Gesundheit : Aus der Not geboren

Ist die Nahrung knapp, bringen kräftig gebaute Frauen mehr Jungs zur Welt – Anthropologen rätseln über die Gründe

Adelheid Müller-Lissner

Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Insgesamt, so viel ist klar, ist die Geschlechterverteilung bei der Geburt fast fifty-fifty. Um die Frage, woran es in Einzelfall liegt, ob das Kind Träger der Chromosomenkombination XX oder XY wird, ranken sich mehr Mythen als echte wissenschaftliche Erkenntnisse.

Noch eins scheint nun gesichert: In Notzeiten bringen die kräftigsten Frauen mehr Jungen, ihre dünneren Geschlechtsgenossinnen mehr Mädchen zur Welt, wie zwei britische Anthropologinnen jetzt herausgefunden haben. Mhairi Gibson und Ruth Mace vom University College in London haben ihre Statistik im südlichen Äthiopien aufgestellt. Sie untersuchten den Ernährungszustand bei 324 Müttern in einer Gegend, in der seit Jahren Nahrungsmittel fehlen.

Als Kriterium diente einerseits der „Body Mass Index“ (Körpergewicht in Kilo dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in Zentimetern). Das zweite Maß nahmen sie am Oberarm der Frauen, wo die Muskel- und Fettmasse präziser bestimmt werden können. Das Ergebnis ihrer Studie, die jetzt in den „Proceedings of the Royal Society“ veröffentlicht wurde: Mit der Arm-Muskel-Masse der Frauen stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei der kurz zurückliegenden Entbindung einen Sohn geboren hatten.

In der Gruppe der kräftigsten Frauen lag das Geschlechterverhältnis bei acht Jungs zu fünf Mädchen, in der Gruppe mit der niedrigsten Arm-Muskel-Masse bei drei zu fünf. Damit war es für die kräftigsten Frauen mehr als doppelt so wahrscheinlich, Mütter von Söhnen zu werden, wie für ihre dünnsten Geschlechtsgenossinnen. „Wenn die Zeiten hart sind, bringen die kräftigsten Frauen mehr Söhne zur Welt“, resümieren die Anthropologinnen.

Nur warum? Auch die Experten sind auf Spekulationen angewiesen. Männliche Föten sind empfindlicher als weibliche – bei Mangelernährung könnten sie vermehrt schon in einem frühen Stadium der Schwangerschaft sterben. Unklar bleibt aber, warum in Ländern, in denen es keinerlei Nahrungsknappheit gibt, das Geschlechterverhältnis stabil bei 50 zu 50 liegt.

Die Frau könnte auf das Geschlecht des Nachwuchses eventuell auch „aktiv“ Einfluss nehmen, etwa, indem männliche Embryos schon an der Hürde der Einnistung in die Gebärmutter scheitern. Biologen kennen Beispiele dafür aus dem Tierreich. In einer Krisensituation mit Nahrungsmittelknappheit droht männlichem Nachwuchs schneller Krankheit, die Säuglingssterblichkeit ist dann vor allem bei den Jungen groß. „In einer solchen Lage kann es den Fortpflanzungserfolg erhöhen, wenn die Frau möglichst früh das Investment einstellt und die so gesparte Energie in ein neues Kind investiert, das dann vielleicht entweder eine Tochter ist oder einfach nur zu einer besseren Zeit geboren werden wird“, sagt der Evolutionsbiologe Jan Beise vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock.

Die Frauen mit den schlechtesten körperlichen Voraussetzungen tun wahrscheinlich auch deshalb besser daran, auf Töchter zu setzen, weil ihre Söhne, vor allem in polygynen Gesellschaften, später in der Fortpflanzungs-Konkurrenz unterliegen könnten: Wenn einige wenige, machtvolle Männer mehrere Frauen monopolisieren, dann kommen manche Männer nicht zum Zug.

Dazu kommt, dass es Frauen im Schnitt mehr Kraft abfordert, einen Jungen auf die Welt zu bringen. Zumindest im statistischen Durchschnitt wachsen männliche Föten schon im Mutterleib schneller und sind bei der Geburt schwerer. Während der Schwangerschaft gibt es häufiger Komplikationen: Die männlichen Babys kommen in Industrieländern häufiger per Kaiserschnitt zur Welt, der Abstand zum nächsten Kind ist größer. Bei guter medizinischer Infrastruktur und guter Ernährungslage spielt es praktisch keine Rolle, welches Geschlecht das Baby hat. In präindustriellen Gesellschaften jedoch hatte es womöglich sogar langfristig Folgen. Finnische Forscher von der Universität Turku konnten nachweisen, dass es bei den Samen in Nordskandinavien im 17. und 18. Jahrhundert das Leben von Frauen verkürzte, wenn sie mehrere Söhne zur Welt gebracht hatten; die Studie ist kürzlich im US-Fachblatt „Science“ erschienen. 34 Wochen waren es für jeden Sohn. Einer Tochter das Leben zu schenken, verlängerte dagegen das Leben der Mutter, wenn auch nicht signifikant. Der Unterschied kann nicht damit erklärt werden, dass mehr Frauen unmittelbar nach der Geburt eines Sohns im Kindbett gestorben wären, denn es wurden nur die Daten der Frauen analysiert, die älter als 50 Jahre wurden. Auf die Langlebigkeit der Väter hatte es übrigens keinen Einfluss, wie viele Söhne und Töchter sie großzogen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es für Mütter mit höheren Langzeit-Überlebens-Kosten verbunden ist, Söhne zu gebären“, so die Forscher. Einen Grund sehen sie in der größeren Hilfe, die – zumindest in traditionellen Gesellschaften – erwachsene Töchter für ihre Mutter bedeuten. Eine zweite Erklärung, die universeller gültig wäre, liegt in hormonellen Veränderungen während der Schwangerschaft. Die Forscher spekulieren, dass erhöhte Testosteronwerte das Immunsystem beeinflussen und in spätere Abwehrschwäche münden könnten.

Noch ist aber nicht ausgemacht, dass die Daten universelle Gültigkeit haben. Jan Beise jedenfalls hat sie bei der Auswertung von Kirchenbüchern aus der ostfriesischen Küstenmarsch und der kanadischen Provinz Québec nicht bestätigt gefunden. Er vermutet deshalb, dass die etwas größere physische Belastung, die die Jungengeburt für die Frau bedeutet, im Verhältnis zu den sonstigen Lebensumständen nicht ins Gewicht fällt. Dass Daten aus nordskandinavischen Kirchenbüchern und äthiopischen Krisengebieten auf Geschlechterproportionen und Lebenserwartung hier und heute übertragen werden könnten, ist nicht zu erwarten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben