Gesundheit : Aus dem Tagebuch einer Schnecke

Die Qualitätssicherung in der Medizin kommt nicht voran

Rosemarie Stein

Murks im Medizinbetrieb? Das, was Forscher in den Labors herausfinden, dringt nicht vor bis zum Patienten. Studien, die unserer Gesundheit helfen könnten, werden nicht umgesetzt. Sogar offizielle Ärztevertreter räumen ein, dass es ein „Potenzial zur Versorgungsoptimierung“ gibt. Aber wie könnte der Weg dorthin aussehen?

Dazu hat das „Deutsche Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin“ (das heißt wissenschaftlich fundierte Medizin) nun Stellung genommen: Eine neutrale, wissenschaftlich fundierte zentrale Einrichtung ist notwendig, um den Nutzen der zahllosen Studienergebnisse für die Praxis der Patientenversorgung zu erfassen und zu bewerten. Und um Leitlinien für die Behandlung und Methoden zur Beurteilung ihrer Qualität zu entwickeln.

Auch das Bundesgesundheitsministerium will ein solches Zentrum. Dagegen sind Ärztevertreter, die kürzlich zu einem Workshop geladen hatten. Veranstalter war unter anderem die bisherige „Zentralstelle für Qualitätssicherung“, die sich gerade in „Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin“ umbenannt hatte – eine Einrichtung der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Tenor der meisten Beiträge auf dem Workshop: Ein neues Qualitäts-Zentrum sei überflüssig, die Ärzteschaft kümmere sich seit langem selbst um Qualität.

Nur: Warum gibt es so wenige Ergebnisse? Warum wissen Ärzte und Kliniken oft selbst nicht, wie gut sie im Vergleich mit anderen sind? Warum kann ein Patient noch immer nicht erfahren, bei welchem Arzt, in welchem Krankenhaus er am besten aufgehoben ist?

Kontrollier’ dich selbst!

Aus dem Tagebuch einer Schnecke namens „Qualitätssicherung im Gesundheitswesen“: Von 1976 datiert das erste Projekt der Chirurgen zur Ermittlung der Qualität von Operationsergebnissen. 1978 lud der „Arbeitskreis Medizinpublizisten“ Ärzte und Juristen zu einer Diskussion über medizinische Qualitätssicherung. 1979 titelte eine Ärztezeitung: „Arzt, kontrollier’ dich selbst, sonst kommen andere!“ Und 1988 kündigten die „anderen“ ihr Kommen an: Die Qualitätssicherung wurde im Sozialgesetzbuch verankert.

Weil das nicht viel nutzte, wurde sie im Gesundheitsreformgesetz 2000 ausdrücklich zur Pflicht aller am Gesundheitswesen Beteiligten erklärt. Inzwischen gibt es dazu zwar diverse Modellversuche und mehr als 1000 Leitlinien, vor allem jedoch Tagungen, Publikationen über methodische Fragen und Institutionen zuhauf. Und „wo stehen wir heute?“, fragte nun der wissenschaftliche Pionier der medizinischen Qualitätssicherung, Hans-Konrad Selbmann.

Es beginnt im Kopf

Seine Bilanz: Theoretisch wurde die systematische Qualitätssicherung zwar mit deutscher Gründlichkeit in vielen Bereichen weit entwickelt; es fehlt aber an einer breiten Realisierung – und die Qualität der auf Qualität zielenden Maßnahmen ist selbst nicht gesichert.

Beispiel Leitlinien: Das sind Handlungshilfen für ein medizinisches Vorgehen, das dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht, aber trotzdem flexibel genug ist, um dem einzelnen Patienten gerecht zu werden. Bisher wurden in Deutschland etwa 1250 Leitlinien erarbeitet. Laut Selbmann genügen aber nur 18 davon strengen wissenschaftlichen Ansprüchen (darunter die beiden allgemeinmedizinischen).

Weiter: Von 343 bekannten Projekten der Qualitätssicherung sehen nur 14 Prozent vor, den Effekt zu prüfen! Will man denn nicht wissen, was herauskommt? Das von Selbmann geleitete Tübinger Universitäts-Institut für Medizinische Informationsverarbeitung hatte 1994 für das Bundesgesundheitsministerium eine Bestandsaufnahme erarbeitet.

Sie fiel erschütternd aus. Selbmann widersprach der Vermutung nicht, dass man seither kaum weiterkam: Die Beteiligten sollten sich fragen, „ob sie für dieses Geschäft geeignet sind“. Aber auch ein neues Qualitätszentrum könne nur dann erfolgreicher sein, wenn es wirklich professionell betrieben werde. Selbmann stellt sich eher eine Institution zur Vernetzung aller vor, die an der systematischen Qualitätssicherung arbeiten, oft aber nichts voneinander wissen. Die wichtigste Voraussetzung sei Motivation. Auf dem Workshop fiel der Satz: „Qualität beginnt im Kopf!“

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