Gesundheit : Auf unsicherem Grund: Idee: FU als Stiftungsuniversität

Uwe Schlicht

Der Staat verringert sein Engagement für die Hochschulen. Gespart wird an den Uni-Etats ist den meisten Ländern, besonders radikal in Berlin. Die deutsche Hauptstadt vernichtet 30 000 Studienplätze bis zum Jahr 2003 und will dabei annähernd eine Milliarde Mark sparen. Kann da die Umwandlung der Freien Universität in eine Stiftungshochschule eine Lösung bieten?

Monika Grütters, die wissenschaftspolitische Sprecherin der Berliner CDU-Fraktion meint Ja. Aber die Konstruktion, die sie vorschlägt, hat wenig gemein mit einem amerikanischen Modell der Stiftungsuniversität. Der Staat soll nämlich Hauptfinanzier bleiben und der FU einen jährlichen Zuschuss in Höhe von 800 Millionen Mark über 20 Jahre garantieren. Dazu auch noch einen Pensionsfonds. Darüberhinaus entstehende Kosten sollen durch Studiengebühren und Gelder von privater Seite hereinkommen.

Das Modell klingt auf den ersten Blick interessant, hat aber trotz aller realen Nüchternheit fast utopische Züge. Als das Berliner Abgeordnetenhaus mit der Unterschrift des Regierenden Bürgermeisters der Charité im Jahr 1993 eine Investition in Höhe von 800 Millionen Mark über zehn Jahre versprach, handelten sich die Politiker damit die Zustimmung der skeptischen Mediziner zur Fusion mit dem Klinikum Rudolf Virchow ein. Bis heute wartet die Charité auf die termingerechte Einlösung dieses Versprechens. Die Politiker in Berlin würden, nachdem sie bisher etwa 385 Millionen aufgebracht haben, die weitere Verpflichtung am liebsten vergessen. Soviel zur Verlässlichkeit von langfristigen Finanzzusagen des Staates in einer wirtschaftlich und finanziell so angeschlagenen Stadt wie Berlin.

In Bayern oder Baden-Württemberg könnte man vielleicht auf eine Finanzgarantie über 20 Jahre vertrauen, in Berlin bestimmt nicht. Hier werden der Finanzsenator und mit ihm die Abgeordneten im Hauptausschuss jederzeit begehrliche Blicke auf einen solchen Staatszuschuss werfen, wenn sie wissen, dass sich in einer Stiftungshochschule auch private Geldgeber engagieren.

Eine Stiftungsuniversität, die natürlich mehr Freiheiten hätte, müsste besonders attraktiv sein, wenn sie einen Teil ihrer Finanzierung auf Studiengebühren aufbaut. Denn auf absehbare Zeit sind Studiengebühren an staatlichen Hochschulen für das grundständige Studium ausgeschlossen. Besonders attraktiv wird eine Hochschule durch herausragende Wissenschaftler, und die sind teuer, wenn sie in den USA, in der Wirtschaft oder auch in reichen deutschen Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg besser bezahlte Lehrstühle erhalten als in Berlin.

Eine Uni ist kein Schnellimbiss

Kann die Wirtschaft auf Dauer die fehlenden Finanzmittel des Staates ausgleichen? Eine Universität lässt sich nicht wie ein Schnellimbiss heute eröffnen und ein Jahr später wieder schließen. Eine Universität wird auf Dauer gegründet und muss auf die Ausbildung mehrerer Studentenjahrgänge abgestellt sein. Ohne einen Zeithorizont, der über Jahrzehnte reicht, sollte man sich nicht auf das Abenteuer einlassen.

Die Wirtschaft gehört zwar zu den Kritikern des deutschen Hochschulsystems, sieht sich aber nicht in der Lage, eine wirklich große Hochschule privat zu finanzieren. Eine große Hochschule, die annähernd dem Anspruch einer "universitas litterarum" entspricht, hätte einen Finanzbedarf von jährlich mindestens 500 Millionen Mark. Nur dann lässt sich ein Fächerspektrum von den Geistes- und Sozialwissenschaften bis zu den Naturwissenschaften und der Medizin angemessen finanzieren. Mit 20 000 Studenten wäre diese Hochschule noch nicht einmal eine Massenuniversität.

Hier beginnen jedoch die Probleme. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der die Spenden der Wirtschaft koordiniert, lässt sich aus gutem Grund nicht auf die komplette Finanzierung einer Privatuniversität ein, sondern engagiert sich für Stiftungsprofessuren, für die Etablierung neuer Studiengänge mit Modellcharakter. Oder er fördert die Erprobung neuer Verwaltungsstrukturen, um die Hochschulen zu modernisieren. Es geht dabei um eine Anstoßfinanzierung über einen begrenzten Zeitraum, bis der Staat ein bewährtes Modell oder eine neue Professur in eine dauerhafte Finanzierung übernimmt.

Experten des Stifterverbandes haben durchgerechnet, wie eine Stiftungsuniversität auf privater Basis mit einem Finanzbedarf von mindestens 500 Millionen Mark im Jahr dauerhaft finanziert werden könnte: Dazu wäre ein Stiftungsvermögen in Höhe von 10 Milliarden Mark erforderlich, um aus den jährlichen Zinsgewinnen wenigstens 500 Millionen Mark erwirtschaften zu können. Sinn einer solchen durch Stiftungsvermögen gesicherten Finanzierung ist es, für einen dauerhaften Zufluss von Geld zu sorgen, ohne dass das Grundkapital gemindert wird. Deswegen geht der Stifterverband auch von einer Kalkulation in Höhe von nur fünf Prozent an jährlichen Zinsgewinnen aus. Sollten die Zinsen günstiger ausfallen, werden zusätzliche Gewinne wieder in das Grundkapital eingespeist. Denn bei einer langfristigen Finanzierung müssen immer Kostensteigerungen eingerechnet werden.

Genau zu einer solch langfristig angelegten Stiftungsinitiative ist die Wirtschaft nicht bereit. Das Risiko einer dauerhaften Festlegung ist zu hoch, und gegenüber den Aktionären wäre eine nicht auf Gewinn orientierte Investition kaum zu vertreten. Wie will man Investitionen in die Bildung im Sinne einer Ertragsrechnung kalkulieren?

Die Wirtschaft engagiert sich in der Vergabe von Drittmitteln zur Forschungsförderung und finanziert Stiftungsprofessuren. Oder sie fördert Spartenhochschulen, die sich zwar häufig Privatuniversitäten nennen, aber in Wirklichkeit ein äußerst schmales Fächerspektrum von ein oder zwei Fächern präsentieren. Meistens handelt es sich dabei um wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge oder Informatik. Sobald eine Privatuniversität ein größeres Fächerspektrum umfasst wie Witten-Herdecke, muss der Staat einspringen, um die Privathochschule überhaupt auf Dauer am Leben zu halten.

Die Wirtschaft schweigt

Wie zurückhaltend die Wirtschaft in dieser Frage ist, zeigte jüngst eine Hochschultagung der Debis (DaimlerChrysler) in Berlin. Dort schwiegen Spitzenvertreter von deutschen Banken und Unternehmen beredt, als der Tagesspiegel die Frage stellte, ob die Wirtschaft bereit sei, eine Modelluniversität mit einem breiten Fächerspektrum in Deutschland und einem Finanzbedarf von jährlich 500 Millionen Mark zu finanzieren.

Angesichts dieser Sachlage kann der Präsident der Freien Universität, Peter Gaehtgens, nur kommentieren: "Dem Grundgedanken einer Stiftungsuniversität kann man sich nicht entziehen. Unter den gegebenen Umständen aber ist er völlig unrealistisch. Wenn die CDU einen solchen Plan verkündet, hätte sie sich vorher mit dem Koalitionspartner abstimmen müssen. Wenn dann die SPD die Idee nicht akzeptiert, läuft es für die FU auf eine schädliche Lösung hinaus. Denn indirekt heißt es, die Freie Universität wäre angesichts der Finanzknappheit in Berlin die erste Universität, auf die die Stadt verzichten kann." Die SPD hat durch ihren hochschulpolitischen Sprecher Peter Schuster bereits erklärt: "Der Vorschlag einer Stiftungsuniversität ist eine Bankrotterklärung der CDU-Hochschulpolitik".

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