Gesundheit : Aufstand der Professoren

Berlins Wissenschaftssenator a.d.

TURNERS THESEN

zu Bildung und Politik

Es ist alles schon einmal dagewesen. Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es den großen Aufbruch. Themen waren unter anderem die Überwindung der so genannten Ordinarienuniversität durch Demokratisierung und die Wahl der Hochschulleitung (Präsident) durch Vertreter aller Gruppen. Das ist auch in allen Landeshochschulgesetzen mit gewissen Unterschieden im Sinne der Reform umgesetzt worden.

Derzeit macht sich eine andere Tendenz bemerkbar. Hochschulräte werden eingerichtet, deren Aufgabe es unter anderem ist, bei der Auswahl der Leitung der Hochschule ein entscheidendes Wort mitzusprechen, darüber hinaus auch in Grundsatzfragen sowie bei Einzelentscheidungen. Der Staat soll Kompetenzen abgeben, aber auch die Hochschulgremien verlieren Aufgaben und Einfluss. Am weitesten dürfte Baden-Württemberg gehen, das seinen Universitäten ein lupenreines Vorstandsmodell verpassen möchte.

Wenn man Effizienz und Leistung, schlanke Strukturen und schnelle Entscheidungswege anstrebt, ist gegen solche Absichten nichts einzuwenden. Wenn dennoch zur Vorsicht gemahnt wird, hat das mehrere Gründe. Die deutschen Hochschulen befinden sich seit über 35 Jahren im Wechselbad von Reformen. Wer jünger als 55 ist, also um das Jahr 1970 20jähriger Student war, hat nie eine andere Universität kennen gelernt als die von internen Auseinandersetzungen und vom Zick-Zack-Kurs der Politik gezeichnete. Die Hochschulen selbst stöhnen zwar unter der Schwerfälligkeit und Lähmung durch allerlei Gesetzesgestrüpp und unprofessionelle Handhabung. Ob sie sich aber nicht doch wundern werden, wenn wesentliche Entscheidungen von Dritten, noch dazu – wie für die Hochschulräte vorgesehen – überwiegend Hochschulfremden getroffen werden?

Die Professoren werden merken, dass Manager anders denken als sie es bisher gewohnt sind. Das kann man einerseits nur begrüßen. Allerdings ist darauf zu achten, dass eine Hochschule sich in bestimmten Dingen von einem Unternehmen unterscheidet. Klammert man die Betroffenen aus und werden sie nur noch als Objekt eines Managements behandelt, muss dies zu Spannungen und womöglich Explosionen führen.

Der Aufstand gegen tatsächliche oder vermeintliche Bevormundung, Repression, autoritäre Maßnahmen und „undemokratische“ Entscheidungen würde dann vermutlich nicht – wie 1968 – von den Studenten angezettelt, sondern hätte Professoren an der Spitze. Dann wird es wieder um mehr Mitwirkung von Hochschulangehörigen gehen, um die Überwindung eines Leitungssystems, das als abgekoppelt von der Basis verstanden wird. Deshalb kommt es bei der Konzipierung einer veränderten Leistungsstruktur darauf an, die Exzesse der Mitbestimmung zu beseitigen, aber doch zu beachten, dass radikale Schnitte nach gewisser Zeit erneut zu radikalen Forderungen führen. Statt Zyklen und Wellenbewegungen der Hochschulpolitik wäre eine lineare Entwicklung zukunftssicherer.

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