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Großer Wurf: Das neue deutsch-französische Schulbuch lehrt Geschichte knapp und spannend

Uwe Schlicht

Was können deutsche Oberschüler von der französischen Geschichtsbetrachtung lernen? Sie können etwas lernen über den Weg zum vereinten Europa, geboren aus dem Trümmerfeld des Zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des französischen Kolonialreiches.

Und französische Oberschüler lernen aus der deutschen Sicht, welche Lasten das kriegszerstörte und in vier Zonen aufgeteilte Deutschland durch Vertreibung, Demontage und Entnazifizierung zu tragen hatte. Die Geschichte der DDR, eingebettet in die Entwicklung und die Krisen des Ostblocks, erlaubt den jungen Franzosen einen neuen Blick auf die Wiedervereinigung und die europäische Versöhnung.

Das erste gemeinsame deutsch-französische Geschichtsbuch für die Oberstufe, das soeben erschienen ist, ist ein Augenöffner. Wenn deutsche Schüler auf eine europäische Karte blicken, auf der die großen Kulturleistungen Frankreichs an zwei Beispielen vermerkt sind – die Ausbreitung der gotischen Kathedralen und die Anlage von Schlössern nach dem Vorbild von Versailles – , dann sehen sie, wie eng Deutschland und Frankreich bereits in den vergangenen Jahrhunderten aufeinander bezogen waren.

Das deutsch-französische Schulbuch folgt nicht dem bekannten Muster ausführlicher chronologischer Darstellung. Es ist ein stark politisch orientiertes Handbuch, um Europa und die Welt besser zu verstehen. So erfährt man in fantastisch aufbereiteten Karten, Statistiken und Grafiken etwas über die Verbreitung von Aids, Fernsehen und Internet, die Bevölkerungsentwicklung und den Zusammenhang von Migration und Wirtschaft. Die Abhängigkeit der Länder vom Öl, die Entwicklung des Nahost-Konflikts und der Wahnsinn des Raketen-Wettrüstens werden so verständlich aufbereitet, dass Geschichte auf den ersten Blick transparent wird.

Die Begleittexte sind stark komprimiert und fern jeder Oberflächlichkeit. Allein die grafischen Darstellungen des deutschen und des französischen Regierungssystems, der Organisation der Vereinten Nationen, der Nato oder der Europäischen Union tragen zu einem Durchblick bei, der nach Lektüre der kurzen Begleittexte zu dem Ergebnis führt: Jetzt verstehe ich die Zeitgeschichte besser.

Es ist schon ein ermutigendes Zeichen, wie das erste gemeinsame Lehrbuch für den Geschichtsunterricht in Deutschland und Frankreich entstanden ist. Im Januar 2003 gab das Deutsch-Französische Jugendparlament auf einer Tagung in Berlin den Anstoß. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac und der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder griffen die Idee auf. Anschließend fanden sich jeweils zehn deutsche und französische Historiker zusammen, um sich über die Inhalte zu verständigen.

Dabei waren allein 16 unterschiedliche Lehrpläne in den deutschen Bundesländern und der einheitliche Lehrplan für die französischen Gymnasien zu beachten. Anschließend mussten zwei Verlage gefunden werden, die das finanzielle Risiko auf sich nahmen, dieses Lehrbuch in Deutschland und Frankreich auf den Markt zu bringen. In Frankreich war es der Verlag Nathan und in Deutschland der Klett-Verlag.

Nach dem gelungenen Start mit dem ersten deutsch-französischen Geschichtsbuch für die Zeit von 1945 bis heute sollen zwei weitere Bände folgen. Der erste Band reicht von der Antike und den gemeinsamen europäischen Wurzeln in Griechenland und Rom über das Mittelalter bis zur Zeit Napoleons. Der zweite Band umfasst die Periode vom Wiener Kongress bis zum Zweiten Weltkrieg. Da sind harte Brocken zu bewältigen. Denn außer der großen Identifikationsfigur Karl der Große gab es auch Herrscher, deren Wirken in Deutschland und Frankreich diametral entgegengesetzt beurteilt wird: Für die Deutschen ist Ludwig XIV. mit dem Verlust des Elsasses und den Verwüstungen in der Pfalz (Heidelberger Schloss) verbunden. Und Napoleon wird nicht nur als der Verfasser des Code Civil gesehen, sondern auch als der Eroberer von Zentraleuropa.

Bismarck betrachten die Franzosen als den Kanzler, der die Einigung Deutschlands auf Kosten Frankreichs betrieben hat mit dem Verlust Elsass-Lothringens. Auf die großen Versöhner zwischen Deutschland und Frankreich während der Zeit der Weimarer Republik Gustav Stresemann und Aristide Briand folgte Adolf Hitler. Da werden die Historiker aus Deutschland und Frankreich noch häufiger als in dem jetzt erschienenen Band in Kommentaren ihre jeweiligen Sichtweisen verdeutlichen.

Auf jeden Fall ist das deutsch-französische Werk ein großer Wurf. Staatsminister Günter Gloser würdigte das Buch bei der Berliner Präsentation als eine „Kulturrevolution“ und ein Zeichen dafür, wie stark sich die beiden Länder vertrauen. Gloser hat das Schulbuch auch im Kabinett Merkel vorgestellt. Gérald Chaix, Geschichtsprofessor an der Universität Tours und Rektor der Akademie von Straßburg, zitierte die französische Zeitung „Le Figaro“, die das Geschichtsbuch als Markstein der Versöhnung gewürdigt hatte.

Geschichte Europas und der Welt nach 1945. Verlag Nathan, Klett-Verlag, 335 Seiten, mit CD-ROM, 29 Euro

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