Gesundheit : Augenzeugin: Im Schock

Sibylle Salewski

11. September morgens 9 Uhr 30 : Über Autoradios und Handys, oft auch nur durch entsetzte Gesichter und ungläubig aufgeschnappte Gesprächsfetzen drang die Horrormeldung durch: Das World Trade Center ist explodiert, das Pentagon teilweise zerstört, die Regierung evakuiert. Eine Frau im Fahrstuhl eines Bürohauses stand wie versteinert da und presste sich die Hand auf den Mund. "Das ist die Rache dafür, dass wir uns immer in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen", bringt sie leise hervor. Aber im Fahrstuhl hat in diesem Moment keiner die Kraft dazu, auf diese Bemerkung zu reagieren. Wie eine unerbittliche Welle breitete sich der Schock aus.

11.September nachmittags : Es schlossen immer mehr Geschäfte, Restaurants und Kinos: "Vorübergehend geschlossen" oder "Wegen unvorhergesehener Umstände geschlossen" stand auf den handgeschriebenen Schildern. Die Verfasser hatten sich nicht getraut, die Tragödie direkt anzusprechen.

11. September abends : In der einbrechenden Dunkelheit bewegte sich ein kleiner, aber stetiger Strom von Menschen auf der Houston Street in Richtung Osten, ins East Village und nach Brooklyn. Die Williamsburg Bridge war für den Verkehr gesperrt. Wer dort lebt, lief am Abend zu Fuß auf der leeren Fahrbahn zum anderen Ufer des East Rivers. Plötzlich fing eine Frau unvermittelt an, mit dem Unbekannten neben ihr zu sprechen. "Ich lebe dort unten, mein Appartment ist direkt neben dem World Trade Center." Sie ist vielleicht 50 Jahre alt, ihre langen, verschwitzten Haare kleben ihr am Kopf, ihr Gesicht ist gerötet. Sie ging schleppend, fast ziellos. "Sie haben keine Ahnung, wie das war." Immer wieder wiederholt sie diesen Satz: "Der eine Turm hat sich einfach in Staub aufgelöst." Sie sah aus, als ob ihr alles andere auf der Welt egal geworden sei. Sie musste einfach nur reden, auch wenn ihr Gesprächspartner ein Unbekanter war: "Ich habe es gesehen. Ich habe gesehen, wie die Menschen aus den Fenstern gesprungen sind. Man schaut zu und kann nichts tun." Sie blickte noch einmal kurz auf, aber dann bog sie um die Ecke, zu kraftlos, um noch auf Wiedersehen zu sagen.

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