Worte „Alkohol in moderaten Mengen“ sind wie siamesische Zwillinge gekoppelt. „Im Zweifelsfall würde ich immer zu weniger raten. Alkohol ist kein Medikament“, so Bergmann. Wie alles, was bereichert, sollte er etwas Besonderes bleiben.

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