Gesundheit : Auf festen Füßen

NAME

Berlin ist nicht gerade reich an historischen Bauten. Der Riesenkomplex der Staatsbibliothek gehört zu jenen Architekturdenkmälern, die der Straße Unter den Linden ihr Gesicht geben. Trotzdem wäre der Erhalt des von Ernst von Ihne im Kaiserreich errichteten Gebäudes gefährdet gewesen, wenn die Politiker 1995 dem Rat des Bundesrechnungshofes gefolgt wären. Der hielt die Sanierung der Staatsbibliothek für zu kostspielig und empfahl stattdessen einen Neubau.

Venedig ist auf Holzpfählen errichtet worden. Welcher Berliner weiß schon, dass im Umkreis der Spreeinsel auch der Riesenbau der Staatsbibliothek mit dem enormen Gewicht von mehr als drei Millionen Büchern auf Pfählen gegründet wurde? Im Verlauf der Jahrzehnte waren sie verrottet. Nur durch eine neue Pfahlgründung konnte der Ihne-Bau vor dem Verfall gerettet werden. Grund genug, die endgültige Sanierung der Fundamente vor kurzem mit einem Symposium zu feiern.

Wie Daniela Lülfing von der Staatsbibliothek in ihrem Resümee betonte, ist nun ein wichtiges Etappenziel erreicht – denn erst jetzt ist die Voraussetzung für die weitere Grundsanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden geschaffen. Nun muss die Sanierung und Restaurierung der übrigen Gebäudeteile, vor allem der Büchermagazine und der Neubau des Lesesaals folgen. Bevor der Glaskubus des neuen Lesesaals erstehen kann (Baubeginn soll 2004 sein), müssen noch die während der DDR-Zeit im Stil von Getreidesilos errichteten Magazintürme abgerissen werden. Kurt Stepper vom Bundesamt für Bauwesen nannte sie „das Hässlichste und qualitativ Schlechteste, was ich gesehen habe.“

Der Bund zahlt

Insgesamt sind für die Sanierung der Stabi rund 350 Millionen Euro veranschlagt worden. Wie bei der Museumsinsel werden vom kommenden Jahr an die Kosten in voller Höhe vom Bund übernommen. Im Jahre 2011, wenn die Staatsbibliothek ihr 350-jähriges Bestehen feiern wird, soll die Sanierung abgeschlossen sein. Dann soll auch der neue Lesesaal als das Herz der Staatsbibliothek Unter den Linden seiner Bestimmung übergeben werden.

Auf mehr als 2700 Kiefernpfählen war die Staatsbibliothek Unter den Linden bei ihrer Errichtung zwischen 1903 und 1914 gegründet worden. Die Fläche, auf der das 170 Meter lange und 107 Meter breite Gebäude steht, liegt im Berliner Urstromtal. Das bedeutet, dass der Untergrund eine sehr unterschiedliche Festigkeit besitzt.

Im jetzigen Zentralbereich der Staatbibliothek war nach dem Ende der Eiszeit ein Eisblock zurückgeblieben, als die Umgebung bereits eisfrei war. Als dieser Block schließlich auch abgetaut war, hinterließ er eine Senke, in der die Natur allerlei „Unrat” wie abgestorbene Pflanzenteile abgelagert hatte, die langsam vermoderten und einen morastigen Untergrund bildeten: Solche Böden sind grundsätzlich nicht tragfähig und die denkbar schlechteste Basis für ein Riesengebäude wie die Staatsbibliothek. Da bedarf es entsprechend tief reichender Pfähle.

Geschädigte Pfähle

Kriegsfolgen, mangelhafte Pflege und vor allem die wiederholte Absenkung des Grundwasserspiegels hatten die Holzpfähle schwer geschädigt. Wie Stepper erläuterte, lagen die Pfahlköpfe über mehrere Jahre frei. Unter dem Einfluss der Luft begann das Holz zu faulen und ein fortschreitender Pilzbefall tat ein Übriges. Der Verrottungsprozess sei auch nicht dadurch gestoppt worden, dass mit dem erneuten Ansteigen des Grundwasserspiegels das Holz wieder völlig mit Wasser bedeckt gewesen sei. Am Ende hat sich – so der Bericht der Experten – der Durchmesser der Pfähle so drastisch verringert, dass die Tragfähigkeit der Pfähle auf nur noch 60 bis 44 Prozent der ursprünglichen Belastbarkeit geschrumpft ist. Allerdings ist die Haltbarkeit von Kiefernpfählen begrenzt. Mehr als 80 bis 100 Jahre tragen sie ohnehin nicht.

In sechsjähriger Bauzeit ist das gesamte Fundament bei laufendem Betrieb erneuert worden. Daniela Lülfing verwies nicht ohne Stolz darauf, dass während der gesamten Zeit der Gründungssanierung die Staatsbibliothek Unter den Linden nicht einen Tag schließen musste. Insgesamt wurden 2300 neue Pfähle eingebracht. Darüber hinaus wurden 2500 Tonnen Zement und 540 Tonnen Stahl verbaut. Kostenaufwand: 42 Millionen Euro. Anne Strodtmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar