Gesundheit : Auf geraden Füßen stehen

Jedes tausendste Kind kommt mit einem Klumpfuß zu Welt. Er lässt sich mit Gips und Schienen behandeln

Adelheid Müller-Lissner

Erst die weltweite Vernetzung der Betroffenen durch das Internet hat den Durchbruch gebracht. Die Menschen, die im Netz nach Rat suchen, sind in diesem Fall Eltern von Babys, die mit einem Klumpfuß auf die Welt kommen. Einer Fehlbildung, die eines von tausend Kindern bei der Geburt zeigt.

Schon seit Ende der 40er Jahre behandelte der aus Spanien stammende, inzwischen über 90-jährige Orthopäde Ignacio Ponseti in den USA sie nach einer eigenen, von ihm entwickelten Methode. Dabei werden bei den Kindern deutlich seltener größere Operationen gemacht. Schon Mitte der 60er Jahre hat Ponseti die ersten Zehn-Jahres-Ergebnisse veröffentlicht.

Doch scheint der Ponseti-Boom die Kinderorthopädie erst jetzt richtig zu erreichen, nachdem in den 80er und 90er Jahren eher größere Operationen propagiert wurden. In Berlin und in Potsdam fanden in den letzten Monaten Workshops und Fortbildungen zum Thema statt.

Richard Placzek, seit kurzem Kinderorthopäde am Centrum Muskulo-Skeletale Chirurgie der Berliner Charité, hat die Methode in Hamburg erlernt. Er plädiert dafür, sie wo immer möglich einzusetzen. „Man vergibt sich damit nichts, denn operieren könnte man immer noch, wenn mit Gips und Schiene nicht genug erreicht wird.“ Ein Problem der größeren, oft aufgrund von Rückfällen auch wiederholten Fußoperationen seien die Narben. „Die Kinder wachsen, und diese oft sehr ausgeprägten inneren Narben wachsen nicht genug mit“, sagt Placzek.

Die Gips-und-Schienen-Behandlung nach Ponseti dagegen verlangt ein geduldiges Vorgehen in Etappen: Möglichst bald nach der Geburt, wenn Gelenkkapseln und Bänder der Säuglinge noch besonders elastisch sind, wird der Fuß leicht gedreht und dann mit einem Gips fixiert. In den nächsten Wochen folgen Schritt für Schritt weitere kleine Manipulationen und weitere sechs bis zehn Gipse, die von den Zehen bis zum Oberschenkel der Babys reichen. Mit den Gipsen werden einzelne Komponenten der komplexen Fehlstellung nach und nach korrigiert (siehe Infokasten). Dass die Ferse der Kleinen nach oben und der Vorfuß nach unten zeigt, kann so meist aber nicht korrigiert werden. Schuld ist eine verkürzte Achillessehne, die in einem chirurgischen Eingriff durchtrennt werden muss. Ist die Gipsbehandlung zu Ende – meist nach neun Wochen –, wird der Erfolg mit Schienen gesichert, an deren Ende Schuhe montiert sind, die für einen leicht übernatürlichen Winkel nach außen sorgen. Später, wenn die Kinder zu krabbeln beginnen, tragen sie die beschuhte Schiene nur noch nachts. Das allerdings nach Ponseti für mehrere Jahre.

Für Eltern und Kinder keine leichte Zeit. „Man darf nicht unterschätzen, was für eine Belastung es bedeutet, die Schienen über lange Zeit nachts zu tragen“, gibt Holger Mellerowicz vom Berliner Helios-Klinikum Emil von Behring zu bedenken.

In der Potsdamer Oberlin-Klinik, in der in den letzten zwei Jahren etwa 30 Kinder nach Ponseti behandelt wurden, wurde das strenge Schienen-Regime etwas gelockert. „Im ersten Vierteljahr nach der Achilles-Sehnen-Operation ist es aber noch gut machbar“, so die Erfahrung von Orthopädie-Chefarzt Robert Krause. Vieles steht und fällt mit der Mitarbeit der Eltern. Angesichts der guten Chancen, ihrem Kind einen größeren Eingriff zu ersparen, sei deren Engagement hoch, sagt Krause.

Für den Orthopäden und Sportmediziner Mellerowicz liegt das große Verdienst Ponsetis darin, dass er sich, zunächst als „einsamer Rufer in der Wüste“, für den Verzicht auf die großen Fußoperationen stark gemacht hat, die in den 80er Jahren nahezu selbstverständlich wurden. Inzwischen beginnt die Behandlung nach Ponseti auch in Ländern Fuß zu fassen, in denen an größere Operationen für alle betroffenen Kinder nicht zu denken ist – und in denen viele Erwachsene mit der Fehlbildung leben. In Uganda gibt es inzwischen ein flächendeckendes Programm zur Behandlung von Klumpfüßen. Und mit Unterstützung des Orthopäden Marc Sinclair vom Kinderkrankenhaus in Hamburg-Altona, der Ponseti in Deutschland einführte, beginnt auch in China ein Programm.

Doch Mellerowicz mahnt auch: „Die Methode ist längst nicht für alle Kinder geeignet.“ Wer eine Operation zur anatomischen Korrektur brauche, stellt sich seiner Ansicht nach meist nach dreieinhalb Monaten Gipsbehandlung heraus.

Wie die Erfolge langfristig sind, hat der Orthopäde Ernesto Ippolito von der Universität Rom in einer Studie verglichen. Seine Arbeitsgruppe untersuchte 62 Erwachsene, die als Säuglinge zunächst mit Gipsen, dann aber entweder mit einer größeren Operation im Alter von elf bis zwölf Monaten oder mit der Verlängerung der Achillessehne im Alter von zwei bis vier Monaten im Rahmen des Ponseti-Konzepts behandelt worden waren. Mit Röntgenaufnahmen und Messungen der Füße stellten die Forscher mehr „exzellente“ und „gute“ Ergebnisse bei den nach Ponseti-behandelten jungen Erwachsenen fest. „Die Methode bringt am Ende einen Fuß, der seine Funktionen besser erfüllt, aber eine leichte Fehlstellung behält“, resümiert auch Krause.

Kleine Unterschiede zu anderen Kindern bleiben bei allen Kindern, auch bei denen, deren Füßchen aufwändiger operiert wurden. Die meisten Kinder können den Fuß später nicht ganz so gut strecken und beugen wie ihre Altersgenossen, manchmal bleibt eine falsche Drehung, die Wade der betroffenen Seite ist dünner. Wie auch immer: „Wenn das Kind anfängt zu stehen und zu laufen, sollte es einen korrigierten Fuß haben“, sagt Sportmediziner Mellerowicz. Später können und dürfen die Kinder auch Sport treiben. „Im Verein Fußball zu spielen oder ein intensives Lauftraining zu absolvieren, davon rate ich allerdings ab.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar