Gesundheit : Augen zu und durch? Es geht auch anders

DOROTHEE NOLTE

Hochschulpolitisch engagierte Studenten erzählenVON DOROTHEE NOLTEErstens durchschaut man das ganze System nicht, und ändern läßt sich eh nichts.Zweitens hat man keine Lust, seine Abende womöglich mit irgendwelchen Frühvergreisten zu verbringen, die genauso gestelzte Parolen ausspucken wie die Politiker.Drittens braucht man seine Freizeit für Squash und die Kneipe.Viertens will man so schnell wie möglich Examen machen und sich keine überflüssigen Aufgaben aufhalsen.Oh ja: Es gibt gute und legitime Gründe, sich nicht hochschulpolitisch zu engagieren.Aber es gibt auch welche, die dafür sprechen. Kester von Kuczkowski, TU-Student der Stadt- und Regionalplanung, stellt bei vielen seiner Kommilitonen eine "Augen-zu-und-durch-Mentalität" fest."Die wollen nur möglichst schnell hier raus und merken gar nicht, welche Möglichkeiten zur Gestaltung man als Student hat", sagt er, der als studentischer Vertreter im Fachbereichsrat sitzt und ein Jahr lang im Studentenparlament (Stupa) war."Mein Interesse wurde beim Streik im Sommersemester 1996 geweckt", erzählt er."Da habe ich Leute kennengelernt, und danach hat es mich nicht mehr losgelassen." Daß die Hochschulpolitik mit ihren vielen Gremien, komplizierten Zusammenhängen und langwierigen Entscheidungsprozessen auf viele Kommilitonen abschreckend wirkt, kann Kester von Kuczkowsky verstehen.Auch er fand die Sitzungen des Stupas, das den Allgemeinen Studentenausschuß (AStA) wählt und kontrolliert, "vorsichtig ausgedrückt, eher zäh".Am Fachbereich selbst, etwa durch die Arbeit in einer studentischen Fachbereichsinitiative, lasse sich mehr bewegen.Kuczkowsky ist erst im fünften Semester und damit jünger als die meisten, die sich engagieren. "Es dauert lange, bis man sich in die Strukturen reingefuchst hat", erklärt Roland Schröder, 28 Jahre, der bereits sieben Semester im Fachbereichsrat der Stadt- und Regionalplaner verbracht hat.So kommt es, daß manche Studenten sich seit Jahren engagieren, der Nachwuchs aber ausbleibt, weil die Jüngeren sich von der Kompetenz der Älteren eingeschüchtert fühlen.Auch die Proteste im Sommersemester 1996, als viele Studenten gegen die sogenannte Verwaltungsgebühr von 100 Mark pro Semester und gegen Streichungen auf die Straße gingen, sind schnell verebbt."Man muß Gesetze kennen, Gremien, Kontakte aufbauen", erläutert Schröder das trockene Brot der Politik-Routine."Am Ende haben die Studenten aber oft mehr Ahnung als die Professoren." Für Roland Schröder ist es selbstverständlich, sich zu engagieren."Ich habe das Bedürfnis, mich einzumischen und das Feld nicht anderen zu überlassen", sagt er.Für FU-Student und AStA-Mitglied Axel Gebauer ist "auch ein Stück Pflichtbewußtsein dabei", und bei vielen politisch engagierten Studenten fällt irgendwann sogar das beinahe pathetische Wort von der "Liebe" zur Universität."Da ist eine starke Identifizierung, auf jeden Fall", sagt Rainer Wahls, studentisches Mitglied des Akademischen Senats der HU.Machttrieb sei jedenfalls nicht im Spiel, versichert Torsten Albrecht, studentischer Vertreter in der "Kommission für Lehre und Studium" der FU, und lacht: "Man erlebt hier eher seine Ohnmacht." Auf schnelle und sichtbare Erfolge darf man sich nicht einstellen."Man gewöhnt sich an kleine Schritte", sagt FU-Medizinstudentin Ulrike Gonzales.Sie hat "praktisch alle Gremien durch": Im AStA war sie schon, zwei Jahre lang war sie studentische Vertreterin im Akademischen Senat, und jetzt sitzt sie im Kuratorium.Rainer Wahls erzählt aus seiner Erfahrung im Akademischen Senat der Humboldt-Universität, daß man "als Student durchaus mitgestalten" könne: "Wenn wir uns mit anderen Senatsmitgliedern verbünden, bekommen wir auch mal Mehrheiten für unsere Anträge hin.Das ist dann sehr befriedigend." Es kostet Zeit, sich einzuarbeiten, die politische Entwicklung zu verfolgen, Zeitung zu lesen, sich mit Abgeordneten zu treffen, die Gremiensitzungen gemeinsam vorzubereiten.Da ergibt es sich fast zwangsläufig, daß auch das Privatleben von der Hochschulpolitik bestimmt wird und sich der Freundeskreis aus engagierten Studenten rekrutiert."Aber wenn hier jemand im AStA vorbeikommt und nur einmal in der Woche etwas machen kann, ist das auch möglich", sagt Ulrike Gonzales."Jeder bestimmt ja selber, wieviel er macht." In jedem Fall sei die Zeit nicht verloren, betont sie."Man lernt unheimlich viel: Im AStA habe ich zum Beispiel gelernt, wie man mit einem Finanzhaushalt umgeht, wie man eine Zeitschrift macht und internationale Kontakte aufbaut.Man erwirbt hier genau die Schlüsselqualifikationen, die die Arbeitgeber immer fordern." Die anderen befragten Studenten sehen das genauso: "Wie man komplexe Zusammenhänge durchschaut, Verhandlungen führt und in mehreren Varianten denkt, das lernt man als Fachidiot nicht", sagt Rainer Wahls (HU).Torsten Albrecht (FU) findet es schön "zu merken, daß man mit seiner Arbeit etwas bewirkt".Und Roland Schröder (TU) sagt sogar, er habe durch die Hochschulpolitk "wichtigere Dinge gelernt als im Studium selbst: Man gewinnt Einblick in Strukturen und Psychologie, und man erkennt, wie unwissenschaftlich Entscheidungen oft getroffen werden." Allerdings gibt er auch gleich einen Tip, wann man aufhören sollte: "Wenn man merkt, daß man sein Expertenwissen den anderen Studenten nicht mehr vermitteln kann." Auf der Campus-Seite am Montag folgt ein Überblick über die aktuellen Reizthemen der Hochschulpolitik und die Möglichkeiten, sich zu engagieren.

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