Gesundheit : Aufstieg und Fall des Dr. Hwang

Tausenden Kranken gab er Hoffnung. Jetzt droht dem koreanischen Klonpionier, als Fälscher entlarvt zu werden

Hartmut Wewetzer

Viele werden jetzt versuchen, hinter die Fassade von Dr. Hwang Woo Suk zu blicken. Hwang, der südkoreanische Tierarzt, Klonforscher und Nationalheld, steht unter schwerem Verdacht. Er soll die Ergebnisse seiner bahnbrechenden Studien gefälscht haben. Dieser Verdacht wiegt umso schwerer, als Hwang stets als der Inbegriff von Bescheidenheit und Demut erschien. Hwang könnte sein Gesicht verlieren.

Fast noch lieber als Wissenschaftler wäre er buddhistischer Mönch geworden, bekennt Hwang. Korrekt gekleidet, in dunklem Anzug und Krawatte, scharf rasiert, die Haare sorgfältig gescheitelt, freundliche Miene, glatt, ein bisschen reserviert vielleicht, so tritt er vor die Weltpresse. Hwang ist – oder war? – die Symbolfigur des wissenschaftlichen Aufbruchs in Asien. Er verkörpert einen neuen Typ Wissenschaftler. Asketisch, dynamisch, in völliger Hingabe an die Arbeit. Sieben Tage die Woche, 18 Stunden am Tag, wie er bei aller Bescheidenheit nie zu erwähnen vergisst.

Ganz anders Hwangs „Vorläufer“, der zauselige, vollbärtige, in geräumiger Kleidung daherkommende Schotte Ian Wilmut, der das Schaf „Dolly“ klonte und sich am liebsten im Stall und in matschigen Gummistiefeln mit seinen Tieren fotografieren lässt. Hwang dagegen: Die Bilder zeigen ihn in aseptischen Labors, eingehüllt in keimarme Hauben und Kittel.

Kein Wissenschaftler hat jemals einen so kometenhaften Aufstieg und kurz darauf einen so tiefen Fall erlebt wie Hwang, geboren 1953 während des Koreakriegs, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen. Hwang hütet Kühe, und er beschließt, Tierarzt zu werden. Später spezialisiert er sich auf Tierzüchtung. 1999, vier Jahre nach dem Schaf „Dolly“, klont er eine Kuh, 2002 ein Schwein. Aber das sind nur Vorstudien.

Im Februar 2004 wird Hwang schlagartig bekannt. Es gelingt ihm als Erstem, aus einem geklonten menschlichen Embryo Stammzellen herzustellen. 242 Eizellen werden dazu verbraucht, berichtet er im Fachblatt „Science“. Der Wissenschaftler vermeidet den Begriff „Embryo“, weil das im Labor erzeugte Gebilde nicht das Ergebnis einer Verschmelzung von Eizelle und Spermium ist, sondern das einer Zellkern-Übertragung in eine entkernte Eizelle. Es sei das „Produkt eines Zellkern-Transfers“.

15 Monate später dann der ganz große Schritt. In der Online-Ausgabe von „Science“ berichtet Hwang am 19. Mai 2005 über die Erzeugung von elf verschiedenen Stammzelllinien. Diesmal benötigt er nur durchschnittlich 17 Eizellen für einen Zellkern-Transfer.

Das gelobte Land der Zelltherapie taucht am Horizont auf. Denn die Spender der Zellkerne, aus denen die Stammzellen erzeugt wurden, sind Kranke – Gelähmte, Diabetiker, Menschen mit Immunschwäche. Embryonale Stammzellen lassen sich in viele verschiedene Zellen verwandeln. Es wäre denkbar, in einigen Jahren Ersatzgewebe zu züchten, mit dem man Schwerkranken deutliche Linderung oder sogar Heilung bringen kann.

Hwang, der Heilsbringer. Hwang, die Hoffnung. Aus aller Welt erreichen den Forscher Bittbriefe von Kranken. „Das Bild eines Querschnittsgelähmten steht auf meinem Schreibtisch“, sagt er. Auch für die wachsende Gemeinde der westlichen Stammzellforscher ist Hwang zum Idol geworden. Sie pilgern zu seinem Labor im sechsten Stock des Gebäudes 85 an der National-Universität in Seoul. Und beschwören die Politiker in ihren Ländern, die gesetzlichen Schranken für die Stammzellforschung fallen zu lassen.

Als am 4. August eine Studie Hwangs erscheint, nach der er einen Hund geklont hat, überrascht das schon keinen mehr. Das war zwar zuvor anderen Wissenschaftlern missglückt – aber dem Koreaner traut man fraglos auch das zu.

Am 19. Oktober verkündet er die Gründung einer „Welt-Stammzell-Stiftung“ mit Sitz in Seoul und mit zwei Satelliten in Kalifornien und England. Die Stiftung soll Wissenschaftler aus aller Welt mit den begehrten Zellen versorgen und die Basis für zukünftige Zelltherapien legen. Das Fachblatt „Scientific American“ kürt Hwang zum Wissenschaftler des Jahres.

Aber schon gut einen Monat später, am 24. November 2005, muss Hwang die Leitung der Stammzell-Stiftung abgeben. Anderthalb Jahre lang war er Gerüchten entgegengetreten, nach denen Mitarbeiterinnen Eizellen gespendet oder Frauen für die Eizell-Entnahme bezahlt worden waren. Beides gilt als ethisch höchst fragwürdig. Von Journalisten in die Enge getrieben, gibt er beides zu: Zwei seiner Wissenschaftlerinnen hatten mit seinem Wissen Eizellen gespendet, mindestens 20 Frauen waren für die Entnahme von Eizellen bezahlt worden. Hwang hat gelogen.

Angeschlagen legt er seine Ämter nieder, bis auf die Position als Laborleiter. Sein engster wissenschaftlicher Mitstreiter aus dem Westen, Gerald Schatten von der Universität von Pittsburgh, wendet sich angewidert ab. Aber die koreanische Regierung versichert, Hwangs Arbeit weiter fördern zu wollen. Hunderte von Koreanerinnen bieten sich als freiwillige Eispenderinnen an. Hwang schwimmt auf einer Welle nationaler Sympathie.

Doch die Anschuldigungen reißen nicht mehr ab. Jetzt geht es um die wissenschaftliche Substanz. Hwangs sensationelle Klonstudie vom Mai 2005 enthält Fehler und Ungereimtheiten. Vielleicht sind die Ergebnisse manipuliert.

Junge koreanische Wissenschaftler sind es, die Hwang misstrauen und ihm auf die Spur kommen. Sie finden heraus, dass ein Foto in Hwangs „Science“-Studie – es zeigt angeblich geklonte Stammzellen eines Patienten – in einer anderen Veröffentlichung im Fachblatt „Biology of Reproduction“ ebenfalls auftaucht. Dort werden die Zellen als „gewöhnliche“ (nicht geklonte) Stammzellen bezeichnet. Fehler oder Fälschung?

Hauptautor der Studie in „Biology of Reproduction“ ist Roh Sung Il vom MizMedi-Krankenhaus in Seoul. Er hat Hwang in der Vergangenheit mit Eizellen für Experimente versorgt. Am Donnerstag vergangener Woche sagt er der Presse unter Tränen, dass Hwang ihm gestanden habe, „neun der elf Stammzelllinien“ aus der „Science“-Studie hätten „niemals existiert“.

Maßgeschneiderte Stammzellen für Patienten eine Fiktion, Hwang ein Fälscher? Der Wissenschaftler weist die Vorwürfe zurück. Er gibt zu, dass die meisten Stammzelllinien „verunreinigt“ wurden. Fünf aber seien eingefroren und könnten für eine Überprüfung aufgetaut werden.

Diesmal steht für den Ehrgeizigen alles auf dem Spiel. Längst hat sich der Verdacht auf andere Studien Hwangs ausgedehnt. Ian Wilmut, der Klonpionier, bietet sich an, die Ergebnisse zu überprüfen. Ihm selbst habe man zu Anfang auch nicht geglaubt, sagt er.

„Wenn wir in Schwierigkeiten sind, dann sagen wir: Lasst uns das Herz des Himmels bewegen und sehen, ob es passiert – und manchmal gelingt es tatsächlich“, verriet ein Mitarbeiter Hwangs einmal dem Fachblatt „Nature Medicine“.

Dieses Mal könnten die Schwierigkeiten zu groß sein, um das Herz des Himmels noch einmal umzustimmen.

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