Gesundheit : Auf die Lehrer kommt es an

Den meisten OECD-Ländern droht ein Mangel an gut ausgebildeten Pädagogen – besonders an Männern

Anja Kühne

Wenn die Politik nicht handelt, läuft der Beruf des Lehrers Gefahr, langfristig einen Niedergang zu erleben. Diese Warnung sprechen Experten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrer internationalen Studie „Auf die Lehrer kommt es an“ aus, die am Donnerstag in Amsterdam veröffentlicht wurde. In den 25 untersuchten Ländern – darunter auch Deutschland – beobachten die Bildungsforscher eine schwindende Attraktivität des Berufs. So mangelt es in vielen Ländern an ausreichend gut qualifizierten Lehrern.

Bereits im September waren die Ergebnisse der Studie über Deutschland veröffentlicht worden (siehe Tagesspiegel vom 23. September). Deutschland gehört zu neun Ländern, von deren Schulen und Lehrern sich die Experten persönlich bei einem Besuch einen Eindruck verschafft hatten. Nach Visiten in vier Bundesländern, Brandenburg, Baden-Württemberg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen, hatten sie festgestellt, die deutschen Pädagogen seien zwar engagiert – aber trotzdem häufig mit ihrem Beruf unzufrieden. Sie fühlten sich ständig zu Unrecht kritisiert. Die OECD-Forscher empfahlen den Deutschen, die Lehrer regelmäßig zu überprüfen, die Fortbildung zu forcieren und Leistungsanreize zu schaffen.

Deutschland ist im Vergleich dasjenige Land mit den meisten alten Lehrern – die Hälfte der Pädagogen ist älter als 50. Doch eine große Pensionierungswelle rollt auch auf fast alle anderen OECD-Länder zu. Im Schnitt sind 26 Prozent der Grundschullehrer und 31 Prozent der Oberschullehrer über 50 Jahre alt. Die Länder sollten die einzigartige Gelegenheit ergreifen, die Schule zu erneuern. Außerdem biete sich jetzt die Chance, „budgetären Druck“ von der Schule zu nehmen. Denn junge Lehrer verdienten meist weniger.

Allerdings halten es die Experten für einen Nachteil, dass die Lehrergehälter in den meisten Ländern sinken. Nicht überall könnten die Gehälter mit denen in anderen Branchen konkurrieren. Dabei klagen viele Lehrer über zu viel Arbeit und Stress. Das Image der Schule ist angeschlagen, in Medienberichten wird vor allem über die negativen Seiten berichtet, etwa über Disziplinprobleme und gewalttätige Schüler. Zugleich wird den Lehrern aber immer mehr abverlangt. Die Zahl der Schüler, die einen Migrationshintergrund haben, wächst. Und die Länder befinden sich im Umbruch zu Wissensgesellschaften. Die Hälfte der Staaten hat schon jetzt große Schwierigkeiten, Lehrpersonal zu finden.

Auf Lehrermangel reagieren die Länder aber, indem sie die Anforderungen senken, den Lehrern größere Klassen und mehr Unterricht aufbürden oder indem sie sie Fächer unterrichten lassen, in denen sie sich nicht wirklich gut auskennen. Doch die Qualität der Lehrer ist der einzige relativ gut zu beeinflussende Faktor, mit dem sich Schülerleistungen steigern lassen, schreiben die Autoren.

Die geringe Besoldung ist der Studie zufolge auch ein Grund für die zunehmende „Feminisierung“ der Lehrerschaft – und für fehlende Rollenvorbilder für Jungen. In mehr als der Hälfte der Länder sind mehr als 80 Prozent der Lehrer weiblich. Eine weitere Ursache dafür sei in kulturellen Stereotypen zu vermuten: Unterrichten ist Frauensache. Außerdem würden Männer befürchten, in der Grundschule leicht in den Verdacht sexueller Übergriffe zu geraten. Studien aus Finnland und Irland, die die Autoren zitieren, nennen noch eine Ursache: Hier werden nur die besten Absolventen Lehrer – doch das sind häufiger Frauen als Männer.

Auch der kulturelle und sprachliche Hintergrund der Lehrerschaften repräsentiert nicht den der Schüler. In den Niederlanden, die gerade schwere kulturellen Konflikte erleben, gehören 12 Prozent aller Grundschüler zu ethnischen Minderheiten. Doch nur vier Prozent der Lehrer haben diesen Hintergrund. In Norwegen versucht man, Lehrer mit einer anderen Muttersprache als Norwegisch zu gewinnen. Doch Akademiker sind unter den Migranten unterrepräsentiert. Und wenn sie studieren, wollen sie nicht Lehrer werden.

Die Autoren empfehlen, Anreize zu schaffen, um qualifiziertes Personal gerade für soziale Brennpunkte zu gewinnen. Die Lehreraus- und weiterbildung solle verbessert werden. Vor allem aber müsse die Politik die Pädagogen mit einbeziehen: „Nur wenn die Lehrer das Gefühl haben, es ist ,ihre’ Reform, kann sie gelingen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben