Gesundheit : „Aus uns soll immer mehr herausgepresst werden“

Zwischen Empörung und Resignation: Wie es sich an den Berliner Universitäten nach jahrelangen drastischen Spareinschnitten arbeitet

Anja Kühne

500 Millionen Euro haben die Hochschulen Berlins in den letzten zehn Jahren aus ihrem Etat verloren. Die Hälfte der Professuren und Tausende von weiteren Stellen wurden eingespart. Seit Jahren erleben die Wissenschaftler, was das im Alltag bedeutet. Nun hat vor kurzem der Finanzsenator der Stadt neue drastische Kürzungen angekündigt. Ein Stimmungsbild von den drei großen Berliner Universitäten.

Von seinem Zimmer in Adlershof blickt Bernd Fichte direkt auf einen großen schwarzen Gebäuderiegel. Die neue Zentralbibliothek, in die im nächsten Semester mehrere naturwissenschaftliche Bibliotheken der Humboldt-Universität ziehen werden, erhebt sich optimistisch zwischen Baggern und Sand. Eine schöne neue Welt, in der die Nutzer schon bald durch elektronische Datenbanken rasen werden. Das freut Fichte, den Bibliothekar der Chemie-Bibliothek.

Gleichwohl macht ihn der Umzug nicht euphorisch. Wenn es im nächsten Jahr ans Kistenpacken geht, wird der Herr der Bücher schnell damit fertig sein. Nur noch 52 laufende Zeitschriften wird er in das neue Gebäude mitnehmen können, von 111, die er noch vor fünf Jahren hatte.

Eine gut bestückte Chemie-Bibliothek jedoch muss 270 laufende Zeitschriften führen, wenn sie die Voraussetzungen für exzellente Forschungen erfüllen will, wie deutsche Bibliothekare schon vor über zehn Jahren für eine Modell-Universitätsbibliothek ermittelt haben. Denn die Zeitschriftenliteratur ist das Herz jeder naturwissenschaftlichen Forschung. Nur hier findet ein Spezialist den Anschluss an die aktuellen Ergebnisse aus der ganzen Welt. Wer nicht schnell auf die Fachliteratur zugreifen kann, wird leicht im internationalen Wettbewerb abgehängt. Er läuft Gefahr, in die Zweitklassigkeit abzusinken, Datenautobahnen hin oder her.

Jedesmal, wenn Fichte wieder einige Zeitschriften abbestellen musste, ging ein Aufschrei durch das Institut, weil Forschergruppen die Vernichtung ihrer Arbeitsgrundlagen befürchteten.

„Immer denkt man, es geht nicht mehr. Aber dann muss man doch wieder eine neue Schmerzgrenze festlegen“, sagt der Bibliothekar. Sein Budget ist ständig gesunken, während die Preise für die Zeitschriften dramatisch in die Höhe schnellten, bei manchen wichtigen Publikationen gar bis zu 350 Prozent. Die Humboldt-Universität würde dem Bibliothekar gerne helfen, doch dazu hat sie viel zu wenig Geld.

So ist die Chemie-Bibliothek einer großen Hauptstadt-Uni ganz ans Ende der deutschen Bibliotheken-Statistik gerutscht: Nur Siegen und Chemnitz haben noch weniger laufende Chemie-Zeitschriften, während Tübingen die Tabelle anführt, gefolgt von Dortmund und Göttingen.

Bernd Fichte hat sich schon überlegt, wie er die weitläufigen Regale in dem neuen Gebäude füllen will: „Man muss eben fünf Hefte auf 13 Fächer verteilen. Es ist ja sowieso ungesund, sich ständig zu bücken.“

Volker Fadinger, Professor am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichte der FU, bleibt oft bis abends um halb elf in der Uni, um alle Fragen der Studierenden zu beantworten. Er ist überzeugt davon, dass die große Zahl der Studienabbrecher und der Langzeitstudenten auch dadurch gesenkt werden könnte, dass kompetent beraten und betreut wird. Doch ein Mentorenprogramm, in dem ältere Studenten die jüngeren beraten, kann sich das Institut nicht leisten. Von den Tutoren, die hier einst in der Lehre halfen, ist keiner mehr übrig, obwohl sich in vielen obligatorischen Seminaren 100 bis 200 Studierende drängeln.

Fadinger ist engagiert bei der Sache. Auf die immer neuen Spareinschnitte der Politiker reagiert er empört. „Das Wasser steht uns bis zum Hals, aber immer mehr soll aus uns rausgepresst werden.“ Die Professoren sollten „die Suppe auslöffeln, die ihnen die Politiker durch die ständige Unterfinanzierung eingebrockt haben“, ärgert sich Fadinger. „Wenn nicht 179 Studenten auf einen Professor kämen, sondern wie in England 18 auf einen, würde hier auch schneller studiert.“

Die Einführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge werde bei der jetzigen Ausstattung zum endgültigen Kollaps des Betriebs führen. Um die Schäden wenigstens etwas zu begrenzen, wurde am Institut ein Förderkreis gegründet. Auch Fadinger zahlt dort 65 Euro im Jahr ein: „So finanzieren wir mit unseren Beiträgen, dass unbedingt notwendige Bücher angeschafft werden können“, sagt er kopfschüttelnd. Und er fragt: „Wie lange wird es so noch weitergehen?“ Aber bestimmt hätten die meisten der Studierenden und Kollegen sowieso schon resigniert. Fadinger selbst belohnt sich mit zufriedenen Studierenden in der Studienberatung: „Wenn ich sehe, wie die ratlos und frustriert zu mir kommen und beruhigt und zuversichtlich wieder gehen, hat sich das Engagement bereits ausgezahlt.“

Das Institut für Verfahrenstechnik der TU liegt mitten im Wedding, in einer ehemaligen Fabrik. Wo früher Arbeiter am Band schufteten, forscht heute Matthias Kraume. Wie es sich an einer finanziell geschröpften Uni arbeitet? „Mir macht meine Arbeit Spaß, und mein Arbeitsplatz ist relativ sicher. Damit bin ich in einer privilegierten Position“, sagt Kraume. Es sind andere, um die er sich Gedanken macht. Von seinen einst vier wissenschaftlichen Mitarbeitern sind noch zwei übrig geblieben, von den sieben technischen Angestellten noch drei. Diese „regiert die Angst um ihren Arbeitsplatz“, wie Kraume sagt. Schlimm für die Mitarbeiter, schwierig für Forschung und Lehre.

„Wir tun alles, damit die Studenten nichts merken“, sagt Kraume. Doch das klappt nur noch zum Teil. Vielleicht muss Kraume das internationale Austauschprogramm aufgeben, in das er viel Arbeit gesteckt hat. Denn wer soll am Institut neben den immer steigenden Aufgaben noch die Zeit haben, sich um die Gäste zu kümmern, die sich wohl kaum allein an einer deutschen Massenuni zurecht finden? Doch wer keine Gaststudenten aufnimmt, kann auch nicht hoffen, die eigenen im Ausland unterzubringen.

Gerne würde Kraume seinen Studenten Videos oder PC-Präsentationen vorführen: „Da erreichen Sie in den Ingenieurwissenschaften mehr als mit tausend Worten.“ Doch die Monitore, die es früher in den Hörsälen gab, wurden längst wegen Altersschwäche abmontiert. Wollte Kraume jedes Jahr zehn seiner 30 betagten PCs erneuern, müsste er dafür mehr Geld ausgeben, als im Budget des Fachs für sämtliche Reparaturen und Investitionen vorgesehen ist. Ganz zu schweigen von den Großgeräten, die er bräuchte, „um in der Forschung mitreden zu können“.

Der Ingenieur spricht nüchtern über die schweren Verteilungskämpfe um das immer knapper werdende Geld an der Fakultät. Inzwischen herrsche zum Teil eine „vergiftete Atmosphäre“, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit behindere. Aber Kraume beschwert sich nicht. Er weiß, dass „Depressionen nichts bringen“. Wer jetzt nicht noch mehr Geld verlieren will, muss sich optimistisch zeigen und für sich werben. „Wir versuchen, weiter exzellente wissenschaftliche Arbeit zu leisten“, sagt Kraume.

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