Gesundheit : Ausbildung: Neue "Partnerschaft Schule und Betrieb" in Berlin

Sybille Volkholz

"Von Ihrer Schule können wir seit Jahren keine Schulabhänger als Auszubildende einstellen. Sie erfüllen im sprachlichen und im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich nicht unsere Anforderungen." So schallt es aus dem Munde von Managern den Lehrern entgegen. "Wenn Sie wüssten, unter welchen Bedingungen wir zu arbeiten haben, 50 Prozent Anteil von Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft, ständig weniger Geld und steigende Belastung ...". Das entgegnen die Lehrer. "Ihre Anforderungen sind zu hoch, sie sollten Schulabgängern mit durchschnittlichem Abschluss eine Chance geben", fordern die Pädagogen. Aus der Begegnung Schule-Wirtschaft wurde schon nach einer Viertelstunde ein Streitgespräch unter Ausbildern und Lehrkräften. Dieser Streit wird jetzt in einem gemeinsamen Seminar von Ausbildern und Lehrkräften fortgesetzt, und zwar im Rahmen eines Kooperationsvertrages zwischen der Schering AG und der Ernst-Schering-Oberschule. Beide Seiten wollen sich über ihre gegenseitigen Anforderungen an Standards und Leistungserwartungen klar werden.

Die Industrie- und Handelskammer hat seit April des Jahres 2000 eine Initiative gestartet, um Schulen und Betriebe in Berlin in einen besseren Kontakt miteinander zu bringen. Sie möchte dazu beitragen, dass sich das Wissen und die Informationen beider Seiten verbessern, und nach Möglichkeiten suchen, die Kooperation zwischen Schulen und Betrieben zu intensivieren. Wie können beide Seiten realistisch voneinander lernen?

Jahrzehntelang war eine Haltung typisch, bei der beide Seiten eher auseinander drifteten. "Die Schule darf nicht wirtschaftlichen Verwertungsinteressen unterworfen werden" - dieser Satz hat lange Zeit als pädagogisches Leitmotiv gegolten und gilt für viele immer noch. Die verständliche Befürchtung vieler Pädagogen und Bildungspolitiker, dass eine Orientierung an einseitigen Interessen der Wirtschaft eine umfassende Bildung von Kindern und Jugendlichen behindern könnte, hat erheblich zu dieser Distanz beigetragen. Diese Berührungsängste gehen letztlich zu Lasten der Jugendlichen.

Ziel aller Bildung ist es, dass Menschen ihr Leben gestalten und die Gesellschaft verantwortlich mitprägen können. Die Gesellschaft ist ohne den elementaren Bereich der Wirtschaft undenkbar. Diese Erkenntnis umzusetzen und die Distanz abzubauen, ist eine dringende Aufgabe.

Betriebe und Schulen wissen zu wenig voneinander. Betriebe sind oft enttäuscht, wenn ihren Erwartungen an Auszubildende nicht der Realität entsprechen. Schulen wissen oft zu wenig von den Anforderungen, die mit den Veränderungen in Wirtschaft und Arbeitswelt verbunden sind. Betriebe sind zu wenig darüber informiert, was sich auch in der Lebenswelt von Jugendlichen verändert und was die Schule leisten kann.

Das Projekt einer Partnerschaft Schule - Betrieb ist grundsätzlich freiwillig. Es wendet sich an Schulen, die für ihre Jugendlichen die Chancen vergrößern wollen, einen Ausbildungsplatz zu finden und einen realitätsnäheren Unterricht zu gestalten. Und es wendet sich an Betriebe, die an einem möglichst frühen Kontakt mit Schulen interessiert sind. Es gibt kein einheitliches Konzept für alle Schulen und Betriebe, sondern in Pilotprojekten wird erst herausgefunden, wie man kooperieren könnte.

Bei den Konzeptionen stellen sich im wesentlichen drei verschiedene Varianten heraus

Die erste Konzeption will für Schülerinnen und Schüler eine bessere Berufsvorbereitung dadurch erreichen, dass die Schule kontinuierlicher die Betriebe als Lernort nutzt. Betriebspraktika werden neu konzipiert und sollen kontinuierlich in der Sekundarstufe I angeboten werden. Diese Schulen suchen dafür feste Ansprechpartner in den Betrieben.

Bei der zweiten Konzeption geht es darum, vor allem im regionalen Umfeld Kooperationsbeziehungen zu Betrieben aufzubauen. Durch einen gegenseitigen Austausch soll der Unterricht realitätsbezogener gestaltet werden. Betriebsangehörige werden in den Unterricht einbezogen. Schulen lernen ihren Bezirk als Wirtschaftsstandort kennen und nutzen. So entstehen lokale Netzwerke zwischen Betrieben und Schulen.

Die dritte Konzeption sucht vor allem in bestimmten Fachbereichen Unterstützung für Schülerinnen und Schüler. Da geht es um den Umgang mit neuen Medien, den Informations- und Kommunikationstechnologien. Veränderungen in der Arbeitswelt erleben dabei Schüler und Lehrer konkret. Eine realistischere Orientierung wird erreicht. Alle Konzepte gehen davon aus, dass eine Zusammenarbeit nur fruchtbar sein wird, wenn beide Seiten einen Gewinn davon haben. Jede Seite muss etwas einbringen, was für die jeweils andere interessant ist. So müssen die Schulen Vorschläge machen, was sie den Betrieben anbieten können. Es ist erstaunlich, was Schulen hier einfällt: Fortbildung mit Ausbildern über neue Lehr- und Lernmethoden, produktorientierter Gruppenunterricht, Nachhilfe für Auszubildende in allgemeinbildenden Fächern, Sprachunterricht für Firmenangehörige, Nutzung der Schulräume durch die Firma, Ansprechpartner für Drogenberatung, Gewaltprävention.

Die IHK hat in ihre halbjährliche Konjunkturumfrage an Berliner Betriebe die Frage aufgenommen: "Sind Sie an einer Kooperation mit Schulen interessiert?" Bisher haben darauf 80 Unternehmen positiv reagiert. Mitarbeiter der IHK sind von Anfang an in den Schulen dabei, lernen deren Vorstellungen und Arbeitsweise kennen und suchen nach geeigneten Betrieben.

Die ersten Kooperationsvereinbarungen zwischen Betrieben und Schulen sind unterzeichnet, weitere sind in Arbeit. Deutlich wird bereits bei gemeinsamen Sitzungen von Ausbildern und Lehrkräften, wie überfällig es ist, dass beide Seiten gegenseitige Vorwürfe überwinden und zu einer produktiven Verständigung über Leistungsanforderungen und Standards kommen. Die bildungspolitische Diskussion seit den Ergebnissen der international vergleichenden TIMS-Studie in Mathematik und Naturwissenschaften hat deutlich gemacht, wie notwendig die Verständigung über Standards in der Schule und über die Aussagekraft von Abschlüssen ist. Zu vielen Schülerinnen und Schülern mangelt es an der Befähigung, wirklich naturwissenschaftliches Verständnis und problemlösende Fähigkeiten zu erwerben. Hier kann eine Kooperation zwischen Betrieben und Schulen ansetzen. Die Vereinbarung zwischen der Ernst-ScheringOberschule und der Schering AG sieht genau dies vor. Es ist zu hoffen, dass gute Beispiele für immer mehr Schulen und Betriebe attraktiv wirken. Letztlich sollte es in Berlin eine Selbstverständlichkeit werden, dass aus Schulen und Betrieben Partner werden.

Die Autorin war Schulsenatorin in der rot-grünen Regierung unter Walter Momper und koordiniert heute die Kooperation zwischen der Industrie- und Handelskammer und den Schulen.

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