Gesundheit : Aufatmen und Euphorie nach dem Wahlausgang für den Leibnizpreisträger Jürgen Mlynek

Uwe Schlicht

Um 10 Uhr 15 war alles vorbei: Zu einem Zeitpunkt, da am 7. Februar die Ratlosigkeit um sich griff, als im ersten Wahlgang keine absolute Mehrheit für einen künftigen Präsidenten der Humboldt-Universität erreicht worden war, stand drei Monate später die Entscheidung fest. Die Humboldt-Universität hat mit dem 49 Jahre alten Physiker Jürgen Mlynek einen neuen Präsidenten, und diesmal war die Mehrheit eindeutig. 40 Stimmen für den Leibnizpreisträger Mlynek von der Universität Konstanz gegenüber 18 Stimmen für den 61-jährigen konservativen Gegenkandidaten aus Bayreuth, Helmut Büttner.

Das Ergebnis lässt den Schluss zu, dass die Präsidentenwähler des Konzils aus dem Desaster vom Februar gelernt haben. Damals sahen sie hilflos zu, wie vom ersten bis zum dritten Wahlgang die Zahl der Stimmen nicht reichte, um den bisherigen Amtsinhaber Hans Meyer erneut zum Präsidenten zu wählen oder mit dem Gegenkandidaten Gerhard Fischer aus Colorado stärker auf einen Visionär zu setzen. Diesmal fanden schon vor der Wahl Konsensgespräche zwischen den Gruppen der Studenten, Assistenten, Dienstkräfte und Professoren statt, aus denen Kenner der Szene ableiteten, dass es Mlynek bereits im ersten Wahlgang schaffen könnte, wenn auch nur mit einer hauchdünnen Mehrheit von 32 Stimmen. Die große Mehrheit von 40 Stimmen löste daher geradezu euphorische Stimmung aus: Die Humboldt-Universität ist wieder da.

Das eindeutige Ergebnis zeugt davon, dass die Humboldt-Universität auf den jüngeren Wissenschaftler setzt, von dem sie erwartet, dass er mit seinem Ausstieg als preisgekrönter Forscher in Konstanz und dem Wechsel an die Massenuniversität in Berlin den Ehrgeiz mitbringen wird, als Universitätspräsident so erfolgreich zu sein wie als Physiker. Von ihm erhoffen die Humboldtianer mehr Biss als von dem konservativen, aber gremienerfahrenen Helmut Büttner. Das ergaben zahlreiche Gespräche am Rande der Wahl. Von Mlynek wünscht sich die Mehrheit der Professoren zugleich einen Aufbruch, der die Universität beflügeln soll.

Denn das war nach dem Wahldesaster vom Februar die große Sorge: Die Humboldt-Universität könnte in eine Bewusstseinskrise geraten, weil sie wie die anderen Berliner Unis in den Strudel der Sparpolitik geraten ist und keine privilegierte Stellung mehr besitzt. Die Stimmung vieler Westdeutscher, die nach der Wende mit großer Erwartung an die Universität in Berlin-Mitte gekommen waren, tendiert inzwischen eher in Richtung Enttäuschung.

Die große Mehrheit für Mlynek zeigt zugleich, dass es in dieser Wahl keinen Unterschied mehr in der Einschätzung der Althumboldtianer und der "Wessis" gab. Althumboldtianer waren sowohl unter den Anhängern von Mlynek zu finden, die klar auf Aufbruch setzen, als auch unter denjenigen, die in Professor Büttner eher den politisch erfahrenen Gremienfuchs sahen, der als ehemaliger Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und langjähriger Präsident der Universität Bayreuth genügend Erfahrung mit Politikern einbringen könnte. Die einzige Gruppe, die deswegen ziemlich geschlossen für Büttner gestimmt haben dürfte, waren die Studenten.

Mlynek sieht das Pfund, mit dem die Humboldt-Universität wuchern kann, in den dort arbeitenden Menschen. Sie seien von dem Mythos des Namens angetrieben: "Es gibt eine produktive Unruhe, die stimulierend wirkt." Aber Mlynek fügte gleichzeitig hinzu, dass noch Einiges dazu getan werden muss, damit die "Humboldt-Universität dem Ruf, der ihr national und international vorauseilt, auch gerecht wird." Dazu gehört eine attraktive Lehre. Die Studiengänge müssten wirklich studierbar werden. Mlynek setzt nicht nur auf neue Studiengänge mit den gestuften Abschlüssen Bachelor und Master, sondern auch auf eine Reform der herkömmlichen, mit dem Diplom oder Magister abschließenden Studienangebote. Sie müssten innerhalb von fünf Jahren auch einen durchschnittlich begabten Studenten zum Abschluss befähigen. In der Forschung geht es um die besten Köpfe. Dass dazu auch die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen müssen, hat Mlynek inzwischen erkannt, weil ihm berichtet worden ist, wieviel schwieriger es unter den Sparauflagen geworden ist, angesehene Wissenschaftler von der Annahme des Rufes an eine andere Uni abzuhalten und zum Bleiben an der Humboldt-Uni zu bewegen. An den Berliner Senat richtet Mlynek die Forderung, angesichts der Sparauflagen im Hochschulbau am beschleunigten Aufbau des Wissenschaftsparks in Adlershof festzuhalten. Vor allem setzt Mlynek auf eine gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses: Die besten jungen Wissenschaftler aus aller Welt will er nach Berlin holen und hier ein Zentrum für junge Forschungs-Fellows einrichten.

Unumwunden räumt er ein, dass es für ihn noch sechs Wochen zuvor "ein fremder Gedanke" gewesen sei, Präsident der Humboldt-Universität zu werden. Aber er hat wie immer bei entscheidenden Fragen eines Wechsel der Universität zuvor seine Frau gefragt, und sie hat dem Umzug der Familie mit zwei Kindern vom idyllischen Bodensee in die Kultur- und Wissenschaftsmetropole Berlin zugestimmt. Am 1. September tritt Mlynek sein Amt an. Zugleich wird er seine Tätigkeit als Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft beenden.

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