Gesundheit : Aufforderung zum Seitensprung

Warum pfeifen Nachtigallen auch nächtens? Bielefelder Forscher meinen, die Antwort zu kennen

Matthias Glaubrecht

Ob es noch die Nachtigall ist, die da singt, oder schon die Lerche, das hat nicht nur Shakespeares Helden Romeo und Julia verwirrt. Bislang war auch Vogelstimmenforschern rätselhaft, warum Nachtigallen des Nachts singen – und nicht wie alle anderen Singvögel nur am Tag.

Bekanntlich dient der Gesang von Vogelmännchen sowohl dazu, potenzielle Paarungspartner anzulocken, als auch Konkurrenten tunlichst fern zu halten. Von den in Mitteleuropa beheimateten Singvögeln sind Nachtigallen – ebenso wie ihre nordöstlich von Elbe und Spree lebende Zwillingsart, der Sprosser – die einzigen, die nicht nur tagsüber ihre Gesänge hören lassen.

Bei Sprosser und Nachtigall ist der Gesang besonders nachts, wenn es stiller ist als am Tag, weit zu hören. Wie sogar Großstädter etwa in den Grünbezirken Berlins wissen, die im Frühsommer davon gelegentlich aufgeweckt werden.

Warum diese mit den Drosseln verwandten Singvögel aber vor allem nächtens singen, haben jetzt Verhaltensforscher von der Universität Bielefeld untersucht. Dazu analysierten sie Gesang und Strophenstruktur von Männchen, bevor diese sich mit einem Weibchen verpaarten. Verglichen mit dem Gesang von Nachtigallen, die bei den Weibchen letztlich keinen Erfolg hatten, zeigte sich, dass beim Paarungsspiel dieser Vögel offenbar vor allem die typischen Pfeifstrophen der Männchen eine wichtige Rolle spielen.

Im Unterschied zu anderen Gesangsteilen wiederholen die nächtlichen Sänger bei diesen Strophen pfiffartige Elemente auffällig häufig. Pfiffe sind – wie wir aus eigener Erfahrung wissen – besonders geeignet, um über größere Entfernungen gehört zu werden.

Vor allem jene Nachtigall-Männchen, die sich später in der Brutsaison erfolgreich verpaarten, hatten zuvor in ihren Nachtgesang besonders viele Pfiffe eingebaut. Dagegen wies der Gesang der später unverpaart gebliebenen Männchen deutlich weniger Pfiffe auf. Damit sehen die Bielefelder Forscher ihre Vermutung bestätigt, dass Nachtigallen insbesondere mithilfe ihres Nachtgesanges versuchen, Weibchen anzulocken. Ihr Vorteil: Nachts ist es still, die Pfiffe reichen weiter – somit erreicht man mehr Weibchen als am Tage. Fragt sich nur, warum nicht auch andere Vögel diese Strategie beherzigt haben – die Evolutionsbiologen stehen vor einem ungelösten Rätsel.

Die Wahl der Nachtigall-Weibchen hat allerdings auch ihre Tücken. Denn die erfolgreichsten Sänger unter den Nachtigallen sind zugleich auch jene, die das Pfeifen selbst nach der Verpaarung mit einem Weibchen nicht lassen können. Kaum haben die Weibchen ihre Eier gelegt und zu brüten begonnen, nehmen ihre Männchen erneut die nächtlichen Pfeifkonzerte auf. Wie die Forscher herausfanden, singen die bereits verpaarten Nachtigall-Männchen sogar noch intensiver als zu Beginn der Brutsaison, wenn sie noch kein Weibchen für sich begeistern konnten (veröffentlicht im Fachblatt „Journal of Ornithology“, Band 144, Seite 232).

Nun wäre es eine Möglichkeit zu vermuten, die verpaarten Nachtigallen tun dies, um Konkurrenten von Revier und Weibchen fern zu halten. Doch wäre es unter evolutionsbiologischen Überlegungen einleuchtend, wenn sie tunlichst dann besonders eifrig singen, solange die Weibchen noch nicht ihre Eier gelegt haben. Bis dahin nämlich besteht für sie noch die Gefahr, dass ihr Weibchen von einem fremden Männchen begattet wird – und das dem Revierinhaber somit gleichsam fremde Eier unterschiebt.

Dass Nachtigallen ihre Gesangsaktivität aber auch nach der Verpaarung und erst mit der Eiablage der Weibchen sogar noch steigern, erklären die Verhaltensforscher deshalb anders. Ihrer Hypothese nach dient dieses erneute Pfeifkonzert dazu, nun zusätzlich auch noch andere Weibchen aus der Umgebung anzulocken. Mit den nächtlichen Pfiffen sollen diese zu „außerehelichen Kopulationen“ verführt werden – manchmal ist die Nachtigall nur allzu menschlich.

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