Gesundheit : Ausgefuchste Parasiten

Immer öfter tauchen Füchse in der Stadt auf. So wächst die Gefahr, von Bandwürmern befallen zu werden

Herrmann Feldmeier

Die alte Dame ist von dem Anblick so angetan, dass sie extra die Enkelkinder kommen lässt. Im hintersten Winkel ihres Gartens in Zollikon oberhalb des Zürichsees balgen sich vier Fuchswelpen. Die Fähe sichert ihre wenige Wochen alten Jungen, um sie bei Gefahr in den Bau zurückzutreiben, der sich unter einem Haufen alter Äste in einem ehemaligen Kaninchenbau befindet. Da es hier weder Hunde noch Katzen gibt, fühlen sich die Füchse offensichtlich sicher.

Wenn der Fuchs in städtischer Umgebung neue Nischen in Parks, Freibädern oder Gärten findet, so freut das den Naturfreund. Die Invasion der Pelztiere mit dem buschigen Schwanz ist allerdings nicht ohne Gesundheitsrisiko. In Süddeutschland und in der Schweiz sind Füchse häufig Träger eines Parasiten, der bei Menschen eine schwere Krankheit auslösen kann, die „alveoläre Echinokokkose“.

Städte mit vielen Grünanlagen sind zunehmend Ziel unternehmungslustiger Füchse. Ob in Berlin oder Stuttgart, die städtische Fuchspopulation hat in den letzten 15 Jahren stark zugenommen. In Zürich, wo es besonders viele Grünanlagen gibt, werden die im Stadtgebiet lebenden Füchse auf rund 400 geschätzt. Jeder zweite von ihnen dürfte den Fuchsbandwurm in sich tragen, wobei die Infektionsrate vom Zentrum zur Peripherie der Stadt zunimmt. Das bedeutet, dass besonders viele Tiere just dort infiziert sind, wo die Stadtbewohner mit oder ohne Hund gerne spazieren gehen, in den stadtnahen Grünanlagen und Wäldern also.

Erst das gleichzeitige Vorkommen eines Nagetiers namens Wühlmaus (Arvicola terrestris) macht die Immigration der Rotfüchse zum Gesundheitsrisiko. Das Nagetier ist nämlich der Zwischenwirt für die „Finnen“, eine Art Larvenstadium des Fuchsbandwurms.

Die Finnen setzen sich in der Leber fest und wachsen zu einem traubenartigen Gebilde heran, das die Leber allmählich zerstört. Im Stadtbezirk von Zürich, so haben Wissenschaftler der Abteilung Parasitologie der dortigen Universität herausgefunden, sind zwischen neun und 21 Prozent der Wühlmäuse befallen.

Frisst ein Hund oder eine Katze eine infizierte Wühlmaus, so wird das Tier zum Träger des ausgewachsenen Bandwurms. Der Halter erkennt in der Regel nicht, welche Gefahr vom Haustier ausgeht, das über Monate Bandwurmeier ausscheidet. Nehmen Menschen solche Bandwurmeier auf – etwa durch Spuren von Haustierkot – so entwickelt sich nach fünf bis 15 Jahren eine „alveoläre Echinokokkose“. Da die Krankheit meist erst dann bemerkt wird, wenn die Finnen die Leber bereits weitgehend zerstört haben, ist die Fuchsbandwurm-Erkrankung eine lebensbedrohliche Infektion. Sinnvolle Wege zur Vorbeugung haben die Zürcher Forscher untersucht.

Dazu wurden in Parks und Waldgebieten am Rande von Zürich zwölf je ein Quadratkilometer große Areale markiert. In sechs dieser Gebiete wurden über einen Zeitraum von 16 Monaten regelmäßig jene Köder ausgebracht, mit denen die Füchse üblicherweise gegen Tollwut geimpft werden. Allerdings enthielten die „Leckerbissen“ in diesem Fall das Wurmmittel „Praziquantel“, das im Darm befindliche Bandwürmer sicher abtötet. Die sechs anderen Gebiete dienten als Kontrollareale.

Um zu messen, wie häufig der Bandwurm in der jeweiligen Fuchspopulation vorkommt, wurde einmal im Monat in jedem der Gebiete systematisch nach Fuchslosung gesucht. In insgesamt 1537 Kotproben fahndeten die Forscher mit einem neu entwickelten Verfahren nach „Koproantigen“, einem Eiweiß, das von erwachsenen Bandwürmern ausgeschieden wird. Dabei gilt, je mehr Würmer sich im Darm eines Fuchses aufhalten, um so höher ist die Konzentration des entsprechenden Markermoleküls im Kot.

Parallel dazu wurden in den untersuchten Gebieten Wühlmäuse gefangen und auf Bandwurmfinnen untersucht. Die Forscher stellten fest, dass überall dort, wo die Füchse das Wurmmittel aufgenommen hatten, die Häufigkeit Antigen-positiver Kotproben stark zurückging – mindestens um den Faktor acht, im besten Fall sogar um den Faktor 37.

Wenn Füchse weniger häufig Bandwürmer haben, müsste zeitversetzt eigentlich auch der Befall der Wühlmäuse mit den Echinokokken-Finnen zurückgehen. Und genau das trat ein, wenn auch der Effekt nicht so ausgeprägt war wie bei den Füchsen. Je weniger Wühlmäuse aber Träger von Bandwurmfinnen sind, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine kranke Wühlmaus von Hund oder Katze gefressen wird.

Die Parasitenforscher haben mit ihrem Projekt sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen zeigte sich, dass eine Methode, die sich zur Bekämpfung der Tollwut bewährt hat, sich genauso gut zur Vorbeugung der „alveolären Echinokokkose“ einsetzen lässt.

Zum anderen belegen die Ergebnisse, dass zur Erfassung des Fuchsbandwurmrisikos Füchse nicht mehr abgeschossen werden müssen. Es reicht vielmehr, mit immunologischen Methoden nach Spuren des betreffenden Krankheitserregers im Kot zu suchen.

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