• Aus Liebe zu meinen Tomaten - Gentechnisch veränderte Pflanzen haben das Herz des Menschen erobert. Bericht aus dem Jahr 2090

Gesundheit : Aus Liebe zu meinen Tomaten - Gentechnisch veränderte Pflanzen haben das Herz des Menschen erobert. Bericht aus dem Jahr 2090

Henry Gee

Ich besprühe meine Tomaten mit rotem Bordeaux. Eine großartige Sache. Meine Frau sagt zwar, ich würde den Tomaten keinen Gefallen tun, wenn ich sie mit Bergerac dusche, wo wir uns doch kaum schottischen Cabernet leisten können. Aber die Tomaten lieben es. Sobald ich sie besprühe, füllen sich ihre ausgedörrten Blätter mit sattem Grün, ihre heranreifenden Früchte erröten glutvoll. Meine Tomaten lieben mich, und ich erwidere ihre Liebe.

Heute ist ein besonderer Tag. Wir schreiben das Jahr 2090, und ich feiere mit meinen Tomaten eine weitere totale Sonnenfinsternis. Während ich im Garten bin, denke ich darüber nach, wie weit wir in nur einer Lebensspanne gekommen sind. Es gab einmal eine Zeit, da waren Tomaten eintönige Pflanzen, die viel Pflege benötigten: ständige Bewässerung, Spritzen gegen Blattläuse und Fäulnis. Die heutigen genetisch modifizierten Tomaten sind so anders als die Gewächse meiner Jugend und so weit entfernt wie Einkorn und Emmer, die man in der antiken Levante mit Obsidiansicheln erntete.

Ich habe massenhaft Tomaten, alle neuen Sorten: saftige blaue, so groß wie Melonen, fluoreszierende orangefarbene von der Größe eines Stecknadelkopfes, aber so scharf wie rote Peperoni, lange gurkenähnliche, pyramidenförmige, Tomaten mit essbaren Wurzeln oder Tomatenbäume, deren Früchte ich wie Äpfel ernte. Sie alle sorgen weitgehend für sich selbst. Sie züchten ihre eigenen unterirdischen Geflechte mit den Pflanzen der Umgebung, kümmern sich um die Gewächse in der Nachbarschaft, beseitigen Unkraut mit Hilfe der ihnen innewohnenden Antibiotika und saugen das wenige Wasser, das sie benötigen, aus der Luft. Ich aber besprühe meine Tomaten nur deshalb mit Bordeaux, weil sie es wirklich genießen, und ich füge mich ihnen gern.

Das Wort "Tomate" erscheint uns heute freilich fast überflüssig, weil sich auch alle anderen Pflanzen in meinem Garten auf ähnliche Weise verwandelt haben. Wenn jede Pflanze zu all dem gemacht werden kann, was einem vorschwebt, und wenn sie auch noch so schmeckt wie jedes andere Gewächs, dann reißt das alle Grenzen nieder. Wenn Sie Kopfsalat haben, der wie Zwiebeln aussieht und wie Zitronenkuchen schmeckt, wen kümmert dann schon die Ausbreitung der Gene auf andere Arten?

Sie glauben vermutlich, dass mir die Ungewissheit darüber, was in meinem Garten passiert, Kopfzerbrechen bereitet, da ich mich doch als so etwas wie einen Tomaten-Genießer ansehe. Was ist, wenn ich fälschlicherweise eine Aubergine heranwachsen lasse, eine Aubergine, die so aussieht wie eine Tomate? Tatsache ist, dass ich mir keine Sorgen machen muss: die Tomaten selbst achten darauf. Und es erregt mich zu sehen, wie sie vor nachtschattenartigem Vergnügen geradezu schreien, wenn sie mich bei der Gartenpflege erwischen.

Es scheint kaum möglich, dass die Menschen noch vor weniger als einem Jahrhundert vehement gegen genetische Veränderung protestierten, wo doch die nachfolgende Geschichte zeigte, dass es sich um eine so wundervolle Erfindung handelte. Die Leute, die Versuchsfelder zerstörten, erinnern rückblickend an Weber, die automatische Webstühle zerstörten. Nun ja, ich habe selbst einige genetische Veränderungen angestellt, vielleicht bin ich daher befangen.

Seit 2007 arbeitete ich für die Firma, dem Jahr, in dem sich alles änderte. Noch 2007 waren genetische Modifikationen so unbeliebt in der Öffentlichkeit, dass die biotechnischen Unternehmen ihre Forschung fast im Geheimen betrieben. Es gab gewaltige Fortschritte - unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Pflanzen, die alles taten, außer zu antworten; Pflanzen, die ihre eigene genügsame Ökosphäre schufen. Einige wurden am Südpol des Mars ausgesetzt. Keine Ankündigungen, keine Presseerklärungen. Wie ich gehört habe, gedeiht der Mars-Mais an einigen Stellen immer noch.

Dann hatten einige von uns eine Idee. Wir übertrugen dem Mais Gene für menschliche Pheromone und dachten, dass das in puncto Markentreue Wunder wirken würde. Jetzt beeinflussen diese menschlichen Sexuallockstoffe unser Verhalten, ohne dass es uns wirklich bewusst wäre.

Spät in der Nacht pflanzten wir damals genetisch modifizierten Mais in Kalifornien an. Wenige Wochen später traten Aktivisten die Tür des Rathauses von Sacramento ein, weil sie nach genetisch veränderten Pflanzen verlangten. Die gleichen ermutigenden Ergebnisse hatten wir mit Zucchinis in Chihuahua und Tomaten in Thailand.

Aber das ist lange her. Wenn ich hier bei meinen Tomaten bin, zählt nur die Gegenwart. Ich bin umgeben von der stürmischen Kakophonie meiner Geschöpfe, Pflanzen, die ich liebe und die meine Zuneigung erwidern, den grünen Äther mit triumphierenden Freudenschreien erfüllend.Der Autor ist Redakteur des internationalen Wissenschaftsmagazins "Nature", deren Autoren regelmäßig im Tagesspiegel schreiben. Aus dem Englischen von Hartmut Wewetzer.

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