Gesundheit : Ausländerhass: Das Prinzip "Neger raus"

Philipp Steinheim

Am 31.Oktober 1989 demonstrierten in Wolfen bei Bitterfeld tausend Menschen für ein Ende der SED-Herrschaft. Auf Transparenten forderten sie neben Freien Wahlen auch: "Deutschland den Deutschen - Schwarze raus aus der DDR". Wenige Monate später wurde in einem internen Bericht zur Lage in den DDR-Bezirken festgestellt: "Zugenommen haben (...) extremistische und ausländerfeindliche Aktivitäten. In mehreren Orten der DDR kam es zu Schmierereien" - so in Lohsa ("Russentod") oder Halle ("Ausländer raus"). An einem Wohnheim für ausländische Werktätige in Rathenow hieß es sogar: "Tod den Negern".

Diese Äußerungen von Ausländerhass aus der Endphase der DDR hat der Potsdamer Historiker Hans-Hermann Hertle zusammengestellt. Er stützt damit eine These seiner Kollegen am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF): Ausländerhaß und Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern sind aus dem Erbe der DDR-Staats- und Gesellschaftsordnung entstanden - und nicht zuerst Folge "traumatischer" Erfahrungen während der Veränderungen nach 1989.

Die Thesen der Potsdamer Historiker wurden erstmals im März vorgestellt und sorgten bereits damals über die Wissenschaftskreise hinaus für Aufsehen. Auf einer Tagung am vergangenen Wochenende in Potsdam wurden die provokativen Thesen durch Forschungsergebnisse bestätigt. Dort wurden zahlreiche differenzierte Forschungsbeiträge zu den verschiedenen Einzelaspekten des Themas vorgestellt.

Vor zwei Jahren begannen Patrice Poutrus, Jan Behrends und Dennis Kuck der Frage nach historischen Ursachen für Fremdenfeindlichkeit auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nachzugehen. Dabei unterstützten sie das Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit des Landes Brandenburg. Denn aus den Erkenntnissen der Wissenschaftler können sich auch Ansatzpunkte für die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit ergeben. Im Mittelpunkt der Argumentation steht die These: Das gesellschaftliche Klima in der DDR, das ein Höchstmaß an Konformität und Konfliktfreiheit zum Normalzustand erklärte, bot nur schlechte Voraussetzungen für einen toleranten Umgang mit "Anderen" und "Fremden".

So zeigte beispielsweise Thomas Lindenberger (Potsdam) am Beispiel der DDR-Rechtspolitik gegenüber "Asozialen" und "Rowdies", wie die angebliche Homogenität der Gesellschaft durch die gezielte Ausgrenzung "Anderer" konstruiert wurde und Ausgrenzung geradezu als ein konstituierendes Prinzip der DDR-Gesellschaft funktionierte. Gleichzeitig, so die These, führte das grundlegende Legitimationsdefizit der SED zu anhaltender Distanz großer Teile der Bevölkerung zum Staat. Da aber die Präsenz von Ausländern an die Interessen der SED gebunden war, konnten "Fremde" immer auch als Symbol sozialistischer Herrschaft wahrgenommen wurden. So konnte es offenbar nahe liegen, mit dem Ende der SED auch ein Ende der Anwesenheit von Ausländern in der DDR zu fordern. Denn die wenigen Ausländer in der DDR, nie mehr als zwei Prozent der Bevölkerung, blieben bis zu deren Ende "Fremde".

Kontakt mit den Einheimischen verhinderte eine gezielte Abschottungspolitik, wie Dennis Kuck am Beispiel ausländischer Vertragsarbeiter belegte. Deren Aufenthalt, offiziell begrenzt auf einige wenige Jahre der "Ausbildung", blieb weitgehend eine staatliche Angelegenheit. Tatsächlich arbeiteten die Vertragsarbeiter aus Mosambik, Angola, Algerien, Kuba und Vietnam vorrangig zum Nutzen der DDR-Wirtschaft. Denn auch in Ostdeutschland verrichteten ausländische Vertragsarbeitskräfte oft Tätigkeiten, die Deutsche nicht (mehr) ausüben wollten.

"Die kamen ja direkt aus dem Busch", zitierte Annegret Schüle von der Universität Leipzig eine Leipziger Baumwollspinnerin über ihre Kolleginnen aus Mosambik und Angola. Diese ersetzten in den 1980er Jahren fehlende deutsche Arbeiterinnen in der zunehmend unbeliebten Branche. Dabei kam es auch zu Integrationsversuchen, denen freilich enge Grenzen gesetzt waren. Denn außerhalb der Arbeit Kontakt zu ausländischen Kollegen zu suchen, bedeutete unter den geschilderten Umständen bereits "kleine Dissidenz" (Dennis Kuck). Ein Konzept zur Integration der in der DDR lebenden Ausländer hatte die SED nicht - und eine Debatte darüber ließ sie nicht zu, wie Patrice Poutrus überzeugend darlegte. So sei die Bevölkerung mit Fremdheitserfahrungen weitgehend allein gelassen worden. Konflikte ("ausländische Werktätige" wurden nicht selten als Konkurrenten um Mangelwaren gesehen) konnten nicht offen ausgetragen werden, denn offiziell herrschte das Propagandabild von Völkerfreundschaft und internationaler Solidarität. Tatsächlich aber, so weisen die Potsdamer Historiker nach, habe die DDR, entgegen gängiger Mythen, nie mit dem Erbe des deutschen Nationalismus gebrochen. Immer wieder habe sich die sozialistische Nation DDR als "deutsch" dargestellt. So ließ sich 1989 problemlos an nationalistische Vorstellungen aus wesentlich älteren Traditionssträngen anknüpfen. Die Autoren des Potsdamer Thesenpapiers betonen, dass es ihnen fern liege, Anzeichen für Fremdenfeindlichkeit etwa nur in der DDR zu entdecken und Rechtsextremismus in Westdeutschland zu übersehen. So hob Jürgen Danyel hervor, wie wichtig es sei, die Ursachen, die hinter die kurze Geschichte der deutschen Vereinigungsgesellschaft in die DDR zurückweisen, in ihrer Komplexität zu erfassen und Maßstäbe zur Bewertung offenzulegen. Denn nicht nur Deutsche und Ausländer stünden sich in dieser Diskussion fremd gegenüber, sondern auch Ost- und Westdeutsche.

Trotzdem herrschte in der Abschlussdiskussion Einigkeit darüber, dass die vorhandenen Defizite nur durch eine offene Debatte abgebaut werden könnten. Der rechten Jugendkultur müsse von den Erwachsenen widersprochen und aktiver Widerstand entgegengesetzt werden, forderte die Berliner Psychologin Annette Simon. Die Ausländerbeauftragte des Landes Berlin, Almuth Berger, meinte, daß es ebenso nötig sei, die Möglichkeit zu interkultureller Begegnung anzubieten wie auch die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen. Berger berichtete von einem Dorf in Brandenburg, dessen Einwohner sich mit einer Lichterkette gegen die Aufnahme von Asylbewerbern wehren wollten. "Das konnten wir denen gerade noch ausreden", so Berger mit Blick auf das mögliche Medienecho. Das Asylbewerberheim wurde gebaut, die Fremden kamen. Doch während die älteren Einwohner des Dorfes weiter Distanz hielten, habe sich das Heim inzwischen zu einem regelmäßigen Treffpunkt deutscher und ausländischer Jugendlicher entwickelt. Berger: "Das ist jetzt eine Art Jugendclub."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben