Gesundheit : Ausgebrannt

Brandenburger Psychologen ermitteln, dass 30 Prozent der Lehrer Burn-out-Syndrome zeigen

Uwe Schlicht

Schon immer war der Beruf des Lehrers durch besondere Belastungen geprägt. Sie unterrichten fünf bis sechs Stunden am Tag unter hoher Konzentration. Wenn sie sich einem einzelnen Schüler zuwenden, müssen sie zugleich die ganze Klasse im Blick haben. Für jede Stunde sollten sie so präpariert sein, dass sie frei sprechen können. Wer glaubt, dass die Schulferien und die weitgehende Begrenzung der Lehrtätigkeit auf die erste Hälfte des Tages Voraussetzungen für einen komfortablen Beruf bieten, scheint sich zu irren. Solche Urteile sind in den Augen des Deutschen Beamtenbundes Vorurteile mit fatalen Folgen. Auf der einen Seite wird der Lehrerberuf öffentlich abgewertet, auf der anderen führt er bei jungen Menschen zu einer falschen Entscheidung bei der Berufswahl.

Der Deutsche Beamtenbund und die ihm angeschlossenen Lehrerverbände haben Wissenschaftler vom Institut für Psychologie der Universität Potsdam mit einer Langzeituntersuchung beauftragt, die 1997 begann und bis zum Jahre 2007 dauern soll. Gestern präsentierte Professor Uwe Schaarschmidt Zwischenergebnisse einer Befragung von 7000 Lehrern. Zwischen 50 und 60 Prozent schwankt der Anteil der Lehrer in den deutschen Ländern, die zu so genannten Risikogruppen zählen. Besonders Besorgnis erregend ist der Anteil von 30 Prozent der Lehrer, die Burn-out-Syndrome zeigen. Sie sind ausgebrannt, weil sie den Umgang mit schwierigen Schülern nicht mehr beherrschen, unter der großen Klassenstärke leiden, nicht mehr die nötige Konzentration aufbringen, um den Unterricht erfolgreich zu gestalten. Auch nach dem Unterricht können sie nicht abschalten und verfallen in Resignation.

Da ohnehin viele Frauen den Lehrerberuf wählen, ist es nicht verwunderlich, dass von diesem Burn-out-Syndrom erheblich mehr Lehrerinnen als Lehrer erfasst werden. Am Beispiel der Stadt Bremen zeigt sich, dass 41 Prozent der Lehrerinnen an diesem Burn-out-Syndrom leiden gegenüber 25 Prozent der Lehrer. Besonders ältere Lehrer über 40 sind von diesem Syndrom betroffen, so dass es den Deutschen Beamtenbund jedenfalls nicht verwundert, wenn so viele Lehrer schon mit 58 Jahren in den Ruhestand gehen und nicht erst mit 65 Jahren.

Die zweite Risikogruppe ist dadurch gekennzeichnet, dass sie ein überhöhtes Engagement aufweist, also den Lehrerberuf mit dem Ehrgeiz zu guter Leistung verbindet. Aber ihren großen Anstrengungen folgt keine Anerkennung, weil sie die Belastungen nur schwer aushalten. Dieser auch gesundheitlichen Problemen ausgesetzte Teil der Lehrer ist vor allem in den neuen Ländern anzutreffen Das erklärt Professor Schaarschmidt mit den besonders belastenden Umstellungen nach der Wiedervereinigung – dem Abschied vom Sozialismus und von der von Lehrern verlangten Parteilichkeit. Während in Niedersachsen diese Risikogruppe bei 27 Prozent liegt, in Bayern sogar nur bei 14 Prozent, steigt sie in Berlin schon auf 34 Prozent und in Brandenburg auf 41 Prozent. Professor Schaarschmidt schließt es nicht aus, dass viele aus dieser Risikogruppe in etlichen Jahren dem Burn-out-Syndrom verfallen.

Spitzenfunktionäre des Deutschen Beamtenbundes, Erhard Geyer und Peter Heesen, forderten die Politiker auf, schon jetzt Konsequenzen aus dieser Studie zu ziehen. Das Durchschnittsalter der Lehrer sei mit 47 Jahren zu hoch. Über zaghafte Ansätze hinaus müssten die Schulen trotz der angespannten Haushaltslage für die Anstellung junger Lehrer geöffnet werden. Mit Dumping-Gehältern und Zeitverträgen gehe das nicht. Die Unterrichtsbelastung dürfte nicht, wie es gerade erst in Berlin geschehen ist, weiter erhöht werden. Vielmehr sei eine flächendeckende Reserve an Lehrerstellen einzurichten. Bundesweit müsse die Lehrerausbildung reformiert werden, und zwar einheitlich und nicht nach 16 Ländermodellen.

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