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Graham Jefcoate verlässt die Staatsbibliothek zu Berlin schon ein Jahr nach seiner Amtseinführung – im Streit um die Zukunft des Hauses

Amory Burchard

Eine Bibliothek sei geeignet, „unerwartete Ausblicke für die gemeinsame Zukunft der Menschheit zu eröffnen“, schwärmte Graham Jefcoate, als er zum 1. März 2002 Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin wurde. Ein Jahr und 13 Tage nach der Amtseinführung steht fest: Graham Jefcoate und die Staatsbibliothek haben keine gemeinsame Zukunft mehr. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Generaldirektor haben sich gestern getrennt. Damit ist die kurze Ära des aus Großbritannien stammenden Bibliothekars beendet, die so hoffnungsvoll begonnen hatte. Jefcoate war vor seinem Wechsel nach Berlin Abteilungsleiter an der British Library in London.

Wegen „unterschiedlicher Auffassungen beider Seiten zur zukünftigen Ausrichtung der Staatsbibliothek“ scheide der Generaldirektor aus dem Dienst der Stiftung, heißt es in einer Erklärung. Offiziell soll das Arbeitsverhältnis zum 31. März enden. Darüber sei Jefcoate mit dem Präsidenten der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann, übereingekommen. Schon gestern jedoch war Jefcoate in seinem Büro nicht mehr zu erreichen. Auch Lehmann stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.

Hinter der Vertragsauflösung scheint ein tiefes Zerwürfnis Jefcoates mit Abteilungsleitern der Staatsbibliothek zu stehen. Stiftungspräsident Lehmann, ehemaliger Leiter der Deutschen Bibliothek in Frankfurt, soll seit einigen Monaten versucht haben zu vermitteln. Lehmann habe an mehreren Sitzungen der Abteilungsleiter mit Jefcoate teilgenommen, heißt es aus der Potsdamer Straße. Offenbar liegen dem Streit die ungelösten organisatorischen Probleme der „einen Bibliothek in zwei Häusern“ zu Grunde. Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung, 1992, wurden die Deutsche Staatsbibliothek im historischen Bau Unter den Linden und die West-Berliner „Stabi“ mit dem Neubau in der Potsdamer Straße zusammengeführt. Mit der kompletten Neuordnung aller Abteilungen gehen seither die elektronische Modernisierung der Bibliothek sowie Sanierungs- und Baumaßnahmen einher.

Das große Projekt, mit dem Jefcoate vor einem Jahr antrat, jedoch hieß „Digitalisierung“. Die meisten Nutzer würden in der Zukunft online auf Texte zugreifen wollen, erklärte der Brite. Deshalb müssten Bibliotheken massiv in ihre technische Ausstattung investieren und ihren Nutzern den bestmöglichen Zugang zu den riesigen Datenmengen ermöglichen. Die alte Welt des Buches, so Jefcoate im November, werde bald nicht mehr wiederzuerkennen sein. Das müssten auch ihre Beschützer, die Bibliothekare, verstehen. Möglicherweise raste diesen der visionäre Zug ihres Chefs zu schnell in die Zukunft, während die Probleme des Alltags unerledigt blieben.

Dabei schien Jefcoate für Berlin „simply the best“ zu sein. Die British Library gilt Bibliothekaren – und Lesern – weltweit als leuchtendes Beispiel einer Büchersammlung. Vor allem in der reibungslosen Bibliotheksorganisation ist sie Berlin weit überlegen. Es war zu hoffen, dass es dem neuen Mann an der Spitze der Staatsbibliothek gelingen würde, den Londoner Servicegeist mitzubringen. Auch im deutschen Bibliothekswesen kenne sich der Brite bestens aus, lobte Stiftungspräsident Lehmann zur Begrüßung in Berlin: Nach seinem Studium in Cambridge und London arbeitete der 1951 geborene Jefcoate in den 80er Jahren an der Universität Münster über die Bestände von englischen Drucken der Universitätsbibliothek Göttingen. Die Staatsbibliothek kannte er von einem Studienaufenthalt 1979. Sein Vorgänger im Amt des Generaldirektors, Antonius Jammers, erklärte vor einem Jahr, warum der Brite das Rennen um den hohen Posten machte: „Er war der Beste.“

Tatsächlich hat sich Jefcoate in Berlin nicht nur um die Vision der „Bibliothek der Zukunft“ verdient gemacht. So konnte die Restaurierung eines der wertvollsten Bestände der Staatsbibliothek, der Sammlung der Bach-Autographe, in seiner Amtszeit fast abgeschlossen werden. Gut 3500 vom Tintenfraß bedrohte Blätter wurden gerettet – ein Projekt, das rund eine Million Euro kostete. Beim Neujahrsempfang der Staatsbibliothek dankte der zuständige Abteilungsleiter allerdings ausdrücklich Antonius Jammers. Nur dessen „äußerst entschlossenes Handeln“ habe das Mammutprojekt möglich gemacht. Den Applaus, der daraufhin in der Potsdamer Straße aufbrandete, muss man im Nachhinein als demonstrativ bezeichnen.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verabschiedet Graham Jefcoate mit einer Würdigung. „Die hohe fachliche und persönliche Wertschätzung“, die der Präsident der Stiftung für Jefcoate hege, sei von der Trennung „unberührt“. Lehmann danke ihm „für das herausragende Engagement in dessen bisheriger Amtszeit“.

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