Gesundheit : Aus einer Plage wird schickes Designer-Papier

Dierk Jensen

Seegras ist mancherorts eine echte Plage. Wenn die ersten Herbststürme einsetzen, stranden Tausende Tonnen der grasähnlichen Seepflanze an den Küsten von Nord- und Ostsee. Nicht gerade zur Freude der Urlauber, die lieber im Sand statt im faulenden Meereskraut herumtollen.

Deshalb werden die Küsten an vielen Badeorten mit großem Aufwand vom Strandgut gereinigt. Und das bekamen in den vergangenen Jahren auch die knappen Kassen der Ostseegemeinden Groß Walmstorf, Klütz und Elmenhorst an der mecklenburgischen Küste zwischen Wismar und Lübeck zu spüren.

"Wir haben ein echtes Problem", sagt Bernd Anders vom zuständigen Amt Klützer Winkel. "Die Kosten für die Reinigung unseres 3,3 Kilometer langen Strandabschnitts betragen jedes Jahr zwischen 120 000 und 200 000 Mark." Jährlich bewegen die Gemeindearbeiter 600 Kubikmeter Seegras vom Strand weg. Dabei entfällt die Hälfte der Kosten auf die Deponierung des an sich harmlosen Naturprodukts.

Doch die teure Entsorgung soll bald der Vergangenheit angehören. Das Amt Klützer Winkel ist nämlich seit 1997 am Projekt "Entsorgung durch Verwertung von Seegras und Algen" beteiligt, an dem neun Partner aus Deutschland, Frankreich und Dänemark mit finanzieller Unterstützung der EU-Kommission zusammenarbeiten.

Gras für die Wärme-Isolierung

Aus dem gratis angeschwemmten Rohstoff Seegras ("Zostera marina") will man verschiedene marktfähige Produkte herstellen. Zum einen ist das getrocknete Gras ein Dämmstoff für die Wärme-Isolation - nützlich also für Wohn- und Industriebau. Mit Hilfe von zwei Ausnahmegenehmigungen ist das einzublasende Schüttmaterial bereits an zwei Gebäuden der Region, dem Innovationszentrum in Damshagen und dem Gemeindehaus in Tollow, verwendet worden.

Dann gibt es bereits eine Erosionsschutz-Matte für die Wiederbelebung von Flächen im Bergbau, Wohnungsbau und in der Forstwirtschaft. Außerdem ist die Produktion einer Wärmedämm-Matte geplant. Höhepunkt der Produktpalette jedoch ist besonders schönes "Designer-Papier", das man aus den vorher aussortierten Algen gewinnen will.

Klingt alles sehr gut, weshalb das Amt Klützer Winkel als Projektkoordinator keine Kosten scheute, um die Seegras-Produktpalette vorsorglich deutschlandweit patentieren zu lassen.

Einige verfahrenstechnische Probleme müssen noch gelöst werden. Es gibt zwar schon ein Einsammelgerät ("BeachTech", entwickelt und hergestellt von der Kässbohrer Geländefahrzeug AG), das bereits seit zwei Jahren am Mecklenburger Ostseestrand seine Runden dreht. Die Aufbereitung des Grases aber erfolgte bislang per Hand - das soll nun automatisiert werden.

Trocknung direkt am Strand

"Wir entwickeln ein Verfahren nach dem Prinzip eines Küchenwolfs, bei dem das nasse Ausgangsmaterial zerkleinert und entfeuchtet wird", sagt Klaus Keller vom Institut für Technische Trocknung, dem Projektpartner aus Gatersleben. "Dann wird das vorbehandelte Seegras getrocknet." Der Verfahrenstechniker ist zuversichtlich, die mobile, direkt am Strand einsetzbare Trocknungsapparatur bis 2003 liefern zu können.

Auch das Zulassungsverfahren für die beiden Dämmstoffprodukte, das derzeit vom Deutschen Institut für Baustofftechnik in Berlin vorgenommen wird, soll bald beendet sein. "Wir rechnen damit, dass wir die Zulassung nächstes Jahr in der Tasche haben", sagt Katrin Taraske von der Schweriner Metall- und Anlagenbau GmbH. Taraske setzt dabei auf die guten Eigenschaften des nachwachsenden Rohstoffs aus dem Meer: Es besitzt eine gute Dämmwirkung, ist in die Brandklasse B2 (normalentflammbare Baustoffe) eingestuft, widerstandsfähig und problemlos zu entsorgen.

Wie sich allerdings nach den vorläufigen Ergebnissen der Materialprüfung abzeichnet, müssen die Seegrasverwerter aufgrund bestimmter DIN-Normen ein chemisches Mittel einsetzen, das die geringe Schimmelbildung zu unterbinden hilft - ein Handicap, das in Nachbarländern ohne strenge DIN-Norm sicherlich nicht auftreten würde (zu Urgroßvaters Zeiten landete das Seegras im Übrigen unbehandelt in Matratzen). Wie dem auch sei: Amtmann Anders wird schon in absehbarer Zeit wieder mehr Geld in der Klützer Kasse sehen. Zudem gibt es neue Arbeitsplätze.

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