Gesundheit : Ausbildung zum Bachelor: Eröffnet der BA wirklich Berufsaussichten? - Unsicherheit vor der Reform

Hermann Horstkotte

Die Chemie-Professoren der Technischen Universität Berlin wollen ihren herkömmlichen Diplomstudiengang aufgeben und durch eine gestufte Ausbildung zunächst zum Bachelor und anschließend dem Master ersetzen. Das erklärte Dieter Schumann, der frühere Präsident der TU-Berlin, überraschend auf einer Tagung über neue Hochschulabschlüsse in Bonn. Der Bachelor (BA), so Schumann, ermögliche ein Weiterstudium in einem größeren Berufsspektrum als das alte "Vordiplom", das ziemlich geradlinig den Weg in die Forschung vorzeichnete. Mit dem BA kann der Student nach dem sechsten Semester beispielsweise in Richtung "Vertrieb" abbiegen und etwa den in der Wirtschaft viel gefragten Master of Business Administration (MBA) draufsatteln.

Was aus den Hoffnungen und Versprechungen wird, bleibt abzuwarten. Mit dem Reformvorschlag, über den Wissenschaftssenator Christoph Stölzl zu entscheiden hat, machen die Professoren sich erst einmal selbst zu Gewinnern. Sie haben nie verwunden, dass das universitäre Diplomstudium in der Chemie gesetzlich auf neun Semester festgelegt ist, in der Physik und den Ingenieurwissenschaften aber auf zehn.

Mit dem neuen zehnsemestrigen Master-Studiengang können die Hochschullehrer der Chemie endlich mit den Kollegen in anderen Naturwissenschaften gleichziehen. Das Semester mehr wirkt sich nicht zuletzt günstig auf die Auslastung der Lehrkapazitäten (und damit die Sicherheit der Hochschullehrerstellen) aus, die bislang höchstens bei siebzig Prozent liegt.

Die Neuerung hat allerdings einen Haken, wie Schumann offen einräumt. Er spricht vom Bachelor polemisch als "formal berufsqualifizierendem" Abschluss, weil das Gesetz auf der Berufsfertigkeit besteht. "Ein erkennbarer Markt für diesen Abschluss existiert in Deutschland aber bislang nicht." Wie könnte sich der BA im Berufsalltag etwa vom Chemielaboranten unterscheiden?

Diesen praktischen Beruf ergreifen heute nicht selten Abiturienten. Nach der Lehre können sie im Labor manchem fortgeschrittenen Studenten etwas vormachen. Ähnliche Abgrenzungsprobleme stellen sich auch in den anderen Naturwissenschaften. Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Krista Sager (Grüne) sprach in Bonn generell äußerst besorgt über die Arbeitsmarktchancen der frühestens 2001 aufs Personalkarussell drängenden Bachelor.

Mit dem "qualifizierenden", aber noch nicht berufstauglichen Chemie-BA riskieren die TU-Professoren den Konflikt mit ihrem Senator. Da der Abschluss laut Gesetz Berufsaussichten eröffnen muss und nicht nur die "Zulassungsvoraussetzung", also ein Sieb für das Weiterstudium sein soll, dürfte die Wissenschaftsverwaltung den neuen Chemie-Studiengang konsequenterweise gar nicht genehmigen. Wenn sie die Genehmigung versagt und es mithin beim alten Diplom bleibt, dann, so Schumann, gesteht die Politik die berufsplanerische Illusion ein, ohne die sie den Bachelor in Deutschland nicht einführen wollte. Ihm sollte nämlich auf keinen Fall das Image des "Abbrecherdiploms" anhaften.

Kein Hochschulvertreter hat sich auf dem Bonner Kongress der Rektorenkonferenz (HRK) und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes über "Bachelor und Master in Mathematik und Naturwissenschaften" mit dem "Berufsgebot" der Bildungspolitiker so kritisch auseinandergesetzt, wie Dieter Schumann. HRK-Präsident Klaus Landfried spricht gern von einer "weltweit umtauschfähigen Hochschulwährung". Die europäischen Partnerländer haben sich darauf 1999 in Bologna feierlich festgelegt. Die internationale Vergleichbarkeit kann sich aber nur auf das akademische Niveau beziehen - und nicht auf Arbeitsmarktchancen, die von Land zu Land, vom Nordkap bis Sizilien, von Portugal bis Polen ganz unterschiedlich sind.

Gleichwohl schiebt Senatorin Sager vorsichtshalber den Schwarzen Peter schon mal der deutschen Wirtschaft zu: Die habe Kurzstudiengänge gewollt und müsse auch die Absolventen abnehmen. Das trifft nicht genau zu, wie Hans-Jürgen Brackmann von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände klarstellt. Die Arbeitgeber wünschen jüngere Hochschulabsolventen, Mittzwanziger wie in England. Damit sind aber nicht automatisch kürzere Studiengänge mit Schmalspur-Abschluss gefordert, sondern Studienzeitverkürzungen.

Die Bundeswehrhochschulen geben seit mehr als einem Vierteljahrhundert ein gutes Beispiel: Dort ist das Studium nach rund dreieinhalb Jahren abgeschlossen, zwei Drittel der Anfänger schaffen das Universitätsdiplom. Das sind für "normale" Universitäten Traumwerte. Jetzt will die Bundeswehr ihre Studienplätze auch für eine begrenzte Zahl von Industriestipendiaten öffnen.

Inzwischen hat sich die Kultusministerkonferenz erst einmal um das Unterkommen der neuartigen Absolventen im öffentlichen Dienst gekümmert. Der Bachelor soll wie ein erfolgreicher Fachhochschüler im gehobenen, also mittleren Dienst einsteigen, der Master im höheren Dienst, der traditionell ein Universitätsstudium voraussetzt.

Welche Marktchancen aber hat denn der Master gegenüber dem herkömmlichen Diplom, wenn der Bachelor schon eine berufliche Luftblase ist? Schumann sieht die Hochschullehrer und fortgeschrittenen Studenten auf der sicheren Seite, weil der gesamte Studiengang "akkreditiert" werden soll. Neben Professoren sitzen in einer entsprechenden Kommission auch berufserfahrene Vertreter der chemischen Industrie.

Die Berliner Chemiker wollen sich entschlossener als alle anderen Fachbereiche in Deutschland auf den neuen Weg machen. Bewusst schließen sie einen vorläufigen "Modellstudiengang" neben dem Diplomstudium aus. "Die notwendige Anpassung von Lehrinhalten und Studierverhalten" gelingt laut Schumann womöglich besser "bei einer obligatorischen Form der neuen Studienstruktur". Ein Rückfahrschein könnte den Aufbruch zu neuen Ufern gefährden.

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